Der Mann, der über die stärkste Armee der Welt wacht, spricht gerne über Gott. Pete Hegseth betet mit Soldaten im Pentagon, ruft seine Landsleute zum Gebet für den Sieg auf und beruft sich dabei ausdrücklich auf Jesus Christus. Auf seiner Brust trägt der US-Verteidigungsminister ein Jerusalemkreuz und auf seinem Bizeps steht "Deus vult" – "Gott will es", der Schlachtruf der Kreuzfahrer.
Hegseth versteht sich als überzeugter Christ. Seine Religiosität ist allerdings eng mit einem martialischen Männerbild, christlichem Nationalismus und einem besonderen Verständnis von Krieg verbunden.
Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Was passiert, wenn der Glaube eines mächtigen Politikers nicht nur seine persönliche Haltung, sondern auch die Streitkräfte einer Supermacht prägt?
Vom Krisenmoment zur religiösen Wende
Pete Hegseth (Jahrgang 1980) war Soldat und Infanterieoffizier, bevor er als Moderator beim erzkonservativen US-Sender Fox News tätig war. Seine politische Karriere begann nicht im kirchlichen Milieu. Seine religiöse Biografie nahm erst in einer persönlichen Krise eine entscheidende Wendung.
Nach einer Affäre zerbrach im Jahr 2017 seine zweite Ehe. Hegseth verlor sich nach eigener Darstellung im Alkohol. Eine weitere Frau beschuldigte ihn eines sexuellen Übergriffs. Gleichzeitig wurde er Vater seines ersten Kindes mit seiner späteren dritten Ehefrau Jennifer.
Das Paar zog nach New Jersey und schloss sich dort einer konservativen, evangelikalen Gemeinde an. Hegseth beschrieb später, dass die "Botschaft Christi" dort "vom Kopf ins Herz gewandert" sei. Ohne Jennifer und Jesus, die beiden "Js" in seinem Leben, hätte er diese Zeit nicht überstanden.
Die Familie zog später nach Tennessee. Die Kinder besuchten eine christliche Schule, die zum Netzwerk der "Communion of Reformed Evangelical Churches" (CREC) gehört. Dort begegnete Hegseth auch Doug Wilson.
Doug Wilson und die Idee vom christlichen Amerika
Wilson ist Pastor der Christ Church in Moscow im US-Bundesstaat Idaho. Lange Zeit galt die Gemeinde als religiöse Randerscheinung. Inzwischen ist Wilson jedoch eine wichtige Figur des christlichen Nationalismus in den USA.
Seine Vorstellung von Gesellschaft ist radikal konservativ: Männer und Frauen haben seiner Meinung nach unterschiedliche gesellschaftliche Rollen und die Familie sollte patriarchal organisiert sein. Wilson plädiert für eine politische Ordnung, die sich am biblischen Recht orientiert.
Die Trennung von Staat und Kirche lehnt er nicht grundsätzlich ab. Einen säkularen Staat will er jedoch nicht. Wenn ein staatliches Gesetz dem biblischen Gesetz widerspricht, müsse man Gott mehr gehorchen als den Menschen, so Wilson.
Auch Hegseth schätzt Wilson. Der US-Verteidigungsminister ist Mitglied einer Kirche aus dem CREC-Netzwerk und bezeichnet sich als überzeugter Anhänger von Wilsons theologischen Vorstellungen. Wilson wiederum beschreibt Hegseth als guten Christen und sagt, er stehe inzwischen in einem freundschaftlichen und pastoralen Verhältnis zu ihm.
Die Verbindung ist bemerkenswert. Denn Hegseth ist nicht irgendein Politiker. Als Verteidigungsminister trägt er Verantwortung für die US-Streitkräfte – und damit für eine militärische Macht, die über Atomwaffen verfügt und weltweit Krieg führen kann.
Ein Krieger für Christus?
Hegseth bezeichnet sich selbst als "Christian Warrior", als christlicher Krieger. In seinen Büchern kritisiert er eine politische und gesellschaftliche Entwicklung, die er als Angriff auf das traditionelle Amerika versteht.
In American Crusade schrieb er über die vermeintliche Verdrängung des Christentums aus der amerikanischen Gesellschaft. In "War on Warriors" richtet sich seine Kritik unter anderem gegen das, was er als "Wokeness" im US-Militär bezeichnet.
Für Hegseth gehören Frauen in Kampfrollen, Diversitätspolitik und die Anerkennung queerer Menschen zu einer Entwicklung, die das Militär schwächt. Er will eine andere Armee: härter, männlicher, kämpferischer. Seine religiösen Symbole passen zu diesem Selbstbild.
Historiker sehen darin jedoch mehr als eine private Vorliebe. So beschreibt der Soziologe Philip Gorski von der Yale University die Verbindung von Militanz, Männlichkeit und christlicher Symbolik als charakteristisch für Teile des christlichen Nationalismus.
Beten im Pentagon
Unter Hegseth hat diese religiöse Sprache sogar das Pentagon erreicht. So trat der Verteidigungsminister im Frühjahr 2026 persönlich bei einem Gebetstreffen vor Militärangehörige und zivile Mitarbeiter. Während die US-Streitkräfte den Iran bombardierten, betete Hegseth für "überwältigende Gewalt gegen jene, die kein Erbarmen verdienen".
Er rief die Amerikaner dazu auf, für den Sieg und die Sicherheit der eigenen Soldaten zu beten – "jeden Tag, auf den Knien, mit eurer Familie, in euren Schulen, in euren Kirchen", und zwar "im Namen Jesu Christi".
An anderer Stelle sprach er von der militärischen Überlegenheit der USA und davon, dass die Vorsehung Gottes die amerikanischen Soldaten beschütze.
Für Hegseth gehört der Glaube offenbar zur Kampfmoral. Das zeigt sich auch in seiner Vorstellung von Militärseelsorge. Die bisherigen Militärgeistlichen seien zu stark von politischer Korrektheit und säkularem Humanismus geprägt, kritisierte er. Aus Seelsorgern seien Therapeuten geworden, denen die eigenen Belange wichtiger seien als Glaube und Tugend.
Hegseth kündigte deshalb eine Reform der Militärseelsorge an. Anstatt der bisherigen rund 200 Religionsgemeinschaften sollten künftig nur noch 31 Gruppen Geistliche stellen dürfen. Die Seelsorger sollten demnach nicht mehr ihre militärischen Rangabzeichen, sondern religiöse Insignien tragen. Die Seelsorge solle wieder "großartig" werden, erklärte Hegseth – in Anlehnung an Donald Trumps politisches Motto "Make America Great Again".
Der Krieg bekommt eine religiöse Sprache
Hegseths Verhältnis von Religion und Militär wird besonders im Krieg gegen den Iran deutlich. Er sprach von den Fähigkeiten der US-Streitkräfte, "Tod und Zerstörung von oben" zu bringen. Gleichzeitig rief er zum Gebet für den Sieg auf.
Zwar hat Hegseth den Iran-Krieg nicht ausdrücklich als "Heiligen Krieg" bezeichnet. Doch die Verbindung von militärischer Gewalt und religiöser Sprache ist auffällig.
Der evangelikale Prediger Franklin Graham, einer der bekanntesten Unterstützer Donald Trumps, trat ebenfalls bei einem Gebetstreffen im Pentagon auf. Umgeben von Weihnachtsbäumen und einem jüdischen Chanukka-Leuchter fragte Graham die Anwesenden, ob sie wüssten, dass Gott auch hasse.
"Gott ist auch ein Gott des Krieges", lautete seine Botschaft.
Eine solche Vorstellung lässt sich mit biblischen Texten begründen. In der Bibel finden sich zahlreiche Geschichten von Krieg, Gewalt und göttlicher Vergeltung. Deshalb hat das Christentum seine Geschichte immer wieder zur religiösen Rechtfertigung von Gewalt genutzt.
Kreuzzüge, Zwangsmissionierung, Ketzerverfolgungen und Religionskriege gehören ebenso zu seiner Geschichte wie die Botschaft von Frieden, Feindesliebe und Gewaltverzicht. Genau deshalb ist die Frage entscheidend, welche biblischen Bilder ein Politiker hervorhebt – und welche er ausblendet.
Widerspruch aus den Kirchen
In den USA stößt Hegseths religiöse Kriegsrhetorik auf deutlichen Widerspruch. So zieht der katholische Kardinal Robert McElroy eine klare Grenze zwischen dem Gebet für die eigenen Soldaten und der religiösen Rechtfertigung eines Krieges. Seiner Überzeugung und der Lehre der katholischen Kirche zufolge ist der Krieg gegen den Iran kein moralischer, sondern ein unmoralischer Krieg.
Auch Papst Leo XIV. hat einer religiösen Rechtfertigung von Krieg widersprochen. Gott dürfe nicht missbraucht werden, um Krieg zu rechtfertigen, sagte der aus den USA stammende Papst.
Der Münchner Kardinal Reinhard Marx wurde noch deutlicher. Es sei eine "schamlose Gotteslästerung", wenn Hegseth dafür bete, dass jede Kugel im Iran-Krieg ihr Ziel treffe.
Wem gilt die Loyalität?
Hegseths Religiosität ist mehr als eine persönliche Glaubensfrage. Ein Verteidigungsminister hat Macht über Menschenleben. Seine Entscheidungen können über Krieg und Frieden, über Angriff und Rückzug entscheiden. Wenn er dabei von Gottes Vorsehung, christlichen Kriegern und dem Sieg über Feinde spricht, erhält die religiöse Sprache eine politische und militärische Wirkung.
Natürlich darf Pete Hegseth Christ sein. Sein christlicher Glaube ist seine persönliche Überzeugung. Die Macht, die er als Verteidigungsminister hat, gehört ihm jedoch nicht persönlich. Sie gehört dem Staat, der seine Bürger unabhängig von ihrem Glauben vertreten soll.
Und genau deshalb ist die Frage, zu welchem Gott ein selbsternannter Kriegsminister betet, am Ende auch eine politische Frage.