Vor knapp drei Jahren sind sie in Deutschland angekommen – Menschen aus der Ukraine, die vor dem russischen Angriffskrieg fliehen mussten. Mit ihrem Foto- und Textprojekt "Ми українці / Wir Ukrainer*innen in München, 2022" widmet sich die Fotografin Barbara Donaubauer genau diesen Menschen und ihrer Präsenz innerhalb der Münchner Stadtgesellschaft.
Im Zentrum des Projekts steht die Frage nach Sichtbarkeit. Donaubauer will mit ihrem Projekt den Protagonistinnen "Raum, selbst zu bestimmen, wie sie gesehen werden möchten", so die Fotografin. Dabei gehe es nicht um anonyme Schicksale, sondern um individuelle Geschichten, Selbstbilder und um die Frage nach Zugehörigkeit. Wer sind sie, die Ukrainerinnen in Deutschland, die aufgrund des russischen Angriffskriegs aus ihrem Heimatland geflohen sind? Diese Frage bildete den Ausgangspunkt der fotografischen und textlichen Auseinandersetzung.
Verbindung zwischen Herkunft und neuer Heimat
Die Porträts entstanden an Orten, die die Porträtierten selbst gewählt haben: Öffentliche Plätze, Parks, Wohnungen oder Straßenzüge in München. "Dadurch wird die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar, zwischen Herkunft und neuer Heimat", so Donaubauer. Die Stadt München sei nicht nur Kulisse, sondern aktiver Teil der Erzählung.
Ergänzt werden die Fotografien durch kurze Texte auf Deutsch und Ukrainisch – Auszüge aus Gesprächen, die Donaubauer mit den Protagonistinnen geführt hat. Darin spiegeln sich Gedanken, Hoffnungen und innere Zerrissenheit, in das Weiterleben mit Erinnerungen an Krieg, Verlust und Abschied, aber auch in das vorsichtige Ankommen in einem neuen Alltag. Manche der Porträts zeigen persönliche Gegenstände, kleine Andenken oder auch Haustiere. Die Objekte fungieren als emotionale Brücken zwischen früherem Leben und Gegenwart.
Donaubauer möchte mit ihren Arbeiten geflüchteten Menschen ein Bild in unserer Gesellschaft geben, sie sichtbar machen und ihre Geschichten festhalten, bevor sie im Alltag des Ankommens verblassen oder vergessen werden. Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einer erinnernden, empathischen Stadtgesellschaft.
Das Fotoprojekt ist jetzt in einem kleinen Bildband erschienen: "Wir Ukrainer*innen in München" ist damit nicht nur ein künstlerisches Projekt, sondern auch ein zeitgeschichtliches Zeugnis – leise, respektvoll und von großer humaner Kraft.
Drei Fragen an Barbara Donaubauer
Was hat Sie überrascht bei diesem Projekt?
Überrascht hat mich, wie schnell ich Protagonistinnen zu diesem Projekt gefunden habe. Über einen Aufruf in einer Chatgruppe hatte ich nach einem Tag, 20 Nachrichten von Menschen und Familien, die bei meinem Projekt "Wir Ukrainer*innen in München" mitmachen wollten.
Welche Erkenntnisse haben Sie über das Projekt dazu bekommen, was wir hier in Deutschland für die Ukrainer:innen tun können?
Eine Erkenntnis war, dass wir mit Projekten wie diesem Ausstellungsprojekt, den Ukrainer:innen hier in Deutschland eine Plattform, ein Gesicht geben können. Diese Menschen raus aus der grauen Masse der Geflüchteten zu bringen, ihnen eine Möglichkeit zu geben eine Geschichte, ihre Geschichte zu erzählen.
Wie geht es weiter mit dem Projekt?
Im Moment suche ich neue Orte in Deutschland, wo ich diese Ausstellung zeigen kann. Denn leider ist der Angriffskrieg immer noch in vollem Gang und ein Frieden noch nicht in Sicht.