Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem will ein neues Bildungszentrum in München eröffnen. Der Standort sei nach einer bundesweiten Machbarkeitsstudie mit Unterstützung der deutschen Regierung ausgewählt worden, teilte die Gedenkstätte am Donnerstag mit. Das neue Bildungszentrum soll demnach in drei Jahren öffnen.
Der Vorsitzende von Yad Vashem, Dani Dayan, erklärte:
"Da wir uns immer weiter von der Ära der Zeitzeugenberichte entfernen, ist eine historisch fundierte Holocaust-Bildung wichtiger denn je."
Die Wahl Münchens als Geburtsstätte der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) habe eine tiefe symbolische Bedeutung. Das neue Bildungszentrum, das erste von Yad Vashem außerhalb Israels, wird am Karolinenplatz im Zentrum von München errichtet, wie es hieß.
Lob und Kritik für das Holocaust-Bildungszentrum
Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern, bezeichnete das geplante Bildungszentrum als "gute Nachricht für die demokratische Kultur". Als frühere 'Hauptstadt der Bewegung' und als Knotenpunkt des jüdischen Lebens in Europa biete München "perfekte Voraussetzungen für eine Einrichtung, die die Gedenkkultur in einer neuen Epoche stärken soll", sagte Knobloch am Donnerstag.
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte an, dass Bayern "für Yad Vashem ein gutes Zuhause" sein werde. Die Entscheidung für München sei "eine Ehre" und zeige "unsere enge Beziehung zur jüdischen Gemeinde und zu Israel", erklärte Söder weiter.
Der Antisemitismus-Beauftragte des Freistaats, Ludwig Spaenle (CSU), bezeichnete die Ansiedlung des "Yad Vashem Education Centers" in München als "Geste des Vertrauens". Das Zentrum werde "ein Leuchtturm der Aufklärung und des Dialogs sein", so Spaenle.
Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, betonte, dass das neue Bildungszentrum "die Arbeit unserer Gedenkstätten ideal ergänzen und neue Impulse für die historisch-politische Bildung setzen" werde.
Was ist Yad Vashem?
Yad Vashem ist die staatliche Holocaust-Gedenkstätte Israels in Jerusalem. Gegründet wurde sie 1953 per Gesetz des israelischen Parlaments. Der Name bedeutet übersetzt "Denkmal und Name".
Welche Aufgaben hat Yad Vashem?
Die Einrichtung erinnert an die mehr als sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden, dokumentiert die Geschichte des Holocaust, betreibt Forschung und entwickelt Bildungsangebote. Zudem ehrt sie als "Gerechte unter den Völkern" Menschen, die Verfolgte retteten.
Warum kommt Yad Vashem nach Deutschland?
In München entsteht die erste Außenstelle außerhalb Israels – kein Museum, sondern ein Bildungszentrum. Ziel ist es, Wissen über den Holocaust zu stärken, Verharmlosung entgegenzuwirken und Bildungsarbeit gegen Antisemitismus auszubauen.
Der jüdische Publizist und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, Meron Mendel, wünscht sich hingegen eine kritische Diskussion über die in Deutschland geplanten Niederlassungen der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die in Jerusalem ansässige Forschungs- und Gedenkstätte sei nicht unabhängig, sondern der israelischen Regierung unterstellt, sagte Mendel am Freitag im Deutschlandfunk. Aktuell sei diese Regierung von Rechtsradikalen dominiert.
Der Erziehungswissenschaftler äußerte die Sorge, dass die Arbeit von Yad Vashem davon beeinflusst wird. Konkret sagte Mendel, die israelische Regierung habe ein "klares Interesse" an einem Antisemitismusbegriff, der Kritik am Staat Israel als antisemitisch einstuft. Es bestehe die Möglichkeit, dass auch eine der Regierung unterstellte Einrichtung entsprechende Deutungsmuster übernehme. "Es wäre gut, wenn wir kritisch darüber diskutieren", sagte der Bildungsstätten-Direktor.
Mendel sagte, beim Blick auf aktuelle Formen von Antisemitismus sei die Bewertung von Yad Vashem ganz anders als der Konsens darüber in Deutschland. Er hätte sich schon bei der Planung eine enge Kooperation mit einer deutschen Einrichtung vorstellen können und nannte beispielhaft das NS-Dokumentationszentrum in München als möglichen Partner für eine Art Joint Venture. Auch könnte der Auftrag der Yad-Vashem-Bildungsarbeit in Deutschland aus Mendels Sicht auf die Geschehnisse im Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945 begrenzt werden.
Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Jens-Christian Wagner kritisierte am Freitag im Radiosender Bayern2, dass die Entscheidung über das Yad-Vashem-Engagement in Deutschland intransparent gefallen sei. Das Ziel dieses geschichtspolitischen Vorgehens der israelischen Regierung sei unklar, deutsche Gedenkstätten seien bislang kaum eingebunden worden. Er wünsche sich "sehr, sehr schnell" Gespräche mit dem NS-Dokumentationszentrum in München und der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Zweiter Standort in Leipzig: Bildungsangebote für Osteuropa geplant
Neben dem Hauptstandort in München soll eine kleinere Dependance in Leipzig entstehen. Das dortige Angebot soll sich speziell an Pädagog:innen in der gesamten Region sowie in deren Nachbarländern richten. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte, Teil des neuen Holocaust-Bildungszentrums zu sein, sei für Sachsen eine große Ehre und zugleich Verpflichtung.
Leipzig könne auch eine "Brücke nach Osteuropa" sein.
Die Idee für das Bildungszentrum in Deutschland wurde erstmals 2023 bei einem Treffen zwischen Dayan und dem damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vorgebracht. Die schwarz-rote Koalition hatte das Projekt ebenfalls unterstützt.
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sagte laut Mitteilung, gerade junge Menschen in Deutschland wüssten zu wenig über die Schoah und die systematische Ermordung von Millionen Juden im Nationalsozialismus. "Das Wissen über das, was war, ist wichtig, um das Übel in der Zukunft zu verhindern."
Nach der Machbarkeitsstudie hatte Yad Vashem im vergangenen September bekannt gegeben, dass die Bundesländer Bayern, Sachsen und Nordrhein-Westfalen in der engeren Wahl als mögliche Standorte waren. Neben Leipzig und München hatten sich auch Köln und Düsseldorf beworben.
Neuer Erinnerungsort im früheren NSDAP-Viertel Münchens
Für München habe man sich nun unter anderem wegen der hohen Sicherheitsstandards und der finanziellen Zusicherung der bayerischen Staatsregierung entschieden. In der Nähe des Karolinenplatzes in München befindet sich bereits das NS-Dokumentationszentrum. Es steht am ehemaligen Standort des "Braunen Hauses", der Parteizentrale der NSDAP. In deren Nachbarschaft entstand nach 1933 ein weitläufiges Parteiviertel mit Verwaltungsgebäuden, Zentralbehörden und Nebenstellen der Nazi-Partei.
Die Gedenkstätte Yad Vashem wurde 1953 durch ein Gesetz der Knesset gegründet und versteht sich als "lebendiges Denkmal des jüdischen Volkes für den Holocaust". Ihre Aufgaben sind Erinnerung, Dokumentation, Forschung und Bildung.
Holocaust und Schoah
Für die Ermordung von rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch NS-Deutschland werden häufig zwei Begriffe verwendet: Holocaust und Schoah. Oft gelten sie als Synonyme – ihre Herkunft und Bedeutung unterscheiden sich jedoch.
Holocaust: ein Begriff mit Geschichte
Der Begriff Holocaust setzte sich in Deutschland vor allem ab 1979 durch, als die US-Fernsehserie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Das Wort stammt vom griechischen "holocauston" und bedeutet wörtlich "ganz verbrannt" beziehungsweise "Brandopfer".
Warum viele den Begriff Schoah bevorzugen
Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem weist darauf hin, dass die Vorstellung eines Opfer- oder Brandrituals problematisch sein kann, da der nationalsozialistische Massenmord keine religiöse Handlung war. Viele Jüdinnen und Juden verwenden deshalb den Begriff Schoah.
Schoah bedeutet "Katastrophe"
Das Wort Schoah stammt aus dem Hebräischen und bedeutet "Katastrophe". Gemeint ist mit beiden Begriffen meist die systematische Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten.