Die Kirchen verlieren an Glaubwürdigkeit. Das ist keine Neuigkeit mehr. Doch spätestens seit 2024 kommt zur vertrauten Kritik an Kirchensteuer und Hierarchie etwas Neues hinzu: Der Vorwurf von Machtmissbrauch durch sexualisierte Gewalt – nun auch gegen die evangelische Kirche.
2018 hatte der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber noch öffentlich beteuert, es gebe "nicht dieselben strukturellen Voraussetzungen wie in der katholischen Kirche". Hierarchie, Autoritätsverhältnisse, Pflichtzölibat, Sexualmoral – all das fehle. Ein Irrtum, wie sich zeigte.
Mit der ForuM-Studie 2024 stehen auch evangelische Strukturen im Fokus: sexualisierte Gewalt, Machtmissbrauch. Die Machtstrukturen sind tief verankert, historisch gewachsen, scheinen kaum je gebrochen.
Debatte aus den eigenen Reihen
Die Debatte kehrt zurück – diesmal aus der eigenen Basis, von denen, die an ihre Kirche glauben und Veränderungen einfordern. Promovendinnen, Studierende, Pfarrerinnen, Mitarbeitende aus allen Bereichen der evangelischen Kirche fragen: Wie geht Kirche mit Macht um?
Am Reformationstag, der Keimzelle aller Kirchenkritik, trafen sich rund dreißig Theolog:innen, Religionswissenschaftler:innen und Interessierte online zur Podiumsdiskussion. Sie sprachen über Macht, Missbrauch und den Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche. Oder, zugespitzt gefragt: What now?
"Kritische Tage" und das Netzwerk "Machtsensible Kirche"
Die online Veranstaltungsreihe Kritische Tage, organisiert von Religionswissenschaftler:innen und The*log:innen, gibt es seit 2021. Sie bietet Forschenden, Studierenden und Interessierten eine digitale Plattform für diskriminierungssensible und machtkritische Religionsforschung. An diesem Abend war auch das entstehende Netzwerk "Machtsensible Kirche" auf dem Podium vertreten.
Die Teilnehmenden blieben anonym. Auch das gehört zur Debatte: Wachsamkeit, Selbstfürsorge, Schutz. Drei Impulse eröffneten die Diskussion, danach kamen die Stimmen aus der Runde. Immer im Bewusstsein, dass persönliche Erfahrungen und kritische Beobachtungen einen geschützten Raum brauchen.
Den Auftakt machte die Theologin und Genderforscherin Annika Walter-Israel. Sie sprach über ihre Forschung und Lehre zu "Macht, Missbrauch, Verantwortung – Umgangsweisen mit kirchlicher Macht im Kontext von Theologie und Praxis".
Im Anschluss berichtete eine Betroffene von ihren Erfahrungen mit Machtmissbrauch in kirchlichen Arbeitsstrukturen. Ihr mahnender Hinweis: Macht beginnt im Kleinen – am Arbeitsplatz, durch Mobbing, Vertuschung, Ausgrenzung.
Das Netzwerk "Machtsensible Kirche" erhebt Stimme
Den Abschluss des Abends gestaltet Susanne Paul als Vertreterin für das selbstorganisierte Netzwerk "Machtsensible Kirche" innerhalb der hannoverschen Landeskirche. In ihrem Vortrag machte sie deutlich, wie die Veröffentlichung der ForuM-Studie einen Wendepunkt markierte:
Das Thema "Macht und Kirche" wurde zum Anlass der Kontaktaufnahme – auch unter denjenigen, die sich gerade im Netzwerk zusammenschließen. Paul skizzierte die Schritte, die das Netzwerk unternommen hat, und lieferte so die Genese des Themas, um das sich die Gespräche in der Folge drehten. Der Projekttitel verriet dabei schon viel:
"Wenn ihr's nicht tut, dann machen wir's." Eine klare Ansage an die Kirchenleitung.
Ausgehend von Pauls Vortrag wurde deutlich, wie die Kirche auf die ForuM-Studie reagierte – und wo die Versäumnisse lagen: in der Aufarbeitung und der Kommunikation. Die Schwere des Vorwurfs wird am "Oesede"-Fall von 2021 sichtbar: Ein angehender Diakon hatte in den Siebzigerjahren mindestens acht Kinder in der evangelischen Kirchengemeinde Oesede bei Osnabrück missbraucht, die hannoversche Kirchenleitung hielt den Fall jedoch jahrzehntelang unter Verschluss. Erst über fünfzig Jahre nach den Taten kam die Wahrheit ans Licht.
Brief an die Kirchenleitung – und die "Zähmung"
Auf dieser Grundlage und der bundesweit Schlagzeilen machenden ForuM-Studie formulierte das Netzwerk in einem Brief an die Kirchenleitung klare Forderungen zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch: Kulturwandel, Verhaltensänderung, Transparenz sowie theologische Auseinandersetzung über Macht und Gewalt.
Über 350 Menschen unterschrieben, die Hannoversche Allgemeine titelte "Rebellion der Pastoren".
Dann kam, was Paul die "Zähmung" nennt. Einzelne Befürworter:innen des Briefes wurden von Superintendent:innen befragt, auf welcher Seite sie ständen. Es ging nicht um die Sache, sondern um Loyalität, sagt Paul.
Eigene Initiativen außerhalb der Landeskirche
Das werdende Netzwerk "Machtsensible Kirche" organisierte ein Barcamp, partizipativ, hierarchiearm außerhalb der landeskirchlichen Strukturen. Außerdem fand ein von der Landeskirche organisierter Werkstatttag in Hannover statt.
Daraufhin schickte das Netzwerk einen zweiten Brief mit seinen Forderungen an die Kirchenleitung, berichtet Paul. Doch die Resonanz blieb verhalten. Möglicherweise konzentrierte sich die Kirchenleitung nur auf einen Punkt des Briefes, nämlich die Frage nach dem Rücktritt des hannoverschen Landesbischofs Ralf Meister, so Paul. Auch viele der früheren Unterstützer:innen zögerten, zu unterschreiben – aus Angst vor Karriereeinbußen oder Vermerken in ihren Akten, wie am Abend vermutet wurde.
Das Ziel blieb unverändert: eine machtsensible Kirche zu schaffen. Vor allem für die Betroffenen, die ihre Geschichten immer wieder erzählen mussten. Ihre Botschaft war klar: "Jetzt seid ihr dran!". Zugleich ging es Paul um mehr: um die Frage, wo die Erschütterung blieb nach den Skandalen.
"Es herrscht eine Mentalität des Weitermachens, anstatt einer Veränderung der Denkweise." Harmonisierungszwang statt Verantwortungsbewusstsein.
Unsichtbare Macht im Alltag
Neben offizieller Macht gibt es auch unsichtbare, inoffizielle Macht, sagt eine Teilnehmende. Das zeigt der Erfahrungsbericht der anwesenden Betroffenen: Macht wirkt oft subtil – wenn Beförderungen verweigert, Aufgaben entzogen oder berufliche Entwicklungschancen gezielt verwehrt werden. Gerade die zwischenmenschliche Dimension von Macht sei schwer zu fassen und noch schwerer, ihr wirksam zu begegnen.
Am Ende des Abends sind sich alle einig: Die kritische Handreichung an die Kirchenleitung ist eine wohlmeinende Erinnerung an ihre Verantwortung – und zugleich ein Schutz vor dem Druck der Öffentlichkeit. Kurz gesagt: Machtfreie Kanäle von der Basis bis zur Kirchenleitung zu öffnen, um die Kirche im Spiegel ihrer eigenen Macht bewusst zu stärken.
Ausblick: Machtreflexion auf der EKD-Synode
"Macht und Kirche" ist auch ein Schwerpunktthema der Synodentagung der EKD von Sonntag bis Mittwoch (9.–12. November) in Dresden.
Bleibt zu hoffen, dass die Reflexion nicht an den eigenen Machtstrukturen scheitert, sondern dass sie sich gerade mit diesen auseinandersetzt – und dass die Erinnerung der Basis, über einen Brief vermittelt, als ureigenes evangelisches Prinzip anerkannt und als demokratisches Prinzip unterstützt wird.