26.03.2020
Wie das Virus eine Gemeinschaft spaltet

Ein Ort auf Schuldsuche - In Mitterteich sind mindestens 71 Menschen an Corona erkrankt

Im bayerischen Mitterteich gibt es gemessen an der Einwohnerzahl so viele Corona-Infizierte wie nirgends in Bayern. Wie konnte es soweit kommen? Im Ort hat eine unschöne Suche nach Schuldigen begonnen.
Mitterteich in der Oberpfalz

In Mitterteich sind mindestens 71 Menschen positiv auf Corona getestet worden. Drei Menschen sind bereits an Covid-19 gestorben. Die Stimmung in der Oberpfälzer Kleinstadt sei bedrückend, sagt der evangelische Pfarrer Martin Schlenk. "Jeden Tag erfahre ich von jemand anderem, den ich gekannt habe, dass er gestorben ist." Darunter sei auch ein 86-jähriges Kirchenchormitglied gewesen.

Der Senior ist noch mit Rettungshubschrauber in die Weidener Klinik geflogen worden, dort aber verstorben. Jeder in dem Ort kenne inzwischen solche Geschichten, sagt Schlenk. Seit einer Woche heiße es nur noch: "Der und die hat es auch." Seit sich die Schlagzahl der Erkrankungen häuft, frage sich auch jeder, mit wem er die vergangenen zwei Wochen Kontakt hatte, ob er oder seine Familie in Gefahr seien.

Viele Menschen im 4.500-Einwohner-Ort stehen momentan unter Corona-Quarantäne.

Auch Schlenks Frau. Am 12. März feierte sie zusammen mit dem Kirchenchor den 80. Geburtstag eines Seniors, der ebenfalls Kirchenchormitglied ist. Wenig später sei der Jubilar erkrankt, inzwischen aber wieder geheilt. Frau Schlenk wartet nun auf ihr Testergebnis, wie viele andere im Ort.

Unterdessen macht sich der Jubilar schreckliche Vorwürfe, weil er unwissentlich jemanden angesteckt haben könnte, berichtete Schlenk. "Er war doch total fit, woher hätte er das wissen sollen", habe der Pfarrer den Mann zu beruhigen versucht.

Nicht alle seien derzeit so skrupulös und hätten Schuldgefühle. Im Ort hagele es inzwischen auch Anfeindungen. So rückt wegen der hohen Zahl an Corona-Infizierten in Mitterteich immer wieder ein Starkbierfest in den Mittelpunkt. Dazu gab es eine erste Strafanzeige. Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer bestätigt, ist bei der Staatsanwaltschaft ein Strafantrag wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung eingegangen. Der Antragsteller sei der Meinung, dass das Starkbierfest am 7. März nicht mehr veranstaltet werden hätte dürfen.

Ausgangspunkt war eine Aussage von Ministerpräsidenten Markus Söder: "Übrigens vermuten die Experten - das ist noch nicht endgültig bestätigt - dass der Ausgangspunkt für die dort hohe Infektion ein Starkbierfest gewesen ist."

Nun werde die Anzeige geprüft. Ob es Ermittlungen gibt, stehe noch nicht fest. Der Burschenverein als Veranstalter hat laut Medienberichten immer wieder klargestellt, dass er vom Gesundheitsamt grünes Licht für die Veranstaltung bekommen hatte. Innenminister Joachim Herrmann hatte dann am 18. März eine Ausgangssperre für Mitterteich verhängt - als erster Ort in Bayern.

Die Corona-Lage im Landkreis Tirschenreuth scheint derzeit zu eskalieren. Allein am Sonntag stieg die Fallzahl laut Landratsamt Tirschenreuth um rund 150 Prozent. Das Landesamt für Gesundheit wies am frühen Nachmittag 148 bestätigte Coronafälle aus. Bis Dienstag, 24. März, kamen laut Landratsamt noch weitere Fälle hinzu, sodass am Ende des Tages 202 Fälle registriert worden waren. Es werde derzeit permanent getestet, so Landratsamtsprecher Walter Brucker. Der Landkreis weist damit bundesweit die zweitmeisten Fälle in Bezug auf die Einwohnerzahl auf.

Nur im nordrheinwestfälischen Landkreis Heinsberg ist der Anteil an Corona erkrankter Einwohner noch höher.

Unterdessen bereitet Pfarrer Schlenk noch ein anderes Problem Sorgen: Was wird mit den Todesopfern, fragte er. Wie können sich die Angehörigen angemessen verabschieden? Ein 83-jähriger Mann, das wohl erste Corona-Opfer in Mitterteich, soll zwei Wochen vor seinem Tod im Koma gelegen haben. "Niemand durfte sich von ihm verabschieden." Der tote Mann sei vom Krankenhaus direkt ins Krematorium nach Selb transportiert worden. In Mitterteich wird man nach der Pandemie nicht nur um den sozialen Frieden ringen müssen, sondern auch um den seelischen.

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