27.03.2020
Corona und Verschwörungstheorien

Ein Arzt, der mehr mitbringt als Corona-Teststäbchen

Klima, Handymasten, Luftverschmutzung, – ein Panoptikum des Unbehagens an der Zivilisation der Moderne kommt in den Kommentaren zum Beitrag von Matthias Pöhlmann hier auf sonntagsblatt.de zu Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus zum Ausdruck. Gänzlich absurd wird es aber, wenn der Arzt, der zum Corona-Test ins Haus kommt, die Verschwörungstheorien gleich selbst mitbringt.
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Dass auch Ärzte nicht davor gefeit sind, Verschwörungstheorien zu verbreiten, belegt eine persönliche Begegnung der letzten Tage. Noch bevor die Corona-Infektionszahlen explodierten, waren mein Sohn und ich in Österreich beim Skifahren. Die Schwester des Freunds, mit dem mein Sohn in der Hütte Bett an Bett lag, wurde kurz darauf positiv auf Covid-19 getestet. Mein Sohn hatte Husten, weswegen auch wir zu Hause Besuch bekamen vom Corona-Arzt.

Es fühlt sich seltsam an, wenn man aus dem Küchenfenster beobachten kann, wie Infektionsschutz bei einer Pandemie ganz real aussieht. Noch im Auto auf der Straße legt der Arzt einen grünen Mantel an. Der erinnert an OP-Kleidung, ist aber, wie sich später herausstellt, aus Papier. Dazu kommen blaue Gummihandschuhe und eine – wie wir anschließend recherchieren – "FFP3-Maske".

Das sind Masken, die Viren nicht nur daran hindern, Mund und Nase zu verlassen, sondern auch auf dem umgekehrten Weg durch Tröpfcheninfektion in einen Körper hineinzukommen. Weil es zu wenige Masken gibt, haben sich jüngst auch staatliche Stellen an Fake News beteiligt, indem sie behaupteten, Schutzmasken zu tragen bringe in der Corona-Krise nichts.

Dann steht der Corona-Arzt vor der Tür. Man fragt sich, ob die Nachbarn gesehen haben, wem er seinen Besuch abstattet. Wegen des Ventils an FFP-Masken stehen diese sehr viel weiter vom Gesicht ab als OP-Masken. Unabhängig voneinander denken mein Sohn und ich sofort an die Bilder von mittelalterlichen Pestärzten mit ihren Schnabelmasken.

Corona-Test: Arzt zeigt zweifelhaften Cartoon

Meine finsterhumorige Bemerkung "Sieht nach ›Bringt eure Toten raus!‹" findet mein Sohn schon peinlich ("Papa!"), obwohl wir da noch unter uns sind. Meine Frage an den Arzt, ob ich ihn fotografieren dürfe, dann noch mehr. Vermutlich gehören Anflüge von Zynismus und Dokumentationseifer zu den beruflichen Deformationen eines Journalisten.

Doktor R., Allgemeinarzt und Homöopath aus einem Vorort von München, lässt sich bereitwillig mit dem Handy knipsen. Und holt umgehend, noch vor dem Test, selbst das Smartphone aus der Hosentasche ("Aber nicht das Display anfassen!"). Was er uns zeigt, ist ein Cartoon. Auf dem spazieren Menschen in Richtung der Paradiestüren. Jeweils Massenandrang herrscht vor Toren mit der Aufschrift "Krieg", "Aids", "Malaria", "Durchfallerkrankungen". Über einen roten Teppich marschieren drei verloren wirkende Personen auf ein weiteres Portal zu. "VIP – Corona" steht darüber.

Damit ist Doktor R. bei seinem Thema. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er uns für überflüssige Testfälle hält – und wenig vom Umgang mit der aktuellen Krise in Deutschland oder anderswo.

Das Ganze sei nur Panikmache, ein Riesengeschäft für die Pharmaindustrie und den Berliner Virologen, der den Corona-Test erfunden habe, und es handle sich doch wirklich nur um eine starke Grippe. "Jedes Jahr sterben Tausende an der Influenza, ohne dass wir das öffentliche Leben auf null fahren." Aber auch viele seiner Kollegen hätten jetzt Angst, gibt er zu. Und dass es natürlich schlimm sei, wenn das Virus in einem Alten- und Pflegeheim wüte. Aber statt gezielt die Risikogruppen zu schützen, zwinge man das ganze Land in den Shutdown. "Erstaunlich, was Angst alles bewirken kann, was die Menschen dann mit sich machen lassen", raunt der Doktor.

Verschwörungstheorien: Videos von vermeintlichen Experten

Er empfiehlt schließlich noch ein Video. Wir sollen nach "Wolfgang Wodarg" googeln. Der Mann sei Lungenfacharzt, gesundheitspolitischer Experte und wisse Bescheid. Aber abweichende Meinungen würden ja unterdrückt. Der Name sagt uns nichts. Inzwischen ist er so ziemlich durch alle Medien gegangen, weil Wodargs Videos und Interviews mit ihm millionenfach geklickt wurden.

Corona nicht schlimmer als eine normale Grippe? Dass das immer noch viele Menschen glauben, auch nachdem Bilder von italienischen Militärlastern zu sehen waren, die Särge abtransportieren, weil die Krematorien überlastet sind, das liegt auch an Wolfgang Wodarg.

Unter anderem verweist Wodarg auf das Monitoringprogramm "euroMOMO", das die Sterblichkeitsraten aus 20 europäischen Staaten überwacht. "Übersterblichkeit" nennen Statistiker auffällig höhere Sterblichkeitsziffern im Vergleich zu statistischen Durchschnittswerten. Tatsächlich sehen die Kurven von "euroMOMO" für den Winter 2019/20 nicht schlimmer aus als für die jeweilige Grippesaison der Vorjahre – im Gegenteil.

"euroMOMO" bietet auf seiner Website eine Erklärung an, "warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen für die von COVID-19 betroffenen Länder keine erhöhte Mortalität festgestellt wird". Das liege daran, dass die höhere Sterblichkeit  "vor allem auf subnationaler Ebene oder in kleineren Schwerpunktbereichen und/oder konzentriert in kleineren Altersgruppen" auftreten könne, und deswegen "auf der nationalen Gesamtebene möglicherweise nicht festgestellt wird".

Andere Seiten zerlegen die Verschwörungstheorien über Corona

Wodarg ist eben kein "Reichsbürger", Esoteriker oder anderweitig auf den ersten Blick als geltungssüchtiger Spinner zu identifizieren. Er saß von 1993 bis 2009 für die SPD als Abgeordneter im Bundestag. Wodarg hat Medizin studiert, war Stipendiat der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, er ist Internist und Lungenfacharzt. Als Leiter des Flensburger Gesundheitsamts brachte er es zu zweifelhaftem Ruhm, weil er 1982 dem narzisstischen Hochstapler Gert Postel auf den Leim ging und diesen als Amtsarzt anstellte. Später hat er über Pandemien geforscht und ist außerdem im deutschen Vorstand der Anti-Korruptions-NGO "Transparency International".

Auf der Website von Transparency International heißt es über ihn: "Seine europäischen Initiativen und Berichte brachten Themen wie 'gefälschte Pandemien', (…) die Rolle der Medien für die Demokratie, Palliativmedizin, Gentests und die zunehmende Ökonomisierung von Organ- und Gewebespenden auf die politische Agenda." (Stand: 23. März 2020)

Transparency International hat sich inzwischen von Wodarg distanziert; die Faktenchecker von correctiv.org und andere Medien haben detailliert nachgewiesen, wie Wodarg Tatsachen vermischt und zu falschen Schlüssen kommt. Dass aber ausgerechnet ein Coronatest-Arzt uns Wodargs offenkundig hoch ansteckende Verschwörungstheorien ins Haus getragen hat, entbehrt nicht einer gewissen Komik.

Auf das Ergebnis unseres Corona-Tests warten wir noch, mein Sohn und ich. Inzwischen seit über einer Woche. Wir bleiben zu Hause.

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