21.12.2017
Weihnachtslieder

Die fränkisch-schottischen Wurzeln von "Tochter Zion"

Auf den Hitlisten der beliebtesten Weihnachtslieder der Deutschen ist "Tochteher Zion" noch immer zu finden – jedenfalls, wenn man internationale Schlager wie "Last / White / We Wish You A Merry Christmas" herausrechnet. In der NS-Zeit war das Lied mit seinem "jüdischen" Titel verpönt. Wenig bekannt ist, dass die Wurzeln des Lieds im evangelischen Franken liegen. Und in Schottland.
Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876, links),  Louise Reichardt (1779-1826), Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), Karl Ludwig Sand (1795-1820), August von Kotzebue (1761-1819), Karl Georg von Raumer (1783-1865).
Zwei Lieder im Gesangbuch – beide haben mit Schottland zu tun: Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876, links) machte Karriere in der bayerischen Landeskirche.
Außerdem zu sehen sind hier: die Hamburger Sängerin und Komponistin Louise Reichardt (1779-1826), rechts neben ihr Turnvater Jahn (Friedrich Ludwig Jahn, 1778-1852), darunter Karl Ludwig Sand (1795-1820) bei seinem Attentat auf den russischen Gesandten und Burschenschafter-Gegner August von Kotzebue (1761-1819) sowie der Nürnberger Geologe und Diakoniepionier Karl Georg von Raumer (1783-1865).

Es ist ein Weihnachtslied, das ursprünglich überhaupt kein Weihnachtslied war. Eher im Gegenteil. Die Melodie klaute der Barockkomponist Georg Friedrich Händel zunächst einmal bei sich selbst: Er recycelte einen Chorsatz aus dem Oratorium "Josua" für seinen "Judas Maccabaeus". Dieses "Siegesoratorium" widmete Händel einem, den man bis heute in Schottland in unguter Erinnerung hat: Wilhelm August, Herzog von Cumberland, englischer Sieger in der blutigen Schlacht von Culloden, in der das alte Schottland der Clans unterging. Zur Melodie von "Tohochter Zion" bejubelte das Volk in England das Ende des Jakobitenaufstands von 1745/46, die Niederlage der nördlichen Nachbarn und das Desaster des Hauses Stuarts:

"See the conqu’ring hero ­comes"

– seht, der erobernde Held kommt, ging der Text. Die Popularität der Melodie ist seither ungebrochen: Händels Hymnus dient bis heute als Begrüßungsmarsch auf sauerländischen Schützenfesten.

Die scharfe Wendung von der Hymne auf einen Kriegsherrn zur Hymne auf den "Friedefürsten" Jesus besorgte 80 Jahre später ein gewisser Friedrich Heinrich Ranke (1798-1876): Nun war es der junge evangelische Pfarrer von Rückersdorf bei Nürnberg, der sich bei Händel und seiner Musik bediente.

Aus Kursachsen nach Franken

Waschechter Franke war er nicht. Geboren wurde Friedrich Heinrich Ranke in Wiehe an der Unstrut (heute Thüringen) als drittes von sieben Kindern des Rechtsanwalts und Gutsbesitzers Gottlieb Israel Ranke.

Sein jüngster Bruder Ernst (1814-1888) war ebenfalls Pfarrer, in Buchau bei Kulmbach, später Theologieprofessor in Marburg. Mit Abstand berühmtester Spross vieler talentierter Rankes ist aber der drei Jahre ältere Bruder. 1865 für seine Verdienste geadelt, gilt Leo­pold von Ranke (1795-1886) als Begründer der modernen Geschichtsschreibung als quellenkritische Wissenschaft.

Die Pfarrkirche St. Georg in Rückersdorf bei Nürnberg.
Hier war die erste Pfarrstelle des »Tochter Zion«-Dichters Friedrich Heinrich Ranke: die Pfarrkirche St. Georg in Rückersdorf bei Nürnberg.

In der bewegten Napoleonzeit gingen die beiden älteren Ranke-Brüder in Pforta bei Naumburg zur Schule. 1815, als sich auf dem Wiener Kongress das alte Fürsten­europa neu ordnete, begann Heinrich (so war sein Rufname), in Jena Theologie und alte Sprachen zu studieren. Drei Jahre später folgte er Leopold nach Frankfurt/Oder und wurde dort Lehrer an einer Privatschule.

Das Attentat eines Wunsiedeler Studenten

Den burschenschaftlich gesinnten Heinrich zog es aber bald weiter nach Berlin zum von ihm sehr verehrten Turnvater Jahn. Nur: Mit dem deutsch-nationalen Turnen und Fechten auf der Neuköllner Hasenheide war es ganz schnell vorbei, als sich im März 1819 ein Terroranschlag ereignete.

Mit den Worten

"Vaterlandsverräter!"

erstach in Mannheim der Wunsiedeler Student und Burschenschafter Karl Ludwig Sand den russischen Generalkonsul August von Kotzebue. Vielleicht kannten sich Ranke und Sand von der Uni Jena persönlich. Das Attentat war jedenfalls ein willkommener Anlass für die alten Eliten, mit den "Karlsbader Beschlüssen" hart gegen die neuen nationalen Ideen vorzugehen, die Turnerei, Burschenschaften und freie Meinungsäußerung zu verbieten.

Die Schlacht von Culloden, Gemälde von David Morier, 1746. Rechts Wilhelm August, Herzog von Cumberland (Gemälde von Joshua Reynolds, 1758).
Die Melodie von »Tochter Zion« stammt von Georg Friedrich Händel. Der Barockkomponist widmete sie dem englischen Feldherren Wilhelm August, Herzog von Cumberland, der in der blutigen Schlacht von Culloden (links) das Ende des alten Schottland der Clans besiegelte.

Für Ranke bedeutete die folgende bleierne Zeit des Biedermeier den "Weg durch die Institution": Aufstieg in der bayerischen Landeskirche. Sein Weg führte ihn über viele Stationen in Franken – darunter eine Dogmatik-Professur an der Universität Erlangen – bis in die Residenzstadt München. Als Ranke 1876 starb, war er Oberkonsistorialrat. Karl Buchrucker, Gründer der Inneren Mission München, hielt die Grabrede.

Für den jungen Studenten Ranke fiel die politische Krise 1819 zunächst mit persönlicher Orientierungslosigkeit und einer handfesten Glaubenskrise in eins. Die "Morgenröthe eines neuen Lebens" ging Ranke im Sommer 1820 auf – bei einem Urlaub auf Rügen. "Strandpredigten" des pie­tistischen Pastors von Altenkirchen, Hermann Baier, machten tiefen Eindruck auf ihn. Baier bestärkte Ranke in seiner frommen Erweckung:

"Ja, du wirst dem Herrn als Verkündiger des Evangeliums dienen müssen."

Ranke beendete sein Studium, wurde aber wegen seines burschenschaftlichen Hintergrunds bei verschiedenen Lehramtsstellen erst einmal abgelehnt. In Nürnberg kam er in der Privatschule des pietistischen Reformpädagogen Heinrich Dittmar unter. Als sein väterlicher Freund Hermann Baier überraschend starb, nahm Ranke dessen elfjährigen Sohn Alwill mit nach Nürnberg unter seine Fittiche. 1825 heiratete Ranke Selma von Schubert, auch sie aus der Erweckungsszene. Die beiden bekamen noch acht eigene Kinder.

Als Osterlied gestartet

Vermutlich hat Ranke sich seine Verse auf die Händel-Melodie schon in der Nürnberger Zeit gemacht, also noch bevor er 1824 in Ansbach seine kirchliche Anstellungsprüfung ablegte. Einer seiner Kollegen an der frommen Schule Dittmars war nämlich der Geologe Karl Georg von Raumer (1783-1865) – zusammen mit Wilhelm Löhe oder Christian Krafft einer der Gründerväter der "Erlanger Schule" und Nürnberger Diakoniepionier.

Raumers Schwägerin wiederum war die Hamburger Sängerin und Musikpädagogin Louise Reichardt (1779-1826). Und diese veröffentlichte kurz vor ihrem Tod 1826 erstmals Rankes Bearbeitung in ihrer Sammlung "Christliche, liebliche Lieder". Überschrift: "Am Palmsonntage". Tatsächlich passen Text und Botschaft von "Tochter Zion" ja ebenso gut zur Osterzeit wie zum Advent. Das weitverbreitete Liederbuch Reichardts sorgte für die Verwandlung und den Aufstieg zu einem deutschen Weihnachtshit.

Vielleicht war "Tochter Zion" aber auch von Anfang an als Adventslied gedacht. Darauf deuten Jahrzehnte später veröffentlichte Jugenderinnerungen des aus Schweinfurt stammenden Pfarrers, Lehrers und Musikers Johann Valentin Strebel (1801-1981) hin. Strebel - Vater des später in Nürnberg ansässigen Orgelbauers Johannes Strebel - war als junger Mann ebenfalls Lehrerkollege an der Dittmar-Schule. Von der Hausmusik bei den Raumers berichtet er:

"Hier wurde der schöne Triumphchor aus Judas Makkabäus 'Seht, er kommt mit Preis gekrönt' mit Freuden gesungen und empfing durch den damaligen Lehrer, Heinrich Ranke, später Professor der Theologie in Erlangen und noch später Oberconsistorialrat in München, die Textesworte 'Tochter Zion, freue dich!' mit denen es sich nun in die evangelischen Schulen eingebürgert hat."

Thomas Mann (1875-1955) und ein Blick in das Weihnachtszimmer im Lübecker Buddenbrookhaus.
»Tochter Zion, freue dich! sangen die Chorknaben...«: Thomas Mann (1875-1955) und ein Blick in das Weihnachtszimmer im Lübecker Buddenbrookhaus.

"Tochter Zion" wurde schnell Grundzutat der bürgerlichen deutschen Weihnacht. In den "Buddenbrooks" hat Thomas Mann dem Lied sogar ein literarisches Denkmal gesetzt. Im Roman sorgt ein Kinderchor bei der Lübecker Konsulin Buddenbrooks für die richtige Festtagsstimmung:

"Tochter Zion, freue dich! sangen die Chorknaben, und sie, die eben noch draußen so hörbar Allotria getrieben, dass der Senator sich einen Augenblick an die Tür hatte stellen müssen, um ihnen Respekt einzuflößen – sie sangen nun ganz wunderschön." Und ihre hellen Stimmen "zogen aller Herzen mit sich empor".

Dann kamen die Nazis. Thomas Mann floh erst in die Schweiz, dann in die USA, als "Vaterlandsverräter" geschmäht, auch nach dem Krieg noch.

"Tochter Zion" und die Weihnacht der Antisemiten

Zur antisemitischen deutschen Weihnacht der Nationalsozialisten passte "Tochter Zion" nun nicht mehr. In dem NS-Buch "Lichtfeier. Sinn, Geschichte, Brauch und Feier der deutschen Weihnacht" hieß es 1939: "Auf Lieder wie ›Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volke‹, ›Tochter Zion, freue dich ...‹, ›Zu Bethlehem geboren ...‹ könnten wir Deutsche wohl verzichten, aber nicht auf unseren Weihnachtsbaum. Er gehört keiner Kirche und keiner Konfession. (...) Ein Lied, das in der Weihnachtszeit erklingen kann, (...) hat mit christlichen Gottesvorstellungen nichts zu tun, sondern ist Ausdruck unseres arteigenen Gotterlebens."

Weil es staatlichen Kindergärten verboten war, im Advent christliche Lieder zu singen, griffen später aus Mangel an eigenem passenden Liedgut übrigens auch DDR-Kindergärtnerinnen auf nationalsozialistisch "gereinigte" Liederbücher zurück.

Noch ein Lied Rankes steht bis heute im Evangelischen Gesangbuch: "Herbei, o ihr Gläub’gen". (EG 45) Vermutlich 1823 übersetzte und dichtete Ranke nämlich auch das lateinische Weihnachtslied "Adeste fideles" um.

Der bereits erwähnte Lehrerkollege Strebel hat dies in seinen Erinnerungen an Ranke und den Nürnberger Musikkreis ebenfalls vermerkt:

"Hier sang man zuerst das alte Weihnachtslied: 'Adeste, fideles!', das dem Vater der Frau Raumer [Kapellmeister Friedrich Reichardt] Auffindung und Auferstehung verdankte. Auch dieses hat von da mit Rankes deutscher Übersetzung [...] den Weg in viele Schulliedsammlungen gefunden."

Doch so alt, wie Strebel offenbar meinte, ist das Lied gar nicht. Die ältesten Nachweise dieses Lieds finden sich in Handschriften eines gewissen John Francis Wade (1711-1786), also aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Wade war zwar Engländer, aber auch Katholik, Anhänger des Hauses Stuart – und lebte im Exil in Frankreich. Nach dem gescheiterten Jakobitenaufstand 1745/46 hatte er mit vielen anderen wegen seines Glaubens fliehen müssen.

Die Katastrophe der einen feierten die anderen – zur Melodie von "Tochter Zion". So schließt sich der Kreis.

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