Ein kleines, buntes Kirchenfenster in Oberammergau, eine Geißelungsszene aus der Passionsgeschichte: Der an den Pfahl gefesselte Jesus wirkt merkwürdig unberührt; dynamisch um ihn herum gruppiert sind seine Folterer. Eigentlich müssten es ja Römer sein. Doch da sind Signale, die in eine andere Richtung deuten: Einer der Schergen trägt gelbe Schuhe, überhaupt regiert die Farbe Gelb, die seit dem Mittelalter in der christlichen Kunst den Hass signalisierte. In vielen Kleiderordnungen verordnete man sie auch den Juden – bekanntlich bis ins 20. Jahrhundert. Die Figur links stellt den linken Fuß nach vorn – links, die "falsche" Seite, die der Lüge und des Teufels. Und die Gestalt rechts hat eine hakennasige Fratze, die wie eine antisemitische Karikatur im NS-Hetzblatt "Stürmer" aussieht. Prekär an der Sache: Das Ende 1928 oder 1929 eingebaute Kirchenfenster stammt aus der selben Zeit wie die "Stürmer"-Karikaturen.

Ein Leipziger Kunstprofessor

Zu den letzten Passionsspielen war im Frühsommer 2022 die jüdische Neutestamentlerin Amy-Jill Levine in Oberammergau. Gemeinsam mit Axel Töllner, Beauftragter der bayerischen Landeskirche für den christlich-jüdischen Dialog, und anderen besuchte die Professorin für Neues Testament und Jüdische Studien an der Hartford University die Kostümprobe des Passionsspiels. Während der Pause schaute sich Levine dann mit Töllner und ihrer Gruppe die Kirchen Oberammergaus an, auch die evangelische. "Kirchen besuche ich, wo immer ich bin und wann immer es möglich ist", erklärt sie. Und sie schaue sich die Kirchen immer sehr genau an, bekennt die amerikanische Wissenschaftlerin, sonst hätte sie das eher wenig ins Auge fallende Fenster wohl nicht entdeckt. "Unwahrscheinlich, dass zufällige Besucher das Fenster bemerken, außer sie sind gezielt an den Buntglasfenstern interessiert", meint sie. Sie habe ihre Begleiter auf das Bildmotiv angesprochen, die es wie sie als problematisch empfanden und später mit der Gemeinde Kontakt aufnahmen. Damit kam der Ball ins Rollen.

Inzwischen hat sich in der bayerischen Landeskirche eine Arbeitsgruppe formiert mit dem Ziel, alle evangelischen Kirchen unter die Lupe von "antisemitischer Bildkunst" zu nehmen. So sollen – neben den bekannten Fällen wie den "Judensau"-Darstellungen beispielsweise an der Nürnberger Sebalduskirche – auch solche Darstellungen gefunden werden, die bislang niemand bemerkt hat.

Wer war der Künstler, der die Fenster für Oberammergau schuf? In den kirchlichen Archiven ist über den Leipziger Kunstprofessor Paul Horst-Schulze (1876-1937) wenig mehr in Erfahrung zu bringen, als dass er für die vier von ihm gefertigten Fenster 1400 Reichsmark bekommen hat. Über seine politische Gesinnung weiß die Kunstgeschichte nichts; seinen Stil bezeichnete eine Kunstzeitschrift später einmal als "Mix aus Spätgotik und germanisierendem Jugendstil.

 

Paul Horst-Schulze auf einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Fotografie.
Paul Horst-Schulze auf einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Fotografie.
Paul Horst-Schulze: Details des Geißelungsfensters in der Oberammergauer Kreuzkirche.
Paul Horst-Schulze: Ins Land blickender Faust, Wandmalerei in Auerbachs Keller, Leipzig.
Ins Land blickender Faust, Wandmalerei von Paul Horst-Schulze in Auerbachs Keller, Leipzig.
Paul Horst-Schulze: Das Geißelungsfenster in der Oberammergauer Kreuzkirche.
Gustav Reutter: Murnauer Moos, 1962.
Paul Horst-Schulze: Hinterglasmalerei Sankt Martin und der Bettler, um 1925

Murnau – Künstlerdorf und NS-Hochburg

Der Maler, Grafiker und Illustrator, der seinen zweiten Vornamen zum Teil seines Nachnamens machte, hatte als Jugendlicher seine künstlerische Ausbildung an der Königlichen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Leipzig begonnen und war 1894 an die Münchner Kunstakademie gewechselt. Dort schrieb er sich noch als "Paul Horst Schulze-Mühlhausen" ein. Eigentlich hätte er Pfarrer werden sollen wie sein Vater, Moritz Hermann Schulze (1828-1909), Pastor von Naunhof bei Leipzig. Eine nach seinem Tod verfasste, unveröffentlichte Biografie berichtet, Horst-Schulze sei als Siebenjähriger von einem Baum gestürzt, habe dies aber aus Angst vor seinem Vater verheimlicht. Die Rückenverletzung, die er sich dabei zuzog, blieb unbehandelt und verwuchs sich zu einem Buckel. "Dieser Buckel lässt ihn nach dem damaligen Verständnis als zum Pfarrer ungeeignet erscheinen", meint der Leipziger Historiker Andreas Höhn, "man kann sich lebhaft vorstellen, wie ein geistig aufgewecktes Kind im Deutschen Kaiserreich, wo jeder an seiner Wehrtüchtigkeit gemessen wurde, an diesem Schicksal gelitten hat."

Jugendstil, Werkbund, Aufbruch in die Moderne

Nach einer weiteren Station ab 1899 an der Düsseldorfer Akademie kehrte Horst-Schulze nach Leipzig zurück, wo er als "einer der talentiertesten jungen Leipziger Künstler" am Anfang des 20. Jahrhunderts gehandelt wurde. Er begann als "Griffelkünstler" (so das Allgemeine Lexikon der bildenden Künstler von 1924): Er schuf Jugendstil-Illustrationen für Kinder-, Jugend- und Märchenbücher, fertigte Lithografien und Bühnendekorationen und Zeichnungen. Sein erster großer Auftrag war ab 1901 ein Deckengemälde für die Gnadenkirche in Leipzig-Wahren. Das Jugendstilgemälde im Chor der Kirche "wurde von Anfang an kritisiert, da es so aussah, als benütze Gott Vater das Gebälk [des Kanzelaltars] als Schemel für seine Füße", wie es in einer Restaurierungs-Dokumentation von 2018 heißt. Horst-Schulze schuf das Bild 1929 neu, doch 1959 wurde es bei einer Renovierung der Kirche übermalt.

Der Durchbruch des Künstlers kam 1904: Für die Villa Haunstein-Brachmann, einen der schönsten Jugendstilbauten Leipzigs, schuf Paul Horst-Schulze nicht nur die Innengestaltung, sondern auch 15 bunte Bleiglasfenster. Zusammen mit Wera Wagner, die er 1907 heiratete, gehörte Paul Horst-Schulze schon länger zum engsten Kreis um den symbolistischen Bildhauer Max Klinger (1857-1920).

Sein Brotberuf war ab 1902 eine Lehrtätigkeit an der Leipziger Akademie für grafische Künste und Buchgewerbe. Die Verbindungen nach Bayern und der dortigen Kunstszene rissen nie ab: Als in München im Herbst 1907 der "Deutsche Werkbund" gegründet wurde, der als "Vater des Bauhauses" und damit der klassischen Moderne gilt, gehörte Paul Horst-Schulze zu den Gründungsmitgliedern von dessen sächsischer Sparte.

Der "ganz normale" Antisemitismus

Über die "ganz normale" protestantische Nähe zum Deutschnationalen und vermutlich auch die tief wurzelnden antijüdischen Vorurteile in der lutherischen Tradition dürften die Einstellungen von Paul Horst-Schulze nicht hinausgegangen sein. Sein Schaffen und seine Motive zeigen aber, wie fließend die Übergänge in der Moderne sind, gerade was deren Wurzeln in den Ideen der Münchner Vereinigten Werkstätten (ab 1897) und des Deutschen Werkbunds angeht. Hitlers Lieblingsbaumeister vor Albert Speer, Paul Ludwig Troost (1878-1934), Architekt des „Haus der Deutschen Kunst“ und der Führerbauten am Münchner Königsplatz, kommt ebenso aus dieser Tradition wie das "Bauhaus".

1911 stieg Horst-Schulze zum Professor auf und machte ab 1916 Murnau zu seiner Wahlheimat, wo er sich ein Ferienhaus zulegte. Schon 1906 hatte er seine erste "Murnauer Landschaft" in Öl gemalt – und "von jeher der handwerklichen Kunst des Volkes zugetan", wie es in seiner Biografie heißt, entdeckte er dort auch die Hinterglasmalerei. Murnau hat eine lange Tradition dieser Volkskunst. Doch um die Jahrhundertwende gab es nur noch die Glasmalerei-Werkstatt des Rotgerbers Heinrich Rambold (1872-1955), der den wachsenden Markt der "Sommerfrischler" bediente. Er ließ sich nicht nur von Paul Horst-Schulze über die Schulter schauen, sondern zuvor schon von Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Franz Marc, Heinrich Campendonk und anderen aus dem Dunstkreis des "Blauen Reiters".

Der Architekt und Maler Gustav Reutter

Im September 1925 war in einer Ausstellung des Leipziger Kunstvereins mit alten und zeitgenössischen Hinterglasbildern auch Paul Horst-Schulze vertreten. Die Presse lobte sein "in gold- und silberblitzenden Reflexen (in einem farbenausgesparten Spiegel)" gefertigtes Bild als "köstliches Kabinettstück". Und auch in einer Murnauer Ausstellung 1933 war mindestens eines seiner Hinterglasbilder zu sehen.

Sie müssen sich irgendwann vor dieser Zeit Murnau kennengelernt haben, der deutlich jüngere Architekt Gustav Reutter (1894-1971) und der Künstler Paul Horst-Schulze. Beim Projekt einer evangelischen Kirche für Oberammergau dürfte 1927/28 auch der biografische Hintergrund des Leipziger Pfarrerssohns eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.

Diplom-Ingenieur Reutter war ebenfalls ein "Zugereister": Er stammte aus Ludwigshafen in der Pfalz, hatte in München Architektur studiert und arbeitete seit 1924 als selbstständiger Architekt in Murnau. Er entwarf Bürgerhäuser und neben der Oberammergauer auch die Tutzinger evangelische Kirche, die 1930 in nur acht Monaten Bauzeit errichtet wurde.

Auch als Künstler machte sich Gustav Reutter einen Namen in Murnau. Eines seiner ersten bekannten Werke sind Notgeldscheine, der er in der Inflationszeit 1923 für Murnau entwarf, wobei er in diese eine versteckte Liebeserklärung an seine spätere Frau hineinschrieb. Murnau galt als Hochburg des Nationalsozialismus, und in der NS-Zeit brach hier ein regelrechter Bauboom aus. Reutter, NSDAP-Mitglied seit 1933 und SA-Rottenführer, profitierte von lukrativen Aufträgen des Regimes für neue Wehrmacht-Kasernen in Mittenwald und Garmisch. Nach dem Krieg, spätestens ab Mitte der 50er-Jahre arbeitete der Träger der Murnauer Bürgermedaille hauptsächlich als Maler von Landschaften, Stadtansichten und Stillleben.

Oberammergauer Bastellösung in Bestlage

Wie wurde Gustav Reutter der Architekt der Oberammergauer evangelischen Kirche? Den Ausschlag für den Murnauer gab, dass Reutter damals noch nicht lange im Geschäft und vergleichsweise günstig war. Der wachsenden evangelischen Gemeinde Oberammergaus, die bisher im Schulsaal der politischen Gemeinde Gottesdienst gefeiert hatte, war zuvor ein ambitioniertes Neubauprojekt am Ortsrand noch aus der Vorkriegszeit in den Inflationsjahren endgültig geplatzt. Stattdessen hatte man neu angesetzt und sich nun für Bestlage entschieden: Man beschloss, einen in unmittelbarer Nähe zum Passionsspielhaus gelegenen Bauernhof in der Theaterstraße zur Kirche umzubauen. Ein Tölzer namens Weixelbaum hatte in der Inflationszeit der Oberammergauer Bauernfamilie Haag ihren Hof abgekauft, stückelte den Besitz und verkaufte ihn mit enormen Gewinnen weiter.

In der Münchner Kirchenleitung stießen die Pläne auf Entsetzen – jedenfalls beim großen evangelischen Baumeister, Professor German Bestelmeyer (1874-1942). Der versuchte, die Sache noch zu verhindern, und schlug einen anderen Architekten vor. Doch am Ende setzten sich die Oberammergauer – vor allem Freiherr Ernst von Hoyningen-Huene (1855-1931) als Mäzen und treibende Kraft – mit ihrer relativ kostengünstigen Bastellösung durch. "Die Kirche, durch den Umbau einer ehemaligen Scheune geschaffen, kann vor allem im Innern als ein Meisterwerk kirchlicher Raumkunst angesprochen werden", urteilten nach der Einweihung dann aber die Münchner Neuesten Nachrichten: "Der stimmungsvolle Raum gewinnt noch durch die bunten Glasfenster des bekannten Glasmalers Prof. Horst Schulze-Leipzig sowie durch die handwerklich ganz hervorragend gearbeitete Inneneinrichtung, die durchweg von einheimischen Meistern ausgeführt wurde."

Heute ist man auch im Münchner Landeskirchenamt vermutlich froh über die damalige Entscheidung und einigermaßen stolz auf die Lage der evangelischen Kirche mitten im Passionsspielort. Umso bedeutsamer ist – bei dem Publikum aus aller Welt, das die Spiele alle zehn Jahre nach Oberammergau locken – die Botschaft, die von den Kirchenfenstern ausgeht.

100-Jahr-Feier 2028

Der Kirchenvorstand der Oberammergauer Protestanten hat sich mittlerweile beraten und einen Fahrplan zur Aufarbeitung der antisemitischen Bildkunst in der Kreuzkirche beschlossen. Klar ist: Das Fenster bleibt, wo es ist. "Es ist ein kunsthistorisches Dokument der damaligen Zeit, wir können es nicht ausradieren und so tun, als hätte es nie existiert", sagt Pfarrerin Heike-Andrea Brunner-Wild. Stattdessen wolle man eine Diskussion darüber anstoßen, "wie selbstverständlich antijüdische Klischees damals in die Kirche eingewandert sind" (lesen Sie hier mehr über die Pläne der Gemeinde).

Bis zum 100. Jubiläum der Kirchweih am 28. Juli 2028 soll der Dialogprozess beendet sein. Als Ergebnis wünscht sich Brunner-Wild eine neu gestaltete Kirchenbroschüre und im Idealfall den Auftrag für ein neues, zusätzliches Kunstwerk als Gegenüber zu dem antisemitischen Fenster.

Vom Hassbild zum Lernort

Amy-Jill Levine findet die Pläne der Oberammergauer Gemeinde "brillant". Der "erste gute Punkt ist, dass man das Bild als antisemitisch anerkennt und das Problem nicht leugnet", sagt sie. Auch sie sei gegen eine Auslöschung der Vergangenheit; besser sei eine Kontextualisierung solcher Bilder. "In einer kirchlichen Umgebung kann das Fenster zu einem Zeichen für die Notwendigkeit der Buße, für Wachsamkeit gegenüber Vorurteilen und Fanatismus werden und zu einer Warnung, dass und wie wir alle gefährdet sind, andere zu diffamieren." Wolle die Oberammergauer Gemeinde bei ihrem Aufarbeitungsprozess auch Juden beteiligen, wäre sie gerne bereit mitzuhelfen, bot Neutestamentlerin Levine an.

Auch der langjährige Passionsspielleiter Christian Stückl (62) will sich an dem Prozess beteiligen. Anders als Amy-Jill Levine wäre er dafür, das Fenster "rauszunehmen". Die Darstellung sei "klar von der antisemitischen Tradition bestimmt", und wie im Fall der "Judensau"-Darstellungen an Kirchen plädiere er deshalb dafür, solche Bilder zu entfernen. Aber auch die in Oberammergau geplante Kontextualisierung sei ein "richtiger Ansatz", so Stückl, "wir haben zu unserer Geschichte zu stehen." Ihn beschäftige nur, was ihm einmal ein Mitglied der Nürnberger jüdischen Gemeinde gesagt habe: dass man heute zwar bereit sei, Dinge wie das "N-Wort" zu tilgen, aber der Antisemitismus bleibe. Das stimme leider, meint Stückl: "Beim Antisemitismus waren wir noch nie bereit zu lernen." Oberammergaus Protestanten versuchen das nun.

 

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