Es beginnt mit Umarmungen. Mit diesem besonderen Lächeln von Menschen, die wissen, was sie miteinander durchgestanden haben. Nürnberg ist an diesem Wochenende kein gewöhnlicher Veranstaltungsort, sondern ein Resonanzraum für fünf Jahrzehnte Mut, Berufung und Widerstandskraft. 

50 Jahre Frauenordination in Bayern. Ein Jubiläum, das gefeiert wird und gleichzeitig offenlegt, wie hart dieser Weg war. Und an manchen Stellen noch immer ist. 

In ihrer Keynote weitet die Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes, Anne Burghardt, den Blick auf die weltweite Situation. In vielen Ländern erstarken rechtskonservative und rechtsextreme Kräfte. Mit ihnen wachsen auch Bestrebungen, Frauen im geistlichen Amt zurückzudrängen. Deshalb müsse die Frauenordination nicht nur gesellschaftlich, sondern auch theologisch verteidigt werden, so Burghardt. Gott berufe Frauen und Männer in den Dienst. Das Argument, nur Männer dürften Pfarrer oder Priester sein, grenzt für sie als Theologin an Ketzerei. 

Was wünscht sie sich zum 100-jährigen Jubiläum? "Normalität." In 50 Jahren sollte es nichts Besonderes mehr sein, wenn Frauen ordinierte Pfarrerinnen sind. Dass man dann feiert, aber nicht mehr, weil es noch immer erklärungsbedürftig ist. 

Kommentare zur Kleidung, Hinweise auf passende Frisuren

Wie weit wir davon entfernt sind, zeigen ausgerechnet die Geschichten junger Pfarrerinnen, die erst in den letzten Jahren ordiniert wurden. Kommentare zur Kleidung. Hinweise auf "passende" Frisuren. Offene Haare würden angeblich älter machen. Fragen, wie man das denn mit Kindern schaffe. Fragen, die männlichen Kollegen kaum gestellt werden. 

Dass solche Anekdoten nicht aus den 70er-Jahren, sondern aus der Gegenwart stammen, macht deutlich: Rechtliche Gleichstellung ist nicht gleich gelebte Gleichberechtigung. 

Als die zwölf Pionierinnen über den roten Teppich nach vorne gebeten werden, gibt es lauten Applaus. Frauen der ersten Stunde. Frauen, die mit dem Theologiestudium begonnen haben, obwohl ihnen klar war, dass sie offiziell noch gar nicht Pfarrerin werden konnten. Und trotzdem war da diese Berufung, dieses innere Wissen und der Wunsch, Gott im Pfarramt zu dienen. 

Sie haben studiert, obwohl ihnen der Weg versperrt schien. Das allein verdient Respekt. Hinzu kamen ganz andere Herausforderungen als heute: strukturelle Ausschlüsse, fehlende rechtliche Möglichkeiten und offene Ablehnung. 

Lieber doch ein "echter" Pfarrer?

Eine Anekdote sorgt für Schmunzeln und sagt doch viel aus: Bevor eine Frau ihre Stelle antreten konnte, wurde zunächst die Gemeinde gefragt, ob sie "mit einer Pfarrerin einverstanden" sei oder ob man nicht doch lieber einen "echten Pfarrer" wolle. Die Antwort aus dem bayerischen Dorf soll gelautet haben: "Wenn sie Schneeketten anlegen kann, dann ist sie hier richtig.” Oft waren es nicht die Gemeinden, die blockierten, sondern die Entscheidungsträger: Leitende Personen wollten keinen Platz für Frauen machen – vielleicht auch aus Angst vor Machtverlust. 

Und doch ist die Geschichte 50 Jahre später nicht einfach abgeschlossen. 

Ein besonders bewegender Moment entsteht, als ein Gruppenbild entsteht. Zunächst sind es die zwölf Pionierinnen. Dann die zwischen 1976 und 1985 Ordinierten. Danach folgen die Jahrgänge bis 1995, bis 2005, bis 2015 und schließlich bis 2025. Zuletzt tritt auch eine Vikarin dazu. Generation neben Generation. Ein halbes Jahrhundert in einem einzigen Bild. "Fast die Hälfte der Pfarrpersonen in Bayern ist heute weiblich”, sagt die Theologin und Autorin Daniela Mailänder. Ein "Jawohl!” ruft es aus dem Publikum. 

Am Sonntag folgt der Höhepunkt: der Festgottesdienst in der Nürnberger St.-Lorenz-Kirche. Rund 250 ordinierte Pfarrerinnen ziehen ein. Ein Meer aus Talaren, aus Geschichte, aus Gegenwart. Frauen aus Bayern, aus ganz Deutschland und aus aller Welt – manche sind über tausend Kilometer angereist und werden von Dolmetscherinnen begleitet. Sie nehmen auf der Chorseite Platz: sichtbar, präsent und selbstverständlich – und doch weiterhin ein Zeichen. 

"Sister, carry on!"

Es wird gesungen, gebetet, erinnert. Frauen der Bibel werden gewürdigt, ihre oft übersehenen Schlüsselrollen. Und dann erklingen die Worte, die dieses Wochenende zusammenhalten: 

"Sister, carry on, sister, carry on. 
It may be rocky and it may be rough, 
but sister, carry, carry on." 

Steinig war der Weg. Und rau ist er mancherorts noch immer. 

Dass dieser Weg auch zutiefst ungerecht war, benennt der bayerische Landesbischof Christian Kopp im Gottesdienst deutlich. Er erinnerte daran, dass selbst nach der offiziellen Öffnung des Pfarramts zahlreiche Einschränkungen galten. "Der Veto-Paragraf war demütigend. Als Landesbischof und im Namen der Kirchenleitung sowie der gesamten evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern nenne ich das, was es war: ein riesengroßes Unrecht." Applaus erfüllt die Kirche. Ein Satz, der sitzt. Weil er nicht relativiert, sondern anerkennt. 

Als Cross-Media-Redakteurin halte ich viele dieser Momente mit Kamera und Mikrofon fest: den Applaus nach klaren Worten, die langen Umarmungen. Die langen Umarmungen. Die Tränen der Pionierinnen. Das Leuchten in den Augen junger Vikarinnen. Es sind Bilder von Wertschätzung, von Ergriffenheit, von Liebe. 

Was bleibt, ist Dankbarkeit. Und eine laute Entschlossenheit. 

Sister, carry on.