19.07.2017
"Volkstheater" im Passionsspielort

Oberammergau heißt: Theater für alle

Oberammergau ist ein besonderer Ort. Von Bergen umgebenes Bilderbuch-Bayern, Lüftlmalerei an Häusern und Höfen, dazu das Passionsspiel, das hier seit 1633 alle zehn Jahre stattfindet. Seit 30 Jahren heißt der Passionsspielleiter Christian Stückl (56). Unter seiner Ägide hat sich einiges verändert im Idyll: Oberammergau lebt vor, was "Volkstheater" im besten Sinn sein kann. Sichtbar wurde das gerade wieder in Abdullah Kenan Karacas Freiluft-Inszenierung der "Geierwally", die gerade Premiere hatte.
Die »Geierwally« auf der Freiluftbühne an der Oberammergauer Laberbergbahn (Regie Abdullah Kenan Karaca).
Die »Geierwally« auf der Freiluftbühne an der Oberammergauer Laberbergbahn: Das dörfliche Establishment trägt einheitlich grellbunte Kleidung. Die ebenso simple wie geniale Bühne ermöglicht das Spiel auf mehreren Ebenen. Mit minimalen Mitteln verwandelt sich die Szene im Kopf des Zuschauers innerhalb von Augenblicken vom Bergbauernhof zum Dorfgasthof zur Alm im Hochgebirge und zurück.

Jüngst erst hatte Stückls zu Recht gefeierte Inszenierung von Richard Wagners "Fliegendem Holländer" auf der Passionsbühne Premiere. Orchester, Dirigent und Sänger sind Profis, der 180-köpfige Chor besteht aus Laien aus dem Ort: Es ist der höchst fähige Passions-Chor.

Seit 2002 ist der bodenständige Oberammergauer Stückl Intendant des Münchner Volkstheaters. Erfolgreich bringt er zwei Welten zusammen: die Welt des zeitgenössischen großstädtischen Theaters, Abstraktionskraft in Bühnenbild, Ausstattung und Inszenierung – und eben: das Gebirgsdorf Oberammergau mit seinen Bewohnern. Eine Gruppe von Oberammergauer Künstlern – dazu gehören der Bühnenbildner Stefan Hageneier und der Musiker Markus Zwink – pendelt mit Stückl zwischen diesen beiden Welten.

Zum Stückl-Clan gehört auch der türkischstämmige Oberammergauer Abdullah Kenan Karaca (28), der unter Stückl zum zweiten Passionsspielleiter herangewachsen ist. Mit dem Segen des Gemeinderats, der in dem 5000-Einwohner-Dorf in Sachen Passionsspiel das letzte Wort hat. Karaca hat in Hamburg Regie studiert und inszeniert seit einiger Zeit ebenfalls am Münchner Volkstheater. Soeben hatte – kurz nach Stückls "Holländer" – seine Oberammergauer Inszenierung der "Geierwally" der Wilhelmine von Hillern Premiere – mit Laienschauspielern auf einer Freiluftbühne oberhalb der Talstation der Laberbergbahn.

Sophie Schuster als Geierwally mit ihrer Hassliebe, dem Bärenjosef (Jonas Konsek). Oberammergau 2017, Regie Abdullah Kenan Karaca.
Sophie Schuster als Geierwally mit ihrer Hassliebe, dem Bärenjosef (Jonas Konsek).

Der jahrelange Dornrös­chenschlaf zwischen den Passionsspieljahren, wie er früher üblich war in Oberammergau, ist Geschichte. Inzwischen ist jährlich "Kultur- und Theatersommer" mit Oper, Theater und dem erfolgreichen "Heimatsound"-Festival. Die meisten in dem vom Tourismus lebenden Ort freut’s.

Es ist immer Theater

Und weil beim Passionsspiel im "Zehnerjahr" dann wirklich alle Mitwirkenden aus dem Dorf kommen müssen, ist es fürs Niveau und für den Nachwuchs keineswegs verkehrt, wenn ständig Theater ist im Dorf, mit allem, was dazugehört. Die Proben auf der Passionsbühne sind öffentlich; meistens stecken ein paar Kinder ihre Köpfe herein und schauen zu, bevor sie wieder auf dem Platz vor dem Theater Skateboard oder Radl fahren. Auch Karaca kam so zum Theater. Christian Stückl musste bei mehreren Besuchen nur noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten in der muslimischen Familie, bis Abdullah mitmachen durfte beim christlichen Passionsspiel. "Aber mach ihn mir nicht katholisch!", nahm Karacas Vater dem Spielleiter als Versprechen ab. Bei Karacas Premieren – in München oder Oberammergau – ist auch seine Familie dabei. Die Mutter und eine Schwester tragen Kopftuch, ein paar mehr Premierengäste einen Trachtenhut – jedenfalls in Oberammergau.

Das alpine Kultstück "Geierwally", in elf Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt, war Karacas Wahl. Schnell war auch klar, dass die 21-jährige Sophie Schuster die Hauptrolle der eigensinnigen Tirolerin Walburga Stromminger spielen sollte, eine angehende Bankkauffrau, die vor zwei Jahren in Karacas "Romeo und Julia" schon in der weiblichen Hauptrolle zu sehen war.

Gebirgskitsch, holzschnittartige Gefühle, plakative Religiosität – all das attestieren Kritiker Wilhelmine von Hillerns "Geier-Wally" zu Recht. Aber nichts davon ist in Abdullah Karacas Inszenierung zu finden.

Die »Volxmusik«-Kombo Kofelgschroa hält mir Tuba, Quetschn (Akkordeon), Gitarre und Schlagzeug Karacas »Geierwally«-Inszenierung zusammen und erzählt sie mit.
Die »Volxmusik«-Kombo Kofelgschroa hält mir Tuba, Quetschn (Akkordeon), Gitarre und Schlagzeug Karacas »Geierwally«-Inszenierung zusammen und erzählt sie mit.

Hier ist die schmerzliche "Selbstzähmung einer Widerspenstigen" die Emanzipationsgeschichte, die schon immer ein Kern des Stoffs war und der dieser viel von seinem Erfolg verdankt. Unter Karacas Regie wird die "Geierwally" zu einer Bühnenkunstfigur, die das Drama der mutigen, bis zur Rücksichtslosigkeit eigensinnigen und unabhängigen Frau verkörpert. Von starken Gefühlen durchs Leben getrieben, wird sie am Ende deren Opfer.

Die "Geierwally" entzieht sich jeder Unterwerfung durch Männer, sei es ihr brutaler Vater oder die vielen Bewerber, die sie wegen ihrer Schönheit und – nachdem sie den elterlichen Hof geerbt hat – auch wegen ihres Besitzes wollen. Nur der eine, den sie selbst will, seit sie ein Mädchen war, der Bärenjosef, der Jäger, der will sie nicht.

Rasend vor Eifersucht hält sie Josefs Halbschwester für dessen Geliebte und demütigt diese öffentlich. Josef (Jonas Konsek) rächt sich an Wally, indem er so tut, als sei er an ihr interessiert. Er lädt sie zum Tanz, zwingt ihr den Kuss ab, den sie zur Bedingung für alle Freier gemacht hat und den ihr bisher keiner entlocken konnte. Dann lässt er sie zum Gelächter aller stehen.

In ihrer Wut setzt Wally einen grausigen Preis aus: Wer den Bärenjosef tötet, dem will sie gehören. Sie bereut es bald und kämpft am Ende geläutert um ihre Liebe – im doppelten Sinn.

Theater für alle

Die Bühne ist ein ebenso simpler wie genialer Kubus, der mit einer Art umlaufendem Duschvorhang zu milchiger Transparenz verschlossen werden kann. Vor, in und auf diesem Kasten wird gespielt – den Hintergrund bildet der Wald am Fuß des Labers, der vom Bühnenlicht angestrahlt zu einem Märchenwald wird und aus dessen Tiefe des Raumes die Schauspieler auftreten. Mal mit Zündapp-Moped, mal mit Blasmusik.

Einzige Schwäche des Stücks ist, dass nicht alle Akteure sattelfest im Dialekt sind, was zunächst unfreiwillig komisch wirkt. Aber die Inszenierung hat eine solche Wucht, dass diese Holprigkeit am Ende die gewollte Künstlichkeit unterstützt. Die Figuren erscheinen in überzeichnet gegenwärtiger Kleidung, die einer grellen Farbensystematik folgt.

Bei aller Abstraktion von Bühne und Inszenierung – alles wäre nur gutes Laienschauspiel, wäre da nicht immer wieder die "Volxmusik"-Kombo Kofelgschroa auf der Bühne, die sich nach Oberammergaus markantem Hausberg auf der anderen Talseite nennt. Tuba, Quetschn (Akkordeon), Gitarre und Schlagzeug – wunderbare Melodien und wunderbar schräge Texte in Oberammergauer Mundart: Mit volksdümmlicher Musik hat diese Volksmusik nichts zu schaffen. In Karacas "Geierwally" hält Kofelgschroa das Stück zusammen und erzählt es mit.

Kurz: Diese "Geierwally" ist ein weiteres Stück, das zeigt, wie in Oberammergau modernes Volkstheater jenseits der Klischees entsteht: klug und hintersinnig, aber nicht verkopft; im Dorf verwurzelt und mit Laien, aber kein "Laientheater"; sinnlich, ohne jede elitistische Angeberei, aber absolut "heutig". Oberammergauer Volkstheater ist ganz einfach – Stückl, Karaca & Co. sei Dank – Theater für alle.

 

INFORMATION: Alle zehn Aufführungen der "Geierwally" sind restlos ausverkauft. Für den "Fliegenden Holländer" am 21. und 23. Juli sind noch wenige Restkarten erhältlich. ­Internet: www.passionstheater.de

TV-TIPP

Christian Stückl im Porträt

Christian Stückl: Passion, Theater, Mensch

Der Münchner Volkstheater-Intendant und langjährige Oberammergauer Passionsspielleiter Christian Stückl ist ein Mann der Leidenschaft - fürs Theater, für Oberammergau und sein Passionsspiel, für Menschen. Das Evangelische Fernsehen hat ihn im Sommer 2017 mit der Kamera begleitet. Die Dokumentation "Passion, Theater, Mensch - Christian Stückl" ist in der Mediathek von Sat.1 Bayern zu finden.

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Zweiter Spielleiter »beim Passion« (wie man im Dorf sagt): Der Oberammergauer Abdullah Kenan Karaca (28) stammt aus einer muslimischen Familie.
Zweiter Spielleiter »beim Passion« (wie man im Dorf sagt): Der Oberammergauer Abdullah Kenan Karaca (28) stammt aus einer muslimischen Familie.
Der Oberammergauer Passionsspielleiter und Regisseur Christian Stückl (2017).
2020 ist wieder Passion: der Oberammergauer Passionsspielleiter und Regisseur Christian Stückl.
»Der Fliegende Holländer« von Richard Wagner in der Inszenierung von Christian Stückl am Passionstheater Oberammergau 2017: Gábor Bretz in der Hauptrolle vor dem Bühnenbild von Stefan Hageneier.
»Der Fliegende Holländer« von Richard Wagner in der Inszenierung von Christian Stückl am Passionstheater Oberammergau 2017: Gábor Bretz in der Hauptrolle vor dem Bühnenbild von Stefan Hageneier.
Oberammergauer Kultur- und Theatersommer 2017: Die Plakatmotive zur »Geierwally« und zum »Fliegenden Holländer«.
Oberammergauer Kultur- und Theatersommer 2017: Die Plakatmotive zur »Geierwally« und zum »Fliegenden Holländer«.
Die Geierwally | von Wilhelmine von Hillern | Regie: Abdullah Karaca (Passionstheater Oberammergau, 2017).
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#Glaubensfrage

2020 inszeniert er bereits zum dritten Mal die Oberammergauer Passionsspiele. Was die ständige Beschäftigung mit Glaube und Religion mit ihm macht, wie er jetzt auf seinen gelernten Beruf des Bildhauers zurückblickt und was die Kirche in seinen Augen gegen sinkende Mitgliederzahlen tun sollte, darüber hat der Theaterintendant Christian Stückl exklusiv mit uns gesprochen.
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