Mit dem Musiktheaterprojekt "Schwester" bringt die Performance-Künstlerin Lulu Obermayer das Kloster auf die Bühne: Ein Lebensraum, "der aus dem öffentlichen Blick geraten ist", dessen Formen von Gemeinschaft aber bis heute weiterwirkten, so heißt es im Programm des Münchner Theaters "HochX".

Obermayers letztes Stück "Rachel und ich" wurde 2025 beim Festival "radikal jung" des Münchner Volkstheaters mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Frauenfiguren beschäftigen die 36-Jährige schon ihr ganzes Berufsleben - von der Mörderin über die Tänzerin bis hin zur Femme fatale. Weshalb die Lebenswelt der Nonnen genauso bühnenwürdig ist, erklärt sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Frau Obermayer, in Ihrem Musiktheater "Schwester" geht es um Lebensformen im Frauenkloster und die jahrhundertealte Praxis von Spiritualität. Warum bringen Sie diesen Stoff auf Bühne?

Obermayer: Perfomance-Kunst beschäftigt sich seit ein paar Jahren mit der Frage, wie man Minderheiten auf der Bühne darstellen kann. Letztlich sind auch Ordensschwestern eine gesellschaftliche Minderheit: In ganz Deutschland gibt es noch rund 10.000 Nonnen. Während es in meiner Kindheit normal war, Klosterschwestern im Alltag zu begegnen, führen sie heute eine weitgehend unsichtbare Existenz, über die viele Vorurteile und Klischees kursieren. In diese Situation hinein möchte ich eine Tür öffnen für Neugier und Offenheit - schließlich sind Klöster ein Teil unserer Kulturgeschichte.

Wenn junge Menschen heute sagen, dass sie sich für ein Klosterleben in Armut und Keuschheit entscheiden, gelten sie als Sonderlinge. Gleichzeitig boomen Angebote wie Meditationskurse und Auszeiten im Kloster. Wie passt das zusammen?

Klöster sind Orte der Ruhe und des Zu-sich-selbst-Kommens, das zieht Menschen an. Zugleich vermuten viele, dass der Eintritt ins Kloster mit einem großen Verlust einhergeht. Es ist für sie schwer vorstellbar, dass diese Lebensform auch eine Bereicherung sein könnte. Bevor ich mit der Arbeit an dem neuen Stück begonnen habe, habe ich am Auszeitprogramm der Zisterzienserschwestern des Klosters Mariazell in der Schweiz teilgenommen.

Wenn man mehrere Wochen den Alltag der Nonnen teilt und ihre unglaubliche Gastfreundschaft erlebt, kommt automatisch irgendwann die Frage: Wäre das auf Dauer etwas für mich? Beziehungen sind heutzutage in der Krise. Es gibt viele gut ausgebildete junge Frauen, die nach anderen Lebensentwürfen als Partnerschaft suchen. Ich könnte mir vorstellen, dass klösterliche Gemeinschaft perspektivisch wieder interessanter wird.

Lulu Obermayer

Die Performance-Künstlerin Lulu Obermayer wurde 1989 in München geboren und besuchte zunächst die Grundschule der Armen Schulschwestern sowie das Theresia-Gerhardinger-Gymnasium, das ebenfalls dem Orden angehörte. Nach ihrer Schauspielausbildung in New York studierte sie Performance am Royal Conservatoire of Scotland und Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Ihren Master absolvierte Obermayer 2017 im Studiengang "Solo Dance and Authorship" in Berlin.

In ihren international gezeigten Stücken verknüpft sie Theater, Oper, Performance und Choreografie, wobei sie sich intensiv mit Frauenrollen und Männlichkeitsbildern auseinandersetzt. Für ihre Produktion "Rachel und ich" wurde sie 2025 beim Volkstheater-Festival "radikal jung" mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Ihr aktuelles Stück "Schwester" bringt die Lebenswelt von Ordensfrauen auf die Bühne des Münchner Theaters HochX.

Ihrem Stück liegen zwei Opern zugrunde: Der 1918 uraufgeführte Einakter "Suor Angelica" von Giacomo Puccini zeigt, dass Frauenklöster nicht nur Freiräume, sondern auch Orte von Verbannung und Strafe waren. In "Dialogues des Carmélites" (1957) von Francis Poulenc geht es um den unbeugsamen Glauben von Ordensschwestern während der Französischen Revolution, der im Märtyrertod endet. Wie passen diese beiden Werke in die heutige Zeit?

Ich habe schon häufiger mit Puccini-Opern gearbeitet. Als ich den Schwestern von Mariazell von meiner Idee berichtet hatte, gaben sie mir zu verstehen, dass sie sich mit der Geschichte von "Suor Angelica" - bei der eine junge Frau wegen einer unehelichen Schwangerschaft ins Kloster verbannt wird und am Ende Suizid begeht - nicht identifizieren können, mit den freien, selbstbestimmten Nonnen von Poulenc hingegen schon.

Das war eine wichtige Rückmeldung für mich. Letztlich sind die beiden Opern für mein Stück "Schwester" aber nur der Aufhänger, um sich mit der Geschichte und dem Reichtum des monastischen Lebens auseinanderzusetzen.

Was wollen Sie dem Publikum vermitteln?

Das Stück beginnt mit der Komplet, dem Abendgebet im Klosteralltag, zu dem sich etwa zur gleichen Zeit auch die Schwestern in Mariazell versammeln. Wir hacken uns im Theater also gewissermaßen in den Tagesablauf des Klosters ein. Die Performance soll ein Kaleidoskop klösterlicher Erfahrungen und Quellen transportieren.

Neben der Musik von Puccini, Poulenc und dem Klangkünstler Pantha Du Prince prägen Texte von Hildegard von Bingen, Katharina von Siena und der Heiligen Klara das Stück. Ich wünsche mir, dass das Publikum dabei eine ähnliche Erfahrung macht, wie ich sie im Kloster erlebt habe: dass klösterliche Praxis eine Art Akku-Ladestation ist, die einen bewegt und beflügelt.

Die meisten Klöster leiden unter Nachwuchsmangel. Was ginge verloren, wenn diese Lebensform verschwinden würde?

Die Krise der Klöster ist eine Krise für uns. Klöster sind Kraftorte. Ich finde es enorm, dass die Schwestern dort täglich mehrfach im Chorgestühl für uns, für die Welt, für den Frieden, für Zusammenhalt beten. Und dass wir das nicht mal wahrnehmen. Wir wissen es nicht, und es findet trotzdem statt - das hat mich sehr bewegt. Viele Klöster sind hunderte Jahre alt, und all diese Zeit wurde dort kontinuierlich gebetet. Das ist eine Kraft, die nicht anders kann, als durch die Klostermauern zu dringen und auch unsere Welt zu infizieren.

Empfinden Sie das als Trost?

Ja. Wenn jemand an mich denkt, ist das eine Sache. Aber wenn jemand für mich und meine Anliegen betet, dann ist das das größte Geschenk, das man bekommen kann.