"Naumburger Stifterfigur mit drei Buchstaben"? Wer gelegentlich Kreuzworträtsel löst, dürfte sie kennen, die "Uta". Unter ihren Augen hat sich in der Reformationszeit im Naumburger Dom ein Altardrama abgespielt, das nun mithilfe der UNESCO seine Fortsetzung und eine weitere Wendung erfahren hat.
Aber von Anfang an: 1517, im Startschussjahr der Reformation, in dem Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlichte, erhielt der Maler Lucas Cranach den Auftrag, einen dreiflügeligen Altaraufsatz für den Westchor des Naumburger Doms anzufertigen. Für das Zentrum des Triptychons schuf Cranach eine Darstellung der Gottesmutter Maria. Sie wurde hier schon seit dem 13. Jahrhundert als Patronin verehrt. Nun wurde der Westchor zu einer bischöflichen Grablege umgebaut und alle anderen Altäre entfernt. Nur der Cranach-Marien-Altar blieb.
Bald setzten die Stürme der Reformation ein, und Naumburg war mittendrin: 1541 starb der Freisinger-Wittelsbacher Bischof Philipp von der Pfalz, der auch Bischof von Naumburg war. Kurfürst Johann Friedrich "der Großmütige" von Sachsen ersetzte den vom Kapitel ordentlich gewählten (katholischen!) Bischof Julius von Pflug im eigenmächtigen Handstreich durch den Lutherfreund und Reformator Nikolaus von Amsdorf. Der Verwandte von Luthers Beichtvater Staupitz gilt seither als erster lutherischer Bischof überhaupt.
An der Spitze der protestantischen Bewegung in Naumburg stand damals aber ein anderer: der Stadtprediger und Superintendent Nikolaus Medler. Er verschaffte sich mithilfe eines mit Äxten bewaffneten Haufens aus der Metzgerzunft am 11. September 1541 gewaltsam Zugang zum Dom, um dort eine erste evangelische Predigt zu halten. Es blieb nicht bei zerschlagenen Türen: In seinem reformatorischen Eifer ließ Medler auch die ihm verhassten Marienbilder wegreißen.
Der Dom wurde evangelisch, der Marienaltar nicht wieder aufgebaut, auch wenn Luther ein großer Marien-Fan war. Stattdessen wurde der Westchor nun zur Taufkapelle für die Gemeinde.
Die pangermanische Ikone
Ohne Altar im Westchor war der Blick frei auf die Stifterfiguren ringsum. Deutschnationalisten des 19. Jahrhunderts und später die Nationalsozialisten feierten die schöne Uta als reinste Verkörperung der "arischen" deutschen Frau. Davon wusste der schönheitskundige italienische Philosoph und Schriftsteller Umberto Eco (1932-2016) nach eigenem Bekunden nichts, als er in einem "Süddeutsche Zeitung"-Interview bekannte: "Wenn Sie mich fragen, mit welcher Frau in der Geschichte der Kunst ich essen gehen und einen Abend verbringen würde, wäre da zuerst Uta von Naumburg."
Der Naumburger Uta-Treppenwitz: Der namentlich nicht bekannte Meister, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts diese Ikone des neoromantischen Pangermanismus schuf, war Franzose oder hatte jedenfalls in Nordfrankreich seine Kunst gelernt. Der Westchor mit den zwölf Stifterfiguren sowie der vorgelagerte Lettner gelten als sein Hauptwerk, deswegen ist der Künstler nur unter seinem kunsthistorischen Notnamen "Naumburger Meister" bekannt.
Auftritt Michael Triegel
Die hochmittelalterliche Bildhauerkunst dieses Meisters und nicht zuletzt die Schönheit seiner Uta haben erheblich dazu beigetragen, dass der Naumburger Dom und die Saale-Stadt sich seit 2018 mit dem prestigeträchtigen Weltkulturerbe-Titel der UNESCO schmücken dürfen. Mehr oder weniger gleichzeitig kamen die Kirchen und die Naumburger Vereinigten Domstifter auf eine künstlerisch und konfessionsgeschichtlich höchst spannende Idee: Der Leipziger Maler Michael Triegel sollte die erhalten gebliebenen Cranach-Seitenflügel mit einem Marien-Mittelteil ergänzen und so den Altar wiederherstellen. Triegel, 1968 in Erfurt geboren, malt in altmeisterlicher Manier und ist doch ein moderner Maler. Neben Neo Rauch gilt er als wichtigster Vertreter der "Neuen Leipziger Schule". Noch bis vor wenigen Jahren bezeichnete Triegel sich als Atheist. Doch was er in den vergangenen zwei Jahrzehnten an Kunst für Kirchen geschaffen hat, sind Schätze von künstlerischer und theologischer Tiefe.
2020 schuf Triegel wie bestellt ein Marienbild mit Heiligen, eine sogenannte "Sacra conversazione". Doch Triegels Heilige sehen ganz und gar nicht aus wie Heilige. Sie sehen aus wie Menschen wie du und ich – und holen so die Sache mit dem Glauben erst recht ins Hier und Jetzt. Für die Maria in der Mitte stand Triegels Tochter Elisabeth Modell. Rechts hinter ihr steht Marias biblische Mutter Anna. Ihr Antlitz ist das der leiblichen Mutter des Marien-Modells: das von Triegels Frau Christine Salzmann. Der Mann mit der roten Baseballmütze hinten rechts im Bild, der aussieht wie ein Trucker von einem US-Highway, ist nur am kleinen Kreuz in seiner Hand als Petrus identifizierbar. Sein Gesicht ist das eines römischen Bettlers, der sich etwas verdiente, indem er in der Papststadt dem Maler aus Deutschland Modell stand für den ersten Papst. Paulus ganz rechts sieht aus wie der Rabbiner einer orthodoxen jüdischen Gemeinde. Ein Besuch am Kotel, der sogenannten Klagemauer in Jerusalem, inspirierte Triegel zu seiner Gestalt.
Ökumene und Versöhnung – aber nicht mit dem Denkmalschutz
Neben diesem jüdischen und dem katholischen Akzent in Triegels Bild ist links von Maria ein "Heiliger" des Protestantismus zu sehen: Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Wie der Jude Paulus ist der evangelische Märtyrer-Theologe als Schriftgelehrter mit Buch abgebildet. In den Frauenfiguren links neben ihm treten – ein Augenzwinkern in Richtung Uta und Co. – moderne Stifterinnen auf, die an der Finanzierung des Altars beteiligt waren. Für den Knaben ganz links mit der weißen Haube stand auf der italienischen Insel Procida ein Junge in der Tracht der Karfreitagsprozession Modell, für die der Ort im Golf von Neapel berühmt ist.
Der Karfreitagsverweis führt gewissermaßen auf die Bildrückseite des Altars – zur Auferstehung Christi, zum Triumph des Lebens über den Tod.
Der Sarg ist leer, die Symbole des Leids, des Todes und der Vergänglichkeit – Nägel, Leichentuch, Dornenkrone und Mohnblüten unten in der Predella – erscheinen im Licht von Gottes Handeln mit einem veränderten, erweiterten Sinn. Drei Schmetterlinge über und auf dem Sarkophag lassen sich als Symbole der Seele und als Verweis lesen, was die Auferstehung Christi für uns bedeutet. Sie sind zudem Triegels Verneigung vor Caspar David Friedrich, der sie in vielen seiner Werke so verwendet hat. Und nur im Naumburger Westchor ergibt die Altarrückseite Sinn: Sie zeigt den Auferstandenen im "Blick zurück", vor dem Hintergrund des Lettners im Naumburger Dom.
"Sacra conversazione"
Darstellungen der Art des Naumburger Triegel-Altarbilds – Maria mit dem Kind in der Mitte, umgeben von Heiligen, biblischen Personen, ergänzt mitunter durch Stifterfiguren – nennt man "Sacra conversazione". Der Name für den Bildtypus stammt aus dem 19. Jahrhundert; was er beschreibt, entstand aber schon zu Beginn der frühneuzeitlichen europäischen Malerei. Anders als Abendmahlsszenen, Taufe, Verklärung oder Kreuzigung Christi hat dieser Bildtyp keinen unmittelbaren biblischen Bezugspunkt.
Im Begriff der "conversazione" steckt allerdings ursprünglich etwas anderes, als wir unter "Konversation" verstehen. Eine alte Bedeutung des italienischen Begriffs ist schlicht (vertraute) Gemeinschaft oder Zusammenleben. Ein "Gespräch" kann dennoch die Komposition der Figuren untereinander bedeuten oder im Verhältnis zum Betrachter auslösen.
Flankiert werden Triegels Tafeln von den Cranach-Seitenflügeln: Der rechte zeigt vorne vor Goldgrund den Apostel Jakobus mit Pilgerhut, Wanderstab und Rosenkranz sowie Maria Magdalena mit dem Salbgefäß. Links sind der Apostel Philippus mit Kreuzstab sowie Jakobus der Jüngere mit Buch und Walkerstange zu sehen. Jeweils zu ihren Füßen knien die beiden Stifter: links Philipp von der Pfalz aus dem Hause Wittelsbach, der von 1518 bis 1541 als vorletzter katholischer Bischof von Naumburg amtierte, rechts Johannes III. von Schönberg, der von 1492 bis zu seinem Tod 1517 Naumburger Bischof war. Auf den Rückseiten sind rechts die heilige Barbara und links Katharina mit Schwert und zerbrochenem Rad zu ihren Füßen zu sehen.
Raus ohne Applaus – Protest gegen das Urteil der UNESCO
Der Naumburger Triegel-Cranach-Altar erntete zwar viel Begeisterung, es war ihm aber auch eine Menge Streit und eine Odyssee bis zur Aufstellung am geplanten Ort 2022 beschert. Seither liefern sich Denkmalpfleger in Deutschland und international heftige, mitunter hässliche Kontroversen über den Standort. Kritiker betonen, der Altar beeinträchtige die Blickbeziehungen im Westchor und die Sichtbarkeit der berühmten Stifterfiguren. Die Aberkennung des touristisch höchst lukrativen UNESCO-Welterbetitels für den Dom stand im Raum.
Jüngst urteilte ein UNESCO-Schiedsgericht: Der Altar muss wieder raus aus dem Westchor, aber er darf in der Kirche bleiben. Die Altar-Gegner vom Denkmalschutz jubilierten, die Politik zeigte sich erleichtert über das erhoffte Ende des Streits, und aus dem Bereich der Kirche kam – wenig. Viel zu wenig, findet nun der frühere "Zeit"-Chefredakteur Robert Leicht, der sich erschüttert über den "unerträglich faulen Kompromiss" zeigt, den Naumburger Altar "in einer Ecke versteckt" an die Nordseite der Kirche zu verschieben. Im Gästebuch des Doms könne man nachlesen, dass der Altar bei den meisten Besucherinnen und Besuchern auf Begeisterung stößt, schreibt der frühere"Zeit"-Chef. Robert Leicht, 1944 in Naumburg geboren, ist ein protestantisches Schwergewicht: Er war bis 2009 Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin und zuvor viele Jahre prominentes EKD-Ratsmitglied.
"Icomos" (International Council on Monuments and Sites) heißt das Gremium, das die UNESCO bei der Vergabe des Weltkulturerbe-Titels fachlich berät und das Naumburger Urteil fällte. Aber, fragt Leicht, wie ist es um die Fachlichkeit eines Gremiums bestellt, wenn dieses zunächst öffentlich bestritt, dass im Westchor jemals ein Altar gestanden habe? Auch das Argument, die Stifterfiguren des Doms würden verdeckt, ist für Leicht Unsinn. Diese seien ja eigens für einen Gottesdienstraum geschaffen worden. Die berühmte Uta und ihr Mann richteten ihren Blick auf den Altar, "ohne diesen blicken sie in die Leere". Der Altar verdecke sie also nicht, sondern mache sie "in ihrer Funktion erst richtig erkennbar". Leicht: "Wer nun also den Altar aus dem Westchor wieder entfernen will, erniedrigt den sakralen Raum, der für die Gläubigen gebaut wurde, zum säkularen Raum, zu einem Museum für Touristen und Kunsthistoriker."
Metzger am Werk
Ganz in der Tradition des Naumburger Bildersturms hat nun also auch die UNESCO Metzger-Gemüt bewiesen. In Naumburg hat man sich auf die Icomos-Erpressungsformel "Altar weg oder Kulturerbe-Titel weg" eingelassen. Dabei sind in anderen Welterbe-Kirchen Akzente moderner Kunst durchaus möglich, ohne den prestigeträchtigen Status zu gefährden. Gerhard Richters bunte Glasfenster im Kölner Dom aus dem Jahr 2007 sind dafür das wohl bekannteste Beispiel.
Zu Recht fragt Leicht, wo der Protest der Kirchen gegen diesen ziemlich brutalen Eingriff in ihre liturgischen Rechte bleibt. Denn das zentrale Argumente für den Triegel-Altar an seinem richtigen Ort, das man in Naumburg seinerzeit formuliert hat, sticht nach wie vor: Nur so, mit dem kongenial ergänzten Altar, "gewinnt der Westchor seinen liturgischen Mittelpunkt zurück", wird "eine seit der Reformationszeit schwärende Wunde der Konfessionsgeschichte geheilt und ein wichtiger ökumenischer Impuls ausgesendet".
Man sollte in Naumburg und darüber hinaus auf Robert Leicht hören und sich dem Urteil widersetzen. Auch der (temporäre) Entzug des Welterbestatus wäre zu verschmerzen. Denn Welterbe – das sind der Naumburger Dom, Uta und der Westchor sowieso.
Kommentare
Dem Autor ist voll und ganz…
Dem Autor ist voll und ganz zuzustimmen. Naumburg ist allemal eine Reise wert und der Streit wirkt irgendwie kleingeistig, gerade wo die Gegend eine Begegnung von Vergangenheit und Zukunft gut gebrauchen kann. Kunst, die relevant ist, eckt aber immer an. Immerhin, wenn sie vor Ort ist, kann man sie jeder Zeit wieder umgruppieren und bis dahin wird manch lästerliches Wort über die UNESCO fallen.