26.04.2017
Architektur NS-Zeit

Zur Architektur der Versöhnungskirche Dachau

Wie kann man auf einem ehemaligen KZ-Gelände überhaupt bauen? Der Mannheimer Architekt Helmut Striffler war erst 36 Jahre alt, als ihm mit der Versöhnungskirche bereits sein Meisterwerk gelang. Bis zu seinem Tod 2015 blieb er diesem "Zufluchtsort" treu.
Skizze Versöhnungskirche
Strifflers erste Skizze entstand auf einem Briefbogen des Münchner Hotels "Drei Löwen".

Als Helmut Striffler 1964 mit dem Entwurf der Versöhnungskirche betraut wurde, stellte sich ihm die schier unlösbare Frage: Wie kann man an solch gottlosem Ort eine Kirche bauen?

Der rechtwinklige Grundriss des KZ wurde zum Schlüssel für das Problem. "Gewehrkugeln fliegen geradeaus", so brachte Helmut Striffler die grausame Logik der Nazi-Architektur bei einem Vortrag in Dachau einmal auf einen Nenner. Alle Gebäude und Wege des KZ waren rechtwinklig angeordnet, jede Abweichung von dieser Norm fehlte – nur so war es möglich, Tausende Menschen mit einer Handvoll SS-Leuten in Schach zu halten.

Der junge Architekt wollte diesem tödlichen Prinzip etwas entgegensetzen. Er warf alles, was er bis dahin über Architektur gelernt hatte, über Bord und plante eine Kirche, die nahezu ohne rechten Winkel auskommt.

Versöhnungskirche als Ort der Zuflucht

Auch persönliche Erfahrungen spielten eine Rolle. Obwohl bei Kriegsende gerade 18 Jahre alt, hatte Helmut Striffler schon eine zweijährige "Militärkarriere" als Flakhelfer hinter sich.

Bei einem Fliegerangriff erlebte er, wie wichtig ein Versteck und ein Fluchtweg sein können: "Der Angriff kam, und mein einziger möglicher Weg führte über ein weites, verschneites Rollfeld. Es gab keine Furche, in die ich mich hätte werfen können, ich musste um mein Leben rennen." Aus dieser Erfahrung heraus grub Striffler die Versöhnungskirche halb in den Boden hinein und versah sie mit einem Fluchtweg. "Eine Kirche auf einem ehemaligen KZ sollte keine Sackgasse sein", davon war der Architekturprofessor überzeugt.

Was Helmut Striffler stets bedauerte, war die voneinander isolierte Stellung der katholischen, evangelischen und jüdischen Gedenkorte in der Gedenkstätte. "Es gab unter den KZ-Häftlingen eine starke innere Verbindung über die Konfessionsgrenzen hinweg – man war einig, ohne eins zu sein." Seine Idee, die Gedenkstätten näher zusammenzurücken und zu verbinden, scheiterte aber am Widerstand der katholischen Kirche und des internationalen Dachau-Komitees.

Den Besuchern bietet Strifflers Bau noch heute, was sich der Architekt gewünscht hat: einen Ort der Zuflucht vor Regen, Wind und dem Grauen des Lagers und einen Raum der Besinnung, der ohne Gebrauchsanweisung auf die Menschen wirkt.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

KZ-Gedenkstätte

Versöhnungskirche Dachau
Sie war ein Stein des Anstoßes, und sie ist bis heute ein Ort des Dialogs, der Erinnerung und der Versöhnung: Am 30. April 1967 weihte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Versöhnungskirche Dachau ein. Sie ist das einzige evangelische Gotteshaus in einer KZ-Gedenkstätte. Ihre Ausstrahlung verdankt sie neben der klugen Architektur vor allem den Menschen, die in den letzten 50 Jahren hier ihren Dienst taten.
Sonntagsblatt