In Berlin hat ein großes ökumenisches Kunstprojekt begonnen: Unter dem Motto "Sein.Antlitz.Körper" präsentieren neun evangelische  und katholische Berliner Kirchen sowie die Stiftung Neue Synagoge Berlin-Centrum Judaicum bis Dezember 2016 in ihren Räumen über hundert zeitgenössische künstlerische Positionen aus aller Welt. Den Abschluss der Reihe bildet, anlässlich des Reformationstages, im Oktober 2016 eine Ausstellung in der Erlöserkirche in Jerusalem, wo u.a. der israelische Künstler Micha Ullman im Kreuzgang installieren wird.

Die Kunst, so der Wunsch der Macher, soll die architektonischen Besonderheiten der Kirchen berücksichtigen, so der Ausstellungsmacher Alexander Ochs.  Das Kunstwerk "Ecce Homo" in der Kirche St. Canisius am Lietzensee befindet sich in einem lichtdurchfluteten weißen, nahezu bilderlosen Raum - und erinnert an ‚innere Räume‘ wie ‚Makom‘, an die ‚heilige Leere‘ der Christen sowie die Idee der Bilderlosigkeit in der jüdischen Ikonografie.

In St. Michael am Engelbecken sind Werke der Indonesierin Arahmaiani Feisal, des vietnamesischen Künstler Bui Cong Khanh sowie der in Berlin lebenden Hannah Hallermann zu sehen, die sich mit islamischer, christlicher und buddhistischer Ikonografie auseinandersetzen. Liturgische Gewänder, Gebetsbänke und eine Statue des Heiligen St. Michael beziehen die Künstler bewusst in das Raumkonzept mit ein. Readymades – in ihren Augen. ‚Die Kunst ist schon in der Kirche. Über Readymades‘ lautet deshalb auch der Titel dieser Ausstellung in St. Michael.

"Sein.Antlitz.Körper": Madonna und Migrantin

Die Kirche St. Marien am Alexanderplatz, die älteste Berliner Predigtstätte, in der 1964 auch Martin Luther King predigte, wiederum öffnet sich – in Anlehnung an die mit Marienbildern versehene Ausstattung – dem aktuellen Thema "Das Kopftuch der Migrantin. Ihr Kreuz tragen".
SEIN.ANTLITZ.KÖRPER. wird im Rahmen des Programms "Die Reformation und die Eine Welt" von der Beauftragten für Kultur und Medien bei der Bundesregierung, Monika Grütters, sowie von zahlreichen weiteren Partnern gefördert.

Noch nie haben sich die Kirchen in solch großem Maße an der Finanzierung eines zeitgenössischen Kunstprojektes beteiligt und noch nie gab es eine so aktive Interaktion zwischen Künstlerinnen und Künstlern und den Kirchen. In den sakralen Räumen entwickelten die Werke eine ganz eigene Kraft, spürt auch Georg-Maria Roers SJ. ‚Viele Menschen empfinden diese Energie, selbst wenn sie ansonsten keinen Bezug zur Kunst haben‘. In diesem Sinne sieht der Kultur- und Kunstbeauftragter der Erzdiözese Berlin es als seine Aufgabe an, Kunst und Kirche zusammenzubringen, bevorzugt auch im ökumenischen Kontext.

Gegenwärtig fügen sich in St. Thomas von Aquin ein Kreis des Land Art-Künstlers Richard Long aus versteinerten Zedernholzstücken sowie die Skulptur ‚Für Fußwaschung‘ von Joseph Beuys aus dem Jahr 1977 unmittelbar in den Altarraum ein und treten mit Kreuz und Altar in Bezug.

Ausstellung soll Wunden zeigen

Ziel der Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe ist es, eine Beschreibung von Lebenswirklichkeiten, Glaubenswelten und gesellschaftspolitischen Realitäten zu reflektieren. Die Wunden zu zeigen und die Kunst als schöpferisches Kapital und – nicht als nur ökonomisches Spekulationsobjekt- zu sehen, sei aktueller denn je, so die Ausstellungsmacher.

Die Kirchen öffnen sich und bleiben dabei Kirchen. Sie werden nicht zu Museen und nicht zu Galerien. Die präsentierte Kunst konnotiert sich neu und macht ihren spirituellen Hintergrund wie ihre gesellschaftspolitische Relevanz dadurch wieder sichtbar.

Ochs betont, dass die Ausstellung in Kirchen nicht als "letzter Schrei" in der Kunst-Präsentation, als "contemporary hip", zu sehen sei. Vielmehr handele es sich bei den Kirchen um diejenigen Orte, in denen sich eine mehr als zweitausend Jahre alte Spiritualität manifestiere, an christliche Häuser als Teil einer christlichen Kultur, aus der – bei allen Widersprüchen – letztendlich auch die zeitgenössische Kunst Europas erwachsen sei.