28.10.2012
Neu im Kino

Filmtipp: "Die Vermessung der Welt"

Detlev Bucks Verfilmung des Erfolgsromans "Die Vermessung der Welt" von Daniel Kehlmann ist ein opulentes Kinovergnügen. Wie bei vielen Literaturverfilmungen bleibt allerdings einiges auf der Strecke.

Daniel Kehlmanns Roman "Die Vermessung der Welt" ist eines der erfolgreichsten Bücher der deutschen Nachkriegsliteratur. 37 Wochen lang hielt sich der 2005 erschienene Roman an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste.

Ein hinreißendes Lesevergnügen, ein kluges Buch, abgründig und voll feiner Ironie. Ein reifes Werk für einen damals erst 31-jährigen Autor, das lange als unverfilmbar galt. "Germans and humor in the same book!" rief die Los Angeles Times bei Erscheinen des Buchs erstaunt aus. Heute ist die "Vermessung der Welt" in 40 Sprachen übersetzt und - womöglich ein Bärendienst für das Buch - vielerorts Schullektüre.

Beleidigter Humboldt

Ausgerechnet der für eher grobschlächtigen Humor bekannte Regisseur Detlev Buck ("Männerpension", "Rubbeldiekatz") hat nun in einer für deutsche Verhältnisse sehr aufwendigen 11-Millionen-Euro-Produktion, die abgründige philosophische Wissenschafts- und Schelmengeschichte über den Mathematiker Carl Friedrich Gauß (1777-1855) und den Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) auf die Kinoleinwand gebracht.

Am Drehbuch hat auch der Autor Daniel Kehlmann mitgeschrieben - doch das Unmögliche, die lakonische Ironie des Buchs mit seinen kurzen Sätzen in indirekter Rede, filmisch sichtbar zu machen, konnte freilich nur in Ansätzen gelingen. Unter der charmanten Oberfläche kracht es auch in Kehlmanns Buch - aber eben stets "hinter" dem Text. Nun kracht es eher an der Oberfläche. Zum Beispiel wenn der Herzog von Braunschweig (er ist sowohl der Förderer des aus armen Verhältnissen stammenden Gauß als auch der Patenonkel Alexander von Humboldts) mit fürchterlich schlechten Zähnen grinsend einem amerikanischen Alligator durchs Maul sieht und ausruft: "Diese Zähne!"

Was den Film aber zum opulenten Kinovergnügen macht, ist neben den fantastischen Bildern (gedreht wurde in Görlitz, Berlin, Klosterneuburg bei Wien und Ecuador) und der unzerstörbar unterhaltsamen Doppelbiografie von Gauß und Humboldt die cineastische Lebensfreude, mit der sich Buck ans Werk macht und mit filmischer Lust einen Film riskiert, der sich Genre-Zuordnungen entzieht.

Einiges hat Kehlmann dazuerfunden

Das Buch wie seine Verfilmung laden dazu ein, sich auf die Spuren von zwei ungewöhnlichen deutschen Wissenschaftler-Biografien des 19. Jahrhunderts zu begeben. Einiges hat Kehlmann "dazuerfunden", doch die meisten geschilderten Begebenheiten sind historisch. Zum Beispiel dass Carl Friedrich Gauß als neunjähriger Schüler eine arithmetische Summenformel entdeckte, mit der sich die Addition von Zahlen nach dem Muster "1+2+3+4+ ... + n =100" binnen Sekunden lösen lässt und die heute als Gauß'sche Summenformel bekannt ist.

Auch der Ton in einem (historischen) Briefwechsel zwischen Gauß und Humboldt kommt der Darstellung des Films auf kuriose Weise nahe. Humboldt hatte, als Gauß während des Kongresses bei ihm wohnte, dessen Aufmerksamkeit auf geomagnetische Beobachtungen und Messungen gelenkt. Als sich Gauß vier Jahre später tatsächlich intensiv mit dem Erdmagnetismus beschäftigte, nahm Humboldt eitel für sich in Anspruch, dafür den Impuls gegeben zu haben. Gauß antwortete trocken, er habe sich schon länger mit dem Thema befasst, ihm hätten bisher nur die Mittel gefehlt. Humboldt reagierte - auch Dritten gegenüber - beleidigt.

Genau so erscheinen die beiden Wissenschaftsstars im Film. Etwas hölzern der Alexander von Humboldt, den Albrecht Abraham Schuch gibt, dafür umso hinreißender der von Florian David Fitz verkörperte Carl Friedrich Gauß. Dieser steht im eigentlichen Zentrum des Films. Die Liebesgeschichte zwischen Gauß und seiner ersten, im Kindbett verstorbenen Frau Johanna erhält mehr Raum als im Roman. Auf der Leinwand wird stärker ausgeleuchtet, was Kehlmann in seinem Buch nur angedeutet hat: wie sehr das Genie (in diesem Fall Gauß) auf die wenigen Menschen angewiesen ist, die es nur ansatzweise verstehen oder jedenfalls bedingungslos zu ihm halten.

Deutsche Tragikomik

Gauß gehört auch der tragischste Moment des Films: Als er sein Hauptwerk "Disquisitiones Arithmeticae", das niemand versteht, dem greisen Immanuel Kant in Königsberg vorstellen will, hofft er auf den einzigen Menschen, der ihn, das mathematische Genie, wirklich verstehen kann.

Nach einer langen und beschwerlichen Reise steht er vor dem verehrten Philosophen, dem einzigen Menschen, vor dem er wagt über seine Theorie einer Krümmung des Raums und der Zeit zu sprechen. Doch Kant erwidert auf die Ausführungen nur: "Wurst. Der Diener soll Wurst kaufen. Wurst und Sterne."

Die Zeit hat das Königsberger Genie längst eingeholt. Dement geworden, schickt er statt zu disputieren lieber seinen Bediensteten zum Einkaufen.

Als Buch hatte Kehlmanns "Vermessung der Welt" seine stärksten Seiten, wo die Geschichte von Gauß und Humboldt sich - hinter dem Text - als ironischer Kommentar zur deutschen Geschichte erwies. Deren Nach-Auschwitz-Frage lautet: Wie konnte aus dem Volk der "Dichter und Denker" (der Humboldts und Gauß) ein Volk der "Richter und Henker" werden?

Auf seiner Amerikareise begleitete Alexander von Humboldt der französische Botaniker Aimé Bonpland (Jérémy Kapone)- eigentlich als gleichberechtigter Partner. Doch Rivalität prägt nicht nur Humboldts Verhältnis zu seinem älteren Bruder, dem Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835). Auch der Preuße und der Franzose bleiben Rivalen.

Als Schauplatz ist - vermutlich aus Budgetgründen - Mexiko weggefallen. Hier besichtigt Humboldt in Kehlmanns Buch aztekische Tempel und ist ob der immensen Zahlen der auf ihnen geopferten Menschen schockiert. "Warum er so bedrückt sei, fragte Bonpland", heißt es da. "So viel Zivilisation und so viel Grausamkeit, sagte Humboldt. Was für eine Paarung! Gleichsam der Gegensatz zu allem, wofür Deutschland stehe."

Im Film bleibt von derlei satirisch-historischen Höhepunkten des Buchs nur ein Echo: Vor ihrer (Fast-)Besteigung des 6300 Meter hohen ecuadorianischen Vulkans Chimborazo steht Humboldt im Film einmal neben Bonpland. Der eine trägt - typisch französisch - einen Zweispitz quer à la Napoleon. Der andere einen Zylinder mit länglicher Krempe, der aussieht als trage er einen Zweispitz längs. Wie eng verwandt sind diese "Erbfeinde", die ihre Unterschiedlichkeit betonen: ein schönes Bild für den verqueren (und leider tödlichen) deutsch-französischen Gegensatz, der Europas Geschichte für die kommenden fast 150 Jahre prägte.

 

"Die Vermessung der Welt", Regie: Detlev Buck. Mit: Albrecht Schuch, Florian David Fitz, Vicky Krieps, Jérémy Kapone, David Kross. Länge: 119 Min. FSK: ab 12.

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