"Demokratie braucht viele Stimmen": Unter diesem Motto wollen zahlreiche Medien, darunter auch Sonntags, vom 14. bis 19. September für die Bedeutung von Journalismus und Medienvielfalt werben.

Anlass ist der Internationale Tag der Demokratie am 15. September. Zeitungen und Zeitschriften, private und öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter sowie ihre Verbände wollen gemeinsam ein Zeichen für eine informierte demokratische Öffentlichkeit setzen.

Das klingt erst einmal alles selbstverständlich. Aber vielleicht liegt genau darin das Problem.

Selbstverständlich braucht eine Gesellschaft Journalismus. Menschen brauchen verlässliche Informationen, Recherche und Einordnung, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Gerade in einer Öffentlichkeit, in der soziale Netzwerke, Plattformen und KI-Systeme zunehmend darüber mitentscheiden, welche Informationen Menschen erreichen, ist das wichtiger denn je. 

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), der die Initiative angestoßen hat, warnt vor einer zunehmenden Machtkonzentration bei digitalen Plattformen und möchte mit der Kampagne auch politischen Handlungsdruck erzeugen.

Journalismus darf sich aber nicht nur immer wieder seiner eigenen Bedeutung vergewissern. Er muss sie jeden Tag aufs Neue aktiv unter Beweis stellen.

Journalismus muss unbequem sein

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Journalismus noch brauchen. Sondern: Was muss Journalismus leisten, damit Menschen ihm vertrauen können?

Dazu gehört zunächst, dass Journalismus nicht nur diejenigen kontrolliert, die weit weg sind – in Berlin oder Washington. Er muss auch dort kritisch bleiben, wo es unangenehm wird – gegenüber Politik und Wirtschaft ebenso wie gegenüber den eigenen Institutionen, Milieus und Auftraggeber:innen.

Das gilt auch für kirchlichen Journalismus. Kirchliche Medien bewegen sich in einer besonderen Situation. Einerseits berichten sie über Kirche, Religion und Gesellschaft, andererseits sind sie teilweise organisatorisch und finanziell mit kirchlichen Strukturen verbunden. Das macht sie jedoch nicht automatisch zu Öffentlichkeitsarbeit. Im Gegenteil: Es braucht eine klare Trennung zwischen journalistischer Arbeit und Interessenkommunikation.

Ein kirchliches Medium muss über die Kirche kritisch berichten können. Es muss Bischöf:innen und Kirchenleitungen hinterfragen, Fehlentwicklungen benennen, Konflikte sichtbar machen und auch Positionen zu Wort kommen lassen, die der eigenen Institution nicht gefallen.

Was passiert, wenn kirchlicher Journalismus verschwindet?

Diese Frage wird in den kommenden Jahren noch wichtiger werden. Die Kirchen stehen unter erheblichem finanziellen Druck. Strukturen werden verkleinert, Stellen abgebaut und Medienangebote auf den Prüfstand gestellt.

Dabei wird häufig die Frage gestellt, ob sich kirchlicher Journalismus wirtschaftlich noch lohnt. Die entscheidendere Frage ist jedoch: Was geht verloren, wenn journalistische Strukturen verschwinden?

Die kirchliche Presse erfüllt eine Funktion, die über die Berichterstattung über Gottesdienste, Personalien und kirchliche Veranstaltungen hinausgeht. Sie beobachtet eine gesellschaftlich relevante Institution, die in Bayern weiterhin über große personelle, finanzielle und soziale Ressourcen verfügt. Sie berichtet über ihre Konflikte und Debatten. Und sie erreicht Menschen, die sich für Religion interessieren, aber auch Menschen, die wissen wollen, was in einer der großen gesellschaftlichen Organisationen des Landes geschieht.

Wenn dieser Journalismus verschwindet, verschwindet eine Stimme, die die Institution von innen kennt und sie deshalb von außen kritisch betrachten kann.

"Viele Stimmen" heißt auch: widersprechen können

Das Motto der Initiative ist interessanter, als es zunächst vielleicht klingt. "Demokratie braucht viele Stimmen" bedeutet eben nicht, dass möglichst viele Medien denselben Satz über die Bedeutung des Journalismus veröffentlichen. Es bedeutet auch nicht, dass Journalist:innen automatisch die besseren Demokrat:innen sind.

Glaubwürdiger Journalismus beginnt nicht mit Selbstlob, sondern mit Selbstkritik. Eine Medienwoche, die lediglich darin besteht, dass Medien gemeinsam erklären, wie unverzichtbar sie selbst sind, und sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, bliebe hinter ihrem Anspruch zurück.

Erst wenn die Initiative auch unangenehme Fragen zulässt, wird sie interessant. Beispiel: Wie transparent sind die Finanzierungsstrukturen wirklich? Ein Medienhaus, das von Anzeigen lebt und dessen größter Anzeigenkunde eine Firma ist, über die es gerade recherchieren müsste – wie frei ist dieses Medium wirklich? Und wie ehrlich ist eine Branchenkampagne, die solche Konflikte ausblendet?

Denn warum vertrauen viele Menschen journalistischen Medien nicht mehr? Nicht nur, weil ihnen Algorithmen Informationen vorenthalten, sondern auch, weil sie erleben, dass sich Medien manchmal näher an Institutionen oder ihren größten Anzeigenkunden orientieren als an denjenigen, die sie informieren sollen.

Demokratie braucht nicht nur viele Stimmen

Sie braucht Journalismus, der nicht einfach wiedergibt, was Institutionen oder Behörden über sich selbst erzählen. Sie braucht Redaktionen, die nachfragen, wenn alle anderen schon weitergegangen sind. Sie braucht Medien, die ihre Arbeit sorgfältig machen und Kritik aushalten können.

Und sie braucht Medienhäuser, Verlage und Institutionen, die diesen Journalismus strukturell absichern, indem sie ihre Finanzierungsstrukturen transparent machen, redaktionelle Unabhängigkeit nicht nur proklamieren, sondern garantieren und Journalist:innen auch dann den Rücken stärken, wenn Recherchen unbequem werden.

Das erfordert auch neue Wege der Finanzierung. Wenn Kirchen ihre Medienförderung kürzen, weil sie selbst unter Druck stehen, müssen Redaktionen sich eine andere materielle Grundlage schaffen. Wir führen bei Sonntags deshalb bald ein Steady-Modell ein. Über solidarische Mitgliedschaften habt ihr so die Möglichkeit, den Journalismus direkt zu unterstützen. Das macht sichtbar, von wessen Vertrauen Journalismus letztlich abhängt.

Denn wer kontrolliert die Kirche, wenn kirchlicher Journalismus verschwindet?