Ein Sommerabend im Lorenzpark in Hof. Menschen sitzen auf Picknickdecken in Campingstühlen oder auf Bierbänken, reden, lachen, warten auf Musik. Wer hier vorbeikommt, denkt nicht sofort an Kirche. Und doch ist genau das der Punkt. Kirche findet hier statt – nur anders.
YouLo heißt das Projekt, das hinter diesem Abend steckt. Es gehört zu den sogenannten MUT-Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Mit diesem Programm fördert die Landeskirche gezielt neue Formen von Kirche, die bewusst experimentieren, Risiken eingehen und neue Zielgruppen ansprechen. YouLo, ist eine Pionierkirche, die erstmal nicht davon ausgeht, dass Menschen schon wissen, wie Kirche funktioniert. Sondern die fragt: Was brauchen sie eigentlich? Und wie müsste Kirche aussehen, damit sie überhaupt noch eine Rolle spielt?
"Ein Ort, wo ich sein kann. Ein Ort, wo ich als Mensch hinkomme und das auch mitgestalten kann", beschreibt Pfarrer Konrad Aller die Idee. Deshalb heiße es auch YouLo - You Lorenz. Also Du bist die Lorenzkirche – "du entscheidest, was hier passiert". Es ist ein Satz, der nach viel Freiheit klingt, aber auch nach einem Stück weit Kontrollverlust. Denn wer so denkt, gibt die klassische Rollenverteilung auf: hier die Kirche, dort die Besucher.
Neue Zielgruppen zwischen 20 und 45: Kirche ohne Schwellenangst
Das Zielgruppe ist klar bestimmt, Menschen zwischen etwa 20 und 45 Jahren, viele von ihnen ohne enge Bindung zur Kirche. Menschen, die sich nicht von festen Formen angesprochen fühlen, aber offen sind für Begegnung und für Gespräche. YouLo versucht, genau dort anzusetzen. Nicht mit fertigen Antworten, sondern mit Formaten, die gemeinsam entstehen.
Das kann ein Konzert im Park sein. Oder auch ein Gottesdienst, mit jazzigen Klängen. "Wir schauen, was die Leute beschäftigt, und entwickeln dann zusammen Formate", sagt Aller. Manchmal seien das Ideen, die auch im Team erst einmal fremd wirken. Aber genau darin liege die Chance. "Dieses Experiment gehört zu YouLo dazu."
Dass das nicht immer reibungslos läuft, gehört zum Konzept. Am Anfang, erzählt Aller, kamen vor allem Menschen, die Kirche bereits kannten – und verändern wollten. Inzwischen mischen sich darunter auch viele, die mit Kirche bislang wenig zu tun hatten. Manche kommen wegen der Musik, andere aus Neugier. Und bleiben, weil sie merken, dass auch ihre Ideen gefragt ist.
Eine zentrale Rolle spielt dabei der Netzwerkgedanke. YouLo versteht sich nicht als Gegenentwurf zu bestehenden Angeboten, sondern als Teil des Ganzen. Zusammenarbeit mit kulturellen Initiativen, mit der Stadt, mit sozialen Trägern – all das gehört dazu. Kirche als ein Akteur unter vielen, nicht als Mittelpunkt.
Für Nicola Aller ist genau das entscheidend. "Manchmal braucht es einfach eine entspannte Atmosphäre", sagt sie. Einen Abend, an dem Menschen erst einmal schauen können: Ist das hier überhaupt etwas für mich? Ein niedrigschwelliger Einstieg, ohne Erwartungen, ohne Schwellenangst.
Wie YouLo Formate gemeinsam mit Menschen entwickelt
Das bedeutet auch, dass Inhalte anders vermittelt werden. Fragen nach Glauben tauchen auf, aber sie stehen nicht am Anfang. Sie entwickeln sich aus Gesprächen, aus Erfahrungen, aus Momenten. "Was ist mit unserem Leben, was trägt uns?" – solche Themen würden in den Veranstaltungen immer wieder anklingen, sagt Nicola Aller. Gleichzeitig gehe es auch darum, "einfach eine gute Zeit miteinander zu haben".
Dieser Spagat ist gewollt. Zwischen Tiefe und Leichtigkeit, zwischen Anspruch und Offenheit. Und er ist nicht ohne Risiko. Denn wer Kirche so versteht, muss aushalten, dass nicht alles planbar ist. Dass Dinge ausprobiert werden, die vielleicht nicht funktionieren. Oder dass Menschen kommen, die keine klaren Erwartungen mitbringen – und auch keine schnellen Antworten wollen.
Konrad Aller spricht offen darüber. Vieles sei noch im Prozess, vieles im Ausprobieren. Es gebe keine fertige Linie, keinen Masterplan. Stattdessen ein permanentes Nachjustieren. "Wir schauen, was ankommt, und entwickeln das weiter." Manche Ideen verschwinden wieder, andere setzen sich durch. Entscheidend sei die Resonanz.
Zukunft der Kirche: Zwischen Risiko und der Suche nach neuer Nähe
Das verlangt Geduld. Und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen. Denn die Frage, die über allem steht, ist größer als ein einzelnes Projekt: Welche Rolle kann Kirche künftig noch spielen? In einer Gesellschaft, in der Bindungen brüchiger werden, in der Institutionen kritisch gesehen werden und in der viele Menschen ihre Antworten anderswo suchen.
YouLo liefert darauf keine fertige Lösung. Aber es ist ein Versuch. Einer, der sichtbar macht, dass Veränderung möglich ist – wenn man bereit ist, vertraute Wege zu verlassen. Raus aus dem Gebäude, rein ins Leben. Dorthin, wo Menschen ohnehin sind.
Zu mindestens an diesem Abend im Park funktioniert das. Der Platz vor der Lorenzkirche ist voll mit Menschen, die einem Sänger zuhören, der von seiner Beziehung zu Gott erzählt und Lieder darüber singt. Und vielleicht reicht das ja schon als Anfang.