Günther Sigl, der Frontmann der Spider Murphy Gang, spricht über sein außergewöhnlich langes Leben als Rock'n'Roller. Der Musiker blickt auf die Anfänge seiner Karriere, den Durchbruch während der Neuen Deutschen Welle und die Entstehungsgeschichte von Klassikern wie "Skandal im Sperrbezirk" zurück.

Das Gespräch mit Sigl fand noch vor der Debatte um die Erlanger Bergkirchweih statt. Die Stadt Erlangen hatte die Wirte in einem Brief gebeten, auf eine Liste von zwölf Songs zu verzichten, unter anderem den 80er-Hit "Skandal im Sperrbezirk" der Spider Murphy Gang. Sigl hatte der "Abendzeitung" daraufhin erklärt, der Song sei "eine ewige Gschicht“ und werde oft missverstanden. Frauenfeindliche Inhalte sehe er darin nicht. 

Herr Sigl, Sie strahlen eine ungeheure positive Energie aus. Wenn man bedenkt, dass Sie nächstes Jahr bereits Ihren 80. Geburtstag feiern, wirkt das für einen Rock-’n’-Roller fast wie ein biblisches Alter. Was ist Ihr Geheimrezept, um in diesem Alter noch so fit auf der Bühne zu stehen?

Günther Sigl: Das Wichtigste ist erst einmal die Leidenschaft, die ist nach wie vor da. Ich habe mit 15 Jahren meine erste Gitarre bekommen und war sofort von der aufkommenden Beat-Zeit, von den Beatles und den Stones, begeistert. Diese Begeisterung trägt mich bis heute. Aber natürlich ist die Gesundheit die Grundvoraussetzung. Ich habe in meinem Leben nie geraucht, keinen Alkohol und keine Drogen angerührt; das hält fit. Wahrscheinlich bin ich auch durch meine Gene begünstigt – mein Vater wurde immerhin 96 Jahre alt.

Viele Musiker in Ihrem Alter klagen über die körperliche Belastung. Wie halten Sie sich konkret körperlich in Schuss?

Man muss im Alter nicht nur die Ausdauer, sondern gezielt die Muskulatur stärken. Ich mache jeden Tag zu Hause meine Übungen. Das ist wichtig für die Beweglichkeit auf der Bühne. Ich will ja schließlich immer noch meine Demonstration vom Twist machen können oder ohne Probleme in die Hocke gehen. Wenn es irgendwann einmal zu beschwerlich würde oder keinen Spaß mehr machte, würde ich nicht mehr auf die Bühne gehen, aber momentan genieße ich es, unter Leuten zu sein und diese Anforderung zu haben, rauszufahren und ein Konzert zu spielen.

Bei all dem Trubel um die Spider Murphy Gang und Ihre Soloprojekte – wo findet ein Günther Sigl eigentlich seine Ruhe?

Die Ruhephasen sind sehr wichtig, um zu reflektieren. Mein täglicher Waldspaziergang ist für mich eine Art der Meditation. Wenn ich allein im Wald bin, versuche ich, die Gedanken ganz auszuschalten und in einen Ruhezustand zu kommen. Das gibt mir die Kraft für die nächste Show.

Nächstes Jahr steht ein riesiges Ereignis an: Die Spider Murphy Gang feiert ihr 50-jähriges Bandjubiläum. Wie blicken Sie auf diese lange Zeit zurück?

Wir werden das groß in der Münchner Olympiahalle feiern. Es ist ein Privileg, dass der Rock ’n’ Roll für mich zum Beruf geworden ist. Angefangen habe ich ja ganz solide als gelernter Bankkaufmann bei der Volksbank. Aber die Musik war immer an erster Stelle. In den Anfangsjahren ab 1971 war es schwierig; ich habe mich mit Jobs als Ausfahrer oder im Jeans-Lager bei Levi Strauss über Wasser gehalten, während wir abends in den US-Clubs oder später in den Schwabinger Musikkneipen gespielt haben. Wir hatten damals nichts, aber wir waren glücklich.

In den 80er Jahren wurden Sie mit der Neuen Deutschen Welle (NDW) in einen Topf geworfen. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Das war eine tolle Zeit, aber eigentlich waren wir ein Anachronismus. Wir haben klassischen 50er-Jahre-Rock-’n’-Roll gemacht, inspiriert von meinem großen Vorbild Chuck Berry, der ja selbst bis ins hohe Alter von 90 Jahren auf der Bühne stand. Die NDW war ja eigentlich eher elektronisch geprägt, durch Bands wie Kraftwerk oder DAF, die viel mit Synthesizern gearbeitet haben. Wir waren eine ehrliche Live-Band mit akustischen Wurzeln. Aber weil damals alles, was deutschsprachig war, einen riesigen Hype erlebte, sind wir da mit reingefallen. Plötzlich war die Sprache wichtiger als die "Schlagerseligkeit", und wir konnten Themen besetzen, die gesellschaftskritischer waren.

Das bringt uns zu Ihrem größten Hit: "Skandal im Sperrbezirk". Wie viel Realität steckt eigentlich in der Geschichte um die Rosi?

Das Thema war damals hochaktuell. Vor der Olympiade 1972 wollte die Stadt München "sauber" sein und hat die Sperrbezirksverordnung erlassen. Die ganzen Etablissements und Spielhöllen mussten aus dem Bahnhofsviertel an den Stadtrand ziehen, etwa in die Landsberger oder Ingolstädter Straße. Dort gab es dann den "Münchner Dirnenkrieg" um die besten Standplätze für die Wohnwägen. Meine Idee war, dass die fiktive Rosi ihr Gewerbe einfach trotz des Verbots im Sperrbezirk weiter ausübt – das war der Skandal.

Die Telefonnummer im Lied, die 32 16 8, wurde legendär. Gab es da nicht massiven Ärger?

Oh ja, damit haben wir nicht gerechnet. In Städten mit fünfstelligen Nummern hatten die Leute plötzlich Telefonterror, weil Fans mitten in der Nacht anriefen und nach Rosi fragten. Wir haben daraufhin etliche Blumensträuße verschickt und sogar die Kosten für Telefonnummernänderungen übernommen, um die Wogen zu glätten.

Wenn Sie heute neue Songs schreiben, worum geht es da? Sind Sie immer noch so gesellschaftskritisch wie früher?

Heute schreibe ich viel über persönliche Themen und, man glaubt es kaum, sogar Liebeslieder. Das war früher nicht so die Domäne der Spiders. Ich reflektiere viel über die Vergangenheit, etwa über die Hippie-Zeit im Englischen Garten, die ich in "Sommer in der Stadt" beschrieben habe. Aber ich beobachte auch die heutige "Party-Szene" kritisch, in der es oft nur darum geht, dass ein Promi über den roten Teppich läuft, um in der Zeitung zu stehen. Mein neuer Song handelt von so einem "Party-Gast", der sich überall herumtreibt.

Sie sind als bayerische Band eine Institution. Wie reagiert das Publikum in Franken oder Schwaben auf Sie?

Die mögen uns überall. Ich bin da oft ein bisschen frech und baue Spitzen gegen bestimmte Gruppen ein oder versuche mich am örtlichen Dialekt, was immer gut ankommt. Ob in Oberfranken, Niederbayern oder Oberschwaben – es gibt eigentlich kaum eine Stadt, in der wir in den letzten 50 Jahren nicht waren.

Hat der riesige Erfolg Sie nie aus der Bahn geworfen?

Als der ganz große Erfolg 1982 kam, war ich schon 35 und kein ganz junger Bursche mehr. Ich wurde in dieser Zeit Vater und war durch meine Familie geerdet. Für manche Kollegen war das schwieriger; unser damaliger Drummer ist leider ziemlich abgestürzt, weil ihm der Erfolg nicht gut bekommen ist. Ich hingegen ziehe meine Kraft daraus, dass ich immer noch kreativ sein kann, ob mit den Spiders oder in meinem Soloprojekt, wo ich in kleineren Clubs ganz nah am Publikum bin – eben "Back to the roots". Ich ziehe meine Rock-’n’-Roll-Schuhe jedenfalls noch lange nicht aus.