Der Saal im Münchner Literaturhaus war am Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als der US-amerikanische Autor und Lyriker Ocean Vuong mit seinem neuen Roman "Der Kaiser der Freude" auftrat.
Moderiert wurde die Lesung vom Schriftsteller und Philosophen Senthuran Varatharajah, Schauspieler Thomas Hauser (Residenztheater) las die deutsche Übersetzung.
Mehr als Herkunft und Identität
Beide Autoren verbindet eine Familiengeschichte, die von Krieg und Flucht geprägt ist: Vuongs Mutter floh aus Vietnam, Varatharajahs tamilische Eltern aus Sri Lanka.
Doch das Gespräch kreiste nicht um Biografisches allein. Es ging um Sprache, Zeit, Krieg, die Ränder der Gesellschaft, um den sogenannten American Dream – und natürlich auch um Donald Trump.
Ein gängiger Irrtum ist, dass Vuong über die "dunkle Seite" des amerikanischen Traums schreibe. Tatsächlich schreibt er einfach über den amerikanischen Traum. Denn dieser bedeute, dass einer von Millionen es schafft – und die große Mehrheit auf der Strecke bleibt.
Und von dieser Mehrheit, zu der Vuong vor seinem literarischen Erfolg zählte, erzählt er. In seinen Büchern – und auch an diesem Abend.
Schonungslose Analyse der USA
Der Abend zeigte Vuong als Autor, den sein Erfolg nicht milder gemacht hat. Er blickt scharf auf die strukturelle Gewalt der USA: auf die Gründung des Landes durch Völkermord an den Indigenen, auf Versklavung, auf die Obsession mit Kriegen wie dem zwanzigjährigen Krieg in Vietnam.
"Viele Liberale tun so, als sei Trump der Bösewicht, der das schöne Dorf verdirbt", sagte Vuong. "Aber nein – das Dorf selbst ist das Problem."
Er führte überzeugend aus, wie die Besessenheit der Amerikaner:innen mit dem ewig Neuen, Besseren verhindere, im Hier und Jetzt zu leben.
Auch über Repräsentation sprach Vuong klar: Asiatischstämmigen Amerikaner:innen werde kaum eigene Kultur zugestanden, Anerkennung fänden sie nur, wenn sie "brav" europäische Komponisten wie Bach oder Beethoven spielten. "Darauf habe ich keine Lust", betonte er.
Ein weiterer interessanter Aspekt, den Vuong berührte, war die Sprache amerikanischer Politiker. Die letzten US-Präsidenten nutzten literarische Stilformen, erklärte er, und verwies auf Trumps Parole "Make America Great Again", die er halb scherzhaft als Haiku bezeichnete. Auch Obamas Rhetorik sei von der Literatur entlehnten Stilformen geprägt gewesen.
Ein Gespräch auf Augenhöhe
Senthuran Varatharajah erwies sich als einfühlsamer Gesprächspartner, der kluge Fragen stellte und Vuong die Bühne überließ. So entstand ein Dialog zwischen zwei großen Geistern – respektvoll, tiefgründig und frei von Selbstdarstellung.
Zwischendurch zeigte Vuong auch seine humorvolle Seite: Mit einem Grinsen erinnerte er an die Legende, George Washington habe als Kind einen Kirschbaum gefällt. "Jemand, der einfach so einen Fruchtbaum umhaut? Red flag!"
Inspirierte Zuhörer:innen
Am Ende blieb das Publikum inspiriert zurück – bewegt von einem Autor, der poetisch und glasklar von den Bruchstellen der amerikanischen Gesellschaft erzählt, ohne sich Illusionen hinzugeben.
Reich-Ranickis berühmtes Brecht-Zitat, "Der Vorhang zu und alle Fragen offen", hätte kaum besser zu diesem Abend passen können – nur dass durch Vuongs Ausführungen noch einige neue Fragen hinzugekommen sind. Und dass die Bühne keinen Vorhang hatte.