Warum verbringen wir Weihnachten in erster Linie mit unserer Familie? Warum kann ein Ehepartner im Krankenhaus als Angehöriger gelten, der beste Freund aber nicht? Warum erscheint es völlig normal, für eine Beziehung in eine andere Stadt zu ziehen, während kaum jemand seinen Wohnort wechselt, um näher bei einer guten Freundin zu sein?

Unsere Gesellschaft organisiert praktisch alles um Paar und Familie. Steuerrecht, Erbrecht, Wohnen, Krankenbesuche – überall gilt die Familie als primäre Beziehung. Freundschaft dagegen erscheint als etwas Zusätzliches: wichtig, aber letztendlich nachrangig. Der Soziologe Geoffroy de Lagasnerie hält das für einen Fehler.

In "3 – Ein Leben außerhalb" nimmt er sein eigenes Leben zum Ausgangspunkt. Seit vielen Jahren bilden er, der Philosoph und Soziologe Didier Eribon und der Schriftsteller Édouard Louis ("Das Ende von Eddy") eine ungewöhnlich enge Gemeinschaft. Sie telefonieren regelmäßig, essen zusammen, reisen miteinander, diskutieren ihre Texte und begleiten die Arbeit der anderen. Freundschaft ist das Zentrum ihres Lebens.

Leben außerhalb klassischer Paarbeziehungen

Das klingt zunächst wie ein weiteres Lob der Freundschaft, jedoch meint Lagasnerie es ernster, denkt radikaler. Er will Freundschaft nicht als Ersatzfamilie rehabilitieren, sondern fragt vielmehr, warum wir unser Leben überhaupt nach Beziehungen erster und zweiter Klasse sortieren.

Dabei erinnert die Lektüre an Daniel Schreibers "Zeit der Verluste", das um die Frage kreist, wie ein Leben außerhalb der klassischen Paarbeziehung gelingen kann. Jedoch schreibt Schreiber wesentlich melancholischer. Für ihn können Freundschaften Menschen zwar tragen, und doch erlebt er spätestens in Krisen, dass Freunde Partner und Familien haben, die im Zweifelsfall zuerst kommen.

Lagasnerie geht dabei noch weiter und spricht vom "Familialismus", also von einer gesellschaftlichen Ordnung, die Paar und Familie nicht nur bevorzugt, sondern andere Lebensformen unsichtbar macht. Das betrifft Gesetze, Institutionen und sogar unsere Sprache. Dabei fährt er mit Foucault und Bourdieu schwere Geschütze auf, um seine Erfahrungen theoretisch abzusichern.

Das Dreieck bleibt erstaunlich aufgeräumt

Zu kurz kommt allerdings, was ebenso spannend gewesen wäre: wenn er weitererzählt hätte, wie es in seiner Dreierbeziehung konkret aussieht. Wer ruft wen an, wenn es ihm schlecht geht? Wer nervt wen? Was geschieht, wenn einer einen Vierten kennenlernt? Gibt es Eifersucht? Was passiert, wenn zwei etwas miteinander teilen, von dem der Dritte ausgeschlossen bleibt?

Dabei fällt eine Leerstelle im Buch besonders auf. Lagasnerie und Eribon sind seit vielen Jahren ein Paar, Louis der Dritte. In ihrem Dreieck gibt es also doch wieder ein Paar.

Darüber hinaus kommt Sexualität erstaunlich wenig vor. Begehren, Eifersucht und die Frage, ob die Intimität zwischen Lagasnerie und Eribon eine andere ist als jene zu Louis, bleiben ausgeklammert. Und natürlich muss ein Buch keine privaten Details preisgeben. Wer aber das eigene Leben zum Modell einer anderen Beziehungsordnung erklärt, sollte sich fragen lassen, warum er einen so wesentlichen Teil kaum betrachtet.

Denn wenn ein Autor ein Buch darüber schreibt, wie revolutionär das eigene Leben zu dritt ist, möchten wir irgendwann auch wissen, wie dieses Leben tatsächlich funktioniert – nicht nur, was Michel Foucault dazu geschrieben hat. Oder?

So schreibt Lagasnerie einerseits ausgesprochen persönlich, über Freundschaft, Reisen, Gespräche und die intellektuelle Nähe der drei Männer. Andererseits wirkt dieses Leben erstaunlich aufgeräumt. Konflikte, Konkurrenz, Sex, Besitzansprüche oder Enttäuschungen kommen kaum vor.

Spannende Impulse, offene Fragen

So bleiben uns am Ende spannende Impulse, unseren Blick auf Freundschaft zu verändern, mehr aber auch nicht. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir hatten sich mehr getraut.

Geoffroy de Lagasnerie: 3 – Ein Leben außerhalb (2023), Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 208 Seiten, 26 Euro.

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Mehr dazu: Édouard Louis: Freiheit, Frau und Daniel Schreiber: Zeit der Verluste.