22.11.2020
Kommentar

Corona und Intensivfachkräfte: Pflege ist am absoluten Limit

Mit dem Ausbruch der Corona-Krise wird der Pflegenotstand in Deutschland besonders deutlich, denn nun stößt das System an seine Grenzen und hat sie teilweise schon längst überschritten. Dies wird zur Gefahr für Patientinnen und Patienten.

Die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen steigt wieder deutlich an. Klar, noch gibt es genügend freie Betten. Aber niemand sollte sich etwas vormachen: Der Höhepunkt kommt erst noch.

Was, wenn es auf den Intensivstationen so eng wird, dass nur noch die stabilsten  Patienten überleben – und die anderen sterben müssen?

Mediziner haben lange vorher gewarnt, die Lage sei besorgniserregend. Denn es mangelt nicht an Intensivbetten, sondern an Pflegekräften. Nun stehen wir vor der Situation, dass zwar Beatmungsgeräte da sind, aber zu wenige Menschen, die sie bedienen können.

Was machen wir mit der Information, dass Beschäftigte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen am absoluten Limit arbeiten, mit 60-Stunden-Wochen und Zehn-Tages-Schichten, oder sie immer noch auf die Auszahlung ihres Corona-Bonus warten?

Bundesweit fehlen mehr als 4000 Intensivfachkräfte

Längst wird nicht mehr von den Balkonen geklatscht, bleiben die Helden der Arbeit an der Krankheitsfront auf sich allein gestellt mit ihrem Dauerstress, ihrem Frust und ihrer Angst, selbst infiziert zu werden.

Schon jetzt kann ein Fünftel der eifrig gezählten Intensivbetten nicht genutzt werden, weil bundesweit mehr als 4000 Intensivfachkräfte fehlen. Überraschend kam das nicht, es war ein Fiasko mit Ansage, das einfach verdrängt wurde.

Eine rasche Entlastung für die Pflegekräfte ist nicht zu erwarten. Der Stress nimmt immer mehr zu, neue Aufgaben werden obendrauf gepackt, weil Personaluntergrenzen einfach ausgesetzt oder unzureichend ausgebildetes Personal von den Normal- auf die Intensivstationen umgeschichtet wurden.

Das ist so, als würde man Flugbegleiter plötzlich einen Airbus fliegen lassen.

Wo ist die verdiente gesellschaftliche Anerkennung?

In Deutschland hat man sich daran gewöhnt, dass vor allem diejenigen gut entlohnt werden, die Dienst an der Maschine tun, deren Produktivität sich in Wirtschaftsgütern messen lässt. Dass eine ausgebildete Fachkraft in der Automobilindustrie fast doppelt so viel im Jahresbrutto verdient wie eine examinierte Fachkraft in der Pflege, erscheint ganz normal.

Dass Pflegekräfte einen Sinn erfüllenden Beruf mit hoher Kompetenz und Einsatz ausüben, dass sie Leben retten und harte Leistung erbringen, am Rande des Zusammenbruchs, wo findet all das die verdiente gesellschaftliche Anerkennung?

Statt ihre Erfahrung wie flüssiges Gold zu schätzen, treibt man sie weiter aus dem Dienst. Wie sagte die Intensivschwester Franziska Böhler, die das Buch "I’m a Nurse" geschrieben hat: "Pflegekräfte zu halten mit Lavendel und Dosenwurst, das funktioniert nicht mehr."

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