Seit einem Vierteljahrhundert ist Wolfgang Hagemann Vorsitzender des Martin-Luther-Verein in Bayern. Im Gespräch blickt Wolfgang Hagemann auf persönliche Erlebnisse, strukturelle Herausforderungen und Zukunftsperspektiven der Diaspora-Arbeit. 

Als Referent für Mission und Entwicklung im Amt für evangelische Jugendarbeit der bayerischen Landeskirche brachte er internationale Kontakte und Erfahrung mit – insbesondere nach Brasilien. Dort wie auch später in der Ukraine, in Mittelamerika und Südafrika engagiert sich der Verein für lutherische Partnerkirchen und sozialdiakonische Projekte.

Herr Hagemann, seit 25 Jahren stehen Sie an der Spitze des Martin-Luther-Vereins in Bayern. Wie begann Ihr Weg in dieses Engagement?

Wolfgang Hagemann: Mein Weg begann tatsächlich schon in den 1990er Jahren. Damals sprach mich mein Vorgänger an, ob ich mir vorstellen könnte, im Hauptausschuss mitzuarbeiten. Das Gremium hatte ein Durchschnittsalter von etwa 70 Jahren – ich war Anfang 30 und arbeitete als Referent für Mission und Entwicklung im Amt für evangelische Jugendarbeit. Man suchte also jemanden, der die Perspektive etwas verjüngt. So bin ich zunächst ehrenamtlich eingestiegen, später wurde ich stellvertretender Vorsitzender und schließlich erster Vorsitzender.

War die Diasporaarbeit für Sie damals schon ein vertrautes Feld?

 Ja, durchaus. Durch meine Tätigkeit hatte ich bereits internationale Kontakte, insbesondere nach Brasilien. Der Martin-Luther-Verein war dort traditionell stark engagiert. Insofern ergänzte sich meine berufliche Aufgabe sehr gut mit dem Ehrenamt. Es war kein Bruch, sondern eine Weiterführung dessen, was mich ohnehin bewegte.

Brasilien ist bis heute ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit. Was verbindet Sie persönlich mit diesem Land?

Meine erste Reise führte mich zu einem Jugendcamp im Süden Brasiliens. Ich kam mit der Vorstellung an, es sei tropisch warm – stattdessen regnete es eine Woche lang, ich wohnte in einer einfachen Holzhütte und fror. Aber genau dort habe ich die Herzlichkeit und Bodenständigkeit der Menschen erlebt. Viele Gemeinden gehen auf deutsche Auswanderer zurück, manche sprachen noch Dialekt. Es entstand schnell Nähe. Mich beeindruckt bis heute, wie engagiert die lutherische Kirche dort sozialdiakonisch arbeitet – gerade für benachteiligte Kinder und Jugendliche oder für Studierende, die sich eine Ausbildung sonst nicht leisten könnten.

Wie unterscheidet sich das kirchliche Leben in Brasilien von unserem hier in Bayern?

Die lutherische Kirche ist stark im Süden konzentriert und historisch geprägt. Gleichzeitig erleben wir – ähnlich wie in Deutschland –, dass junge Menschen in die Großstädte ziehen und die Bindung an die Kirche verlieren. Die Mitgliederzahlen sind rückläufig. Zugleich ist die religiöse Landschaft stark gewachsen: Viele evangelikale oder sogenannte "Straßenkirchen" werben mit Heilungsversprechen und Wohlstandstheologie. Da geht es oft nach dem Prinzip: Wenn du glaubst und gibst, wird dein Leben gelingen. Das unterscheidet sich deutlich von unserem Verständnis lutherischer Theologie, die stärker auf Bildung, Diakonie und nachhaltige Gemeindearbeit setzt.

In den 2000er Jahren kam die Ukraine als weiteres Schwerpunktland hinzu. Wie hat sich dieses Engagement entwickelt?

Nach dem Zerfall der Sowjetunion entstand die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine neu. Die Anfänge waren hoffnungsvoll, doch es gab immer wieder schwierige Phasen – und nun natürlich den verheerenden Krieg. Heute unterstützen wir vor allem ganz konkrete Nothilfe: etwa ältere Menschen, die mit umgerechnet 60 Euro Rente ihre Medikamente nicht bezahlen können. Gleichzeitig denken wir perspektivisch an den Wiederaufbau kirchlicher Strukturen, sobald Frieden möglich ist.

Der Wirkungskreis des Vereins hat sich im Laufe der Jahre erweitert – auch nach Costa Rica, El Salvador und Südafrika. Wie entscheiden Sie, wo Hilfe geleistet wird?

Wir haben uns bewusst auf drei Kernregionen konzentriert: Brasilien, die Ukraine und ein Projekt in Südafrika, das wir über die Christusbruderschaft begleiten. Es gibt immer wieder Anfragen aus anderen Ländern, aber wir können nur so viel geben, wie wir einwerben. Unser jährliches Spendenaufkommen liegt bei rund 200.000 Euro. Es gibt keine festen Budgets für einzelne Einrichtungen. Wir unterstützen nach Bedarf und Möglichkeiten. Gerade in Brasilien spielt auch die wirtschaftliche Lage eine Rolle – durch Inflation kann es sinnvoll sein, Mittel zeitlich angepasst auszuzahlen.

Sie arbeiten weitgehend ehrenamtlich von Forchheim aus. Wie bewältigen Sie diese Aufgabe organisatorisch?

Ich verstehe meine Rolle im Wesentlichen als Geschäftsführer. Ich koordiniere die Spenden, halte Kontakt zu Partnern und Unterstützern und begleite Aktionen. Zum Glück haben wir ein engagiertes Vorstandsteam, das viele repräsentative Aufgaben übernimmt. Dennoch merken wir die strukturellen Veränderungen: Landeskirchliche Mittel wurden schrittweise gekürzt. Früher gab es eine gemeinsame Geschäftsstelle mit dem Gustav-Adolf-Werk in Neuendettelsau – heute läuft vieles ehrenamtlich über mein "Büro" in Forchheim.

Wie erleben Sie die Entwicklung im Spendenbereich?

Wir haben insgesamt 2000 Spenderadressen aus ganz Deutschland. Viele sind seit Jahrzehnten treu dabei. Gleichzeitig werden auch sie älter. Manche schreiben mir, dass sie ins Pflegeheim ziehen oder ein Angehöriger verstorben ist. Interessanterweise gleichen sich Rückgänge oft dadurch aus, dass andere mehr geben. Insgesamt ist es ein ständiges Austarieren – wir können nur das weitergeben, was eingeht.

Sie haben angekündigt, noch maximal drei Jahre im Amt bleiben zu wollen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Vereins?

Mein wichtigster Wunsch ist eine gute Nachfolge. Wir brauchen eine tragfähige Struktur für die Geschäftsstelle und jemanden, der mit Herzblut weitermacht. Inhaltlich wünsche ich mir vor allem Frieden in der Ukraine, damit Hilfe wieder stärker in Aufbauarbeit fließen kann. Und ich hoffe, dass wir unsere Selbstständigkeit bewahren und weiterhin flexibel auf Bedürfnisse reagieren können – auch wenn kirchliche Strukturen insgesamt kleiner werden.

Gibt es derzeit ein Projekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Aktuell sicher die Unterstützung in der Ukraine. Aber auch ein kreatives Vorhaben bewegt mich: Eine mobile "Autokirche", die ausklappbar ist und als Ersatzkirche oder für Jugendcamps dienen kann. Sie wird hoffentlich bald, nach Kriegsende in der Ukraine eingesetzt, um zerstörte Gemeinderäume zu ersetzen und bei Jugendcamps einen wertvollen Dienst tun. Solche Ideen zeigen: Hilfe braucht nicht nur Geld, sondern auch Fantasie und Weitblick.

Was treibt Sie persönlich nach 25 Jahren noch an?

Die Überzeugung, dass unsere Unterstützung konkret bei Menschen ankommt. Wir sind kein großer Apparat, sondern eine überschaubare Gemeinschaft. Gerade deshalb können wir schnell reagieren und partnerschaftlich handeln. Und am Ende geht es um mehr als Strukturen: Es geht um Verbundenheit im Glauben – über Länder- und Sprachgrenzen hinweg.
 

Hinweis: Das Spendenkonto für den Martin-Luther-Verein Erlangen hat die IBAN DE84765500000760700914.

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