21.07.2019
Gottesdienst aus Programm gestrichen

Wiesenfestpredigt in Rehau sorgt für politische Misstöne

Eine kritische Predigt beim ökumenischen Gottesdienst zum Wiesenfest im oberfränkischen Rehau im Landkreis Hof hat ein kommunalpolitisches Nachbeben ausgelöst. Weil die Dialogpredigt der beiden Ortspfarrer zum Festsonntag am 7. Juli als zu politisch empfunden wurde, hat der Rehauer Bürgermeister Michael Abraham (CSU) den Gottesdienst fürs nächste Wiesenfest aus dem Programm gestrichen.
Der Rehauer Bürgermeister war mit der Predigt des evangelischen und katholischen Pfarrers auf dem Wiesenfest 2019 nicht einverstanden und beschloss daraufhin, den Festgottesdienst für das nächste Wiesenfest in zwei Jahren aus dem Programm zu nehmen.

Der evangelische Pfarrer Thomas Wolf und sein katholischer Kollege Dieter Jung hatten unter anderem zunehmende nationalistische Tendenzen beklagt, mit denen etwa in der Flüchtlingsfrage die europäische Idee von Zusammenhalt, Verlässlichkeit und Solidarität aufs Spiel gesetzt werde. Dieser "rechte Exit-Virus" grassiere auch in Rehau, kritisierten die Theologen mit Blick auf die Ergebnisse der letzten Wahlen. Nachdrücklich verwiesen sie auf die Verantwortung, die gerade Christen für ihre Mitmenschen übernehmen müssten: "Das Kreuz soll in Bayern nicht nur als Modeschmuck auf dem Rehauer Wiesenfest und in den Amtsstuben prägen - dann wäre es oberflächlich und ohne jede Wirkung."

Nach Ansicht des Rehauer Bürgermeisters und anderer Gottesdienstbesucher hätten sich die beiden Pfarrer mit solchen Aussagen im Ton vergriffen. Er wolle beim Gottesdienst "die frohe Botschaft hören und kein schlechtes Gefühl bekommen", sagte Abraham gegenüber der Hofer "Frankenpost".

Beim nächsten Wiesenfest solle es für solche Predigten keine Plattform geben.

Der Rehauer AfD-Ortsverband warf auf seiner Facebook-Seite dem evangelischen Pfarrer einen "politischen Missbrauch" des Hirtenamts vor. Wolf habe "den Rehauer Christen, die in den letzten Wahlen reihenweise AfD gewählt hatten, quasi das Christsein abgesprochen".

Rückendeckung erhielten die beiden Rehauer Pfarrer jetzt vom evangelischen Hofer Dekan Günter Saalfrank. "Auch wenn manche Menschen es sich wünschen: Die biblische Botschaft ist kein Wohlfühlevangelium", sagte Saalfrank am Wochenende bei einer Marktandacht in Hof. So hätten bereits die Propheten und Jesus selbst auch politisch gepredigt und zu konkreten Situationen und Vorgängen Stellung genommen. Predigten könnten und sollten politisch sein, "denn das Evangelium wird ja nicht im luftleeren Raum verkündigt, sondern in eine aktuelle Situation hinein."

Mit Blick auf die Rolle der Kirche in den Jahren des aufsteigenden Nationalsozialismus erinnerte Saalfrank: "Wo diese kritische Seite der Bibel ausgeblendet wird, können wir Menschen schnell dem Zeitgeist auf den Leim gehen oder falsche Wege beschreiten."

Die zwei Rehauer Pfarrer wollen derzeit keinen öffentlichen Kommentar zu den Ereignissen abgeben, hieß es in Medienberichten. Demnach gebe es aber die Bereitschaft zu Gesprächen mit den Veranstaltern.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Europawahl

Kirchentag: Marx und Bedford-Strohm
Am Tag bevor die Deutschen ihre Stimme für die Europawahl abgeben können, warnen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, vor "nationalistischen Angstmachern".

#PalermoAppell

Bedford-Strohm
Der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat bei seinem Besuch auf Sizilien die EU-Staaten aufgefordert, für diesen Sommer eine "politische Notlösung" für die Seenotrettung im Mittelmeer zu organisieren. Sein Appell erhält Unterstützung aus Politik, Gesellschaft und den Kirchen.

Kommunalwahl-Kampagne: "Beteiligung ist Grundpflicht"

Mit einer Kampagne wirbt die Landeshauptstadt München für die Kommunalwahl 2020. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) will damit dem Vertrauensverlust in demokratische Prozesse und Institutionen entgegenwirken, wie er am Mittwoch im Münchner Rathaus sagte. Die evangelische Stadtdekanin Barbara Kittelberger rief die Münchner Gemeinden mit ihren rund 255.000 Kirchenmitgliedern dazu auf, noch bewusster für demokratische Beteiligung zu werben.