26.04.2017
EKD: Versöhnungskirche

Klaus Schultz: Diakon der Versöhnungskirche Dachau

Seit 20 Jahren arbeitet Klaus Schultz in der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Noch immer habe er ein "gespaltenes Verhältnis" zu dem Ort mit seinen vielen Geschichten von Leid, Folter, Tod, sagt der Diakon. Die Führungen für Schulklassen sind für Schultz das Fundament der Versöhnungsarbeit.
Diakon Klaus Schultz
Diakon Klaus Schultz ist seit 20 Jahren an der Versöhnungskirche.

Heute ist eine Klasse aus Olching bei München zu Besuch. Schultz hat den ernst blickenden Jugendlichen vom Appellplatz aus schon einen Überblick über das Gelände und die folgenden drei Stunden gegeben. Dann führt er die Gruppe noch einmal hinaus durch das Tor mit dem berüchtigten Schriftzug "Arbeit macht frei".

Das Jourhaus wirft einen klammen Schatten in der Morgensonne. Hier erklärt der Diakon den Schülern, wie das Angstsystem der SS funktionierte: Schüsse von den Wachtürmen, Starkstromzaun, stundenlange Zählappelle auf dem Exerzierplatz – in Gluthitze wie in Eiseskälte. Die Jugendlichen, zum Teil ohne Socken in ihren Turnschuhen, haben die Schultern hochgezogen gegen die kühle Morgenluft. Was sie hören, können sie – fröstelnd und unmerklich auf den Füßen wippend – nachspüren. Klaus Schultz wippt nicht; er steht wie ein Fels im Strom der Geschichte.

Über 1000 Schülergruppen hat Klaus Schultz in seinen 20 Dienstjahren schon über das Gelände der KZ-Gedenkstätte geführt. Das sind wenigstens 20 000 junge Menschen, denen er die Geschichte des Lagers nahegebracht hat.

Die Routine, die daraus entsteht, merkt man ihm auf beste Art und Weise an: Er berichtet von einem Herrn Gellhorn aus der Fritzstraße in Olching, der 1938 in Dachau inhaftiert war – die jungen Leute kommen von einem Olchinger Gymnasium; sie nicken, als sie den Straßennamen hören.

Er berichtet von den "Swing Kids", Jugendlichen, die wegen ihres Musikgeschmacks und ihres Outfits ins KZ kamen. Er katapultiert die Schüler mit Fragen zum gescheiterten NPD-Verbot in den Aktiv-Modus. Er setzt nach einer guten Stunde dem ersten Gähnen die Geschichte des jüdischen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer entgegen – garniert mit den Champions-League-Ergebnissen vom Vorabend.

Diakon Klaus Schultz mit einer von ihm geführten Gruppe im Kirchenraum der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau.
Diakon Klaus Schultz mit einer von ihm geführten Gruppe im Kirchenraum der evangelischen Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau.

So nah kann Geschichte am eigenen Leben dran sein – das, was passiert ist, aber auch das, was daraus erfolgt. "Die KZ-Gedenkstätte Dachau ist ein Ort der Vergangenheit – was bedeutet er für euch heute?", fragt der Diakon die Schüler in der evangelischen Versöhnungskirche, der letzten Station des Rundgangs.

Es ist eine ernst gemeinte rhetorische Frage: Es geht um den Umgang mit Konflikten im Freundeskreis, mit Mitschülern in der Klassengemeinschaft, um die Verantwortung des Einzelnen, wie er und sie sich dabei verhält. Es ist eine Menge Stoff, den die Jugendlichen mit nach Hause nehmen.

Am 30. April jährt sich die Einweihung der Versöhnungskirche zum 50. Mal. Fast die Hälfte dieser Zeit ist Klaus Schultz schon hier: 1997 trat er, zuvor Referent bei der Evangelischen Jugend München, als Diakon die Arbeit in der KZ-Gedenkstätte an.

20 Jahre Diakon bei der Versöhnungskirche Dachau

Im Juni 2017 feiert er Dienstjubiläum. Damit ist Schultz der dienstälteste Mitarbeiter der evangelischen Versöhnungskirche Dachau. "Das war nicht der Plan", sagt der 61-Jährige mit dem markanten Seehundschnauzer lakonisch. Doch nach den ersten zehn Dienstjahren habe sich die öffentliche Akzeptanz der Gedenkstättenarbeit so verbessert, dass ganz neue Aufgabenfelder hinzukamen. "Ich mache mittlerweile viel außerhalb, bei Ausstellungen oder zum Beispiel mit dem Fußball-Fanprojekt des Vereins Nie wieder", zählt Schultz auf. 20 Jahre nur auf dem Platz des ehemaligen Konzentrationslagers, mit all den Geschichten von gequälten, zerstörten, verlorenen Leben – das wäre nicht gegangen.

Schultz' Umgang mit dem ehemaligen KZ-Gelände ist souverän, und manchmal wird er auch zum Hüter der Würde des Orts. Als er mit seiner Schülergruppe am ehemaligen Krematorium ankommt, sitzt ein Handwerker auf einer Bank und telefoniert lautstark und lachend. Schultz ruft ihn laut: "Hallo – hallo!" Der Mann schaut ertappt und entfernt sich schnell. "Hier darf man gar nicht telefonieren", sagt Schultz nur und fährt mit seinen Schilderungen fort. Man glaubt ihm sofort, dass es in seinen Führungen nur sehr selten junge Menschen gibt, die sich nicht an die Regeln des Orts halten.

Gespür für die Sprache im Umgang mit Geschichte

Das Gespür für die passende Atmosphäre gilt auch für die Sprache. Ein Schüler fragt nach den inhaftierten Juden; Schultz verwandelt sie in seiner Antwort in Menschen jüdischer Herkunft. Es treibt ihn um, ob man zu den Handwerksarbeiten am alten Krematorium "Restaurierung" sagen kann oder maximal "Erhaltung". Außenstehenden mag das kleinlich erscheinen. Für Schultz ist es entscheidend.

Denn es ist ein gespaltenes Verhältnis, das der Erinnerungsarbeiter zu diesem Ort hat: "Ich kann mit ihm gut umgehen, aber ich habe mich nie an ihn gewöhnt. Es ist ein verunsichernder Ort. Ich komme immer mit einem Bauchgrummeln hierher und mit der Frage: Was macht dieser Ort mit mir?" Die Frage ist auch nach 20 Jahren noch nicht endgültig beantwortet.

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