28. Januar 2021
Kommentar

Europas Impfproblem - warum die Politik das Vertrauen nicht verspielen darf

Impfen ist der einzige Weg heraus aus der Covid-19-Pandemie. Die Bundesländer sind vorbereitet, das große Impfen könnte beginnen. Doch es hapert mit den Impfstofflieferungen. Deutschland und die EU-Staaten rutschen im weltweiten Vergleich immer weiter ab. In der Bevölkerung wächst der Ärger. Nach den Ursachen für den schlechten Impfstart zu fragen, hat nichts mit "Impfstoffnationalismus" zu tun. Denn nur aus erkannten Fehlern lässt sich lernen.
Covid-19-Impfdosen und Spritzen
Der BioNTech-Covid-Impfstoff wurde in Deutschland entwickelt, doch Deutschland und die EU-Staaten rutschen bei den Impfungen im internationalen Vergleich immer mehr ab: Rund 23,5 Millionen Corona-Impfdosen wurden in den USA bisher verimpft, in Deutschland sind es (Stand 28.1.) nicht einmal zwei Millionen. Mit gutsieben Geimpften von 100 Bürgern (Deutschland: 2,38 von 100) liegen die USA damit derzeit nur hinter Israel (49), den Vereinigten Arabischen Emiraten (28), Großbritannien (11) und Bahrain (8,5).

Sieht man sich die weltweiten Corona-Impfstatistiken an, hat Deutschland, hat Europa ganz offensichtlich ein Problem. In den Ranglisten rutschen Deutschland und viele EU-Staaten immer weiter ab. Großbritannien impft fünfmal so schnell wie Deutschland. Man muss gar nicht auf Israel verweisen, wo bereits fast die Hälfte der Bevölkerung geimpft ist.

Impfen ist der einzige Weg heraus aus der Corona-Pandemie. Und die Enttäuschung der Bürger ist real. Denn das Impfen ist der Lichtblick, die Hoffnung, die uns (ganz überwiegend) diszipliniert alle Shutdown-Maßnahmen mittragen lässt. Doch wenn die Regierenden zwar über immer schärfere Lockdown-Instrumente – und dann auch gleich wieder über die Exit-Frage – sprechen, gleichzeitig aber viele Fragen rund ums Impfen unbeantwortet bleiben, beschädigt dies das Vertrauen, dass sie uns auf dem richtigen Kurs durch die Krise steuern.

Jede Verzögerung bei den Impfungen kostet Leben

Neue Virus-Mutationen bringen gerade eine neue, für viele Menschen vermutlich tödliche Dynamik in die Pandemie. Man muss es klar sagen: Jede Verzögerung bei den Impfungen kostet nicht nur sehr viel Geld, mehr jedenfalls als das bei der Impfstoffbeschaffung gesparte, sondern vor allem Leben. Studien zeigen, dass schon Impfquoten ab 25 Prozent, also noch weit entfernt von der sogenannten Herdenimmunität, dämpfende Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen haben.

Man habe "alles Menschenmögliche" getan bei der Impfstoffbeschaffung, sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel. Angesichts der Zahlen eine gelinde gesagt irritierende Aussage.

Warum läuft so viel falsch?

Wie ist die ganz offensichtlich völlig unzureichende Impfstoffbeschaffung durch die EU (die richtig war) und die Bundesregierung gelaufen? Warum wurde nicht mehr, nicht früher bestellt? Wieso sind die Produktionskapazitäten in den USA siebenmal höher als in der EU? Wie geht es schneller?

Dass sich viele Menschen diese und andere Fragen stellen, hat mit "Impfnationalismus" nichts zu tun. Stattdessen steht – für jeden überzeugten Europäer eine Seelenqual – das eh schon wankende Europa offenkundig noch stärker beschädigt da. Das ist Wasser auf die Mühlen der Rechtspopulisten. Viele von ihnen haben die ebenso opportunistische wie irre Wende von der Corona-Verharmlosung ("Grippe") zu schärfster, aber eben nationalistischer Impfstoffbeschaffungskritik vollzogen.

Keine "gute Fehlerkultur"

Für die Beantwortung dieser Fragen braucht es allerdings kein Herumreden und kein Verschweigen, keine Beschönigungen und Versprechungen, sondern Transparenz, Beweglichkeit und die Bereitschaft zu lernen. Nur das schafft Vertrauen. Nur das führt in die Zukunft, jedenfalls wenn diese besser als die Gegenwart sein soll. In Unternehmen nennt man so etwas eine "gute Fehlerkultur".

Fläschchen mit Impfstoff (Symbolbild)
ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Impf-Debatte

Impfung
Kaum ein Thema wird zurzeit so emotional diskutiert wie eine mögliche Impfpflicht. Die Härte der Auseinandersetzung erklärt sich vielleicht auch damit, dass nicht nur unterschiedliche Meinungen, sondern beinahe Glaubensgrundsätze aufeinanderprallen. Was ein einst Ungeimpfter, ein kritischer Impfgeschädigter und eine junge Ärztin, die ihr Kind nicht impfen lassen will, über die Impfpflicht denken.
Sonntagsblatt