Terroranschläge vom 11. September
Der 11. September hat die Welt verändert – in den USA, im Irak, in Afghanistan. Aber auch in Deutschland waren Folgen zu spüren. Islamwissenschaftler Khorchide erklärt im Interview, warum der Krieg gegen den Terror die falsche Antwort war, warum muslimische Menschen immer noch mit Pauschalurteilen zu kämpfen haben und was dagegen hilft.
Lichtinstallation zum Gedenken an 9/11
Lichtinstallation zum Gedenken an den 11. September.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA hatten weitreichende Folgen, und das weltweit. Krieg gegen den Terror, das illegale Gefangenenlager in Guantanamo, viele tausende weitere Tote, besonders im Irak und Afghanistan. Aber auch in Deutschland hatte der Anschlag Konsequenzen, etwa einen Generalverdacht gegen als muslimisch gelesene Menschen. Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide fordert im Gespräch mit sonntagsblatt.de, die Trennung von "Wir Deutsche" und "Ihr Muslime" sollte in einem großen "Wir" aufgelöst werden. Der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster wertet zudem die Entwicklung in Afghanistan als Beleg, "dass Krieg keineswegs die richtige Antwort auf Terror war und ist".

Was haben die Terroranschläge vom 11. September 2001 im Verhältnis zwischen Muslim*innen und der übrigen Gesellschaft in Deutschland ausgelöst?

Mouhanad Khorchide: Grundsätzlich hat das Interesse am Islam seit den Anschlägen zugenommen. Diskussionen über die Einführung des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen wurden wieder aktuell. An mehreren deutschen Universitäten wurden Zentren und Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet. Auf der anderen Seite nahmen die Assoziation des Islams mit Gewalt und Terror und somit die Ängste vor dem Islam in der Bevölkerung zu. Nicht wenige Muslim*innen in Deutschland sahen sich immer wieder Pauschalvorwürfen ausgesetzt. Es ist schwierig, sich mit einer Gesellschaft, die einen ständig verdächtigt, zu identifizieren.

Viele muslimische Mitbürger*innen haben inzwischen anerkannte Rollen in Wirtschaft, Politik, Kultur oder Medien. Fühlen sie sich tatsächlich integriert und gleichberechtigt?

Khorchide: Es gibt Muslim*innen, die im Bildungssystem und am Arbeitsmarkt gut integriert sind und sich dennoch nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen fühlen. Andere machen positive Erfahrungen, auch in der Anerkennung durch die Gesellschaft, identifizieren sich jedoch mit negativen Erfahrungen anderer und fühlen sich deshalb diskriminiert. Dennoch identifizieren sich gerade diejenigen, die sowohl im Bildungssystem als auch am Arbeitsmarkt gut integriert sind, eher mit der Gesellschaft und fühlen sich hier wohler als andere, die unter prekären sozialen Verhältnissen leben. Soziale Stabilität allein garantiert allerdings noch lange nicht, dass sich alle mit der Gesellschaft und mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung identifizieren.

Sie beklagen Benachteiligungen im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt für muslimische Migrantinnen und Migranten.

Khorchide: Das erleben wir, wenn zum Beispiel Muslim*innen aus bildungsfernen Schichten nicht viel im Bildungssystem zugetraut wird und viele junge Muslim*innen daher in Hauptschulen landen, obwohl sie das Potenzial haben, ein Gymnasium zu besuchen. Manche werden aber auch aus religiösen Gründen benachteiligt, denken Sie an die Debatten um das Kopftuch bei der Arbeit. Solche Benachteiligungen bestimmen aber nicht die Stellung von Muslim*innen in der Gesellschaft. Ich will damit erneut vor einem Opfer-Täter-Diskurs warnen. Ja, es gibt einige Herausforderungen, die zu überwinden sind, aber das Verhältnis von Muslim*innen und Nichtmuslim*innen in Deutschland pauschal zu problematisieren, ist fatal und nur Wasser auf die Mühlen von Populist*innen.

Reden wir ständig von "Wir Deutsche" und "Ihr Muslim*innen" oder reden wir von einem großen "Wir" mit dem Bewusstsein, dass auch Muslim*innen ein selbstverständlicher Teil dieses "Wir" sind?

Was kann die sogenannte Mehrheitsgesellschaft tun, um die Entwicklung einer gemeinsamen Identität als Deutsche zu fördern?

Khorchide: Hier spielt schon die Sprache eine entscheidende Rolle. Reden wir ständig von "Wir Deutsche" und "Ihr Muslim*innen" oder reden wir von einem großen "Wir" mit dem Bewusstsein, dass auch Muslim*innen ein selbstverständlicher Teil dieses "Wir" sind? Das muss ich auch mir selbst sagen, denn ich habe solche Begriffe wie Mehrheitsgesellschaft jahrelang verwendet, aber genau darin festigt sich das Bild der Muslim*innen zur Mehrheit als "die Anderen" . Gemeinsam mit Rabbiner Homolka habe ich ein Buch mit dem Titel "Umdenken" geschrieben, in dem wir appellieren, solche Begriffe wie Mehrheitsgesellschaft beiseitezulegen. Die Rhetorik von einem "Wir" wäre ein erster, aber wichtiger Schritt.

Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide

Mouhanad Khorchide, geboren 1971, ist ein österreichischer Soziologe, Islamwissenschaftler und Religionspädagoge. Er ist Professor für Islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) und Leiter des Zentrums für Islamische Theologie (ZIT) an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Noch einmal zu den Anschlägen vom 11. September: Sie üben scharfe Kritik an der damaligen kriegerischen Reaktion des Westens. Sehen Sie sich durch die jüngsten Ereignisse in Afghanistan bestätigt?

Khorchide: Definitiv. Die Erfahrungen im Irak, in Libyen und in Afghanistan zeigen, dass Krieg keineswegs die richtige Antwort auf Terror war und ist. Krieg hat in diesen Ländern nur zur Verschärfung des Problems mit Gewalt und Terror beigetragen. So hat die Überreaktion der USA und ihrer Verbündeten auf die Anschläge auch einen überflüssigen Krieg im Irak ausgelöst, mit der Konsequenz, dass neue Terrororganisationen wie der IS entstanden sind.

Die eigentliche Trennlinie verläuft keineswegs zwischen dem Islam und dem Westen, sondern zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Ideologien und Weltanschauungen

Was wäre jetzt eine angemessene westliche Politik gegenüber den Menschen in Afghanistan, um wieder Vertrauen in der muslimischen Welt zu schaffen?

Khorchide: Erstens muss der Westen Fehler zugeben. Und zweitens ehrlich und ernsthaft daran arbeiten, demokratische Werte und Menschenrechte in islamischen Ländern zu etablieren. Die Menschen dort machen die Erfahrung, dass es dem Westen hauptsächlich um die eigenen Interessen geht und nicht wirklich um die Bevölkerung in diesen Ländern. Man verbündet sich mit diktatorischen Regimen, die ihre Bevölkerung unterdrücken, solange diese Regime die Interessen des Westens, die meist wirtschaftlicher Natur sind, garantieren. Und so fühlen sich viele Muslime mehrfach vom Westen im Stich gelassen.

Die Taliban und der IS lösen aktuell erneut Ängste aus - ein Rückschlag für die Bemühungen um eine religiös inklusive Gesellschaft hierzulande?

Khorchide: Vielleicht sind diese Ereignisse aber auch eine Chance, um sich hierzulande gegen Terror, gegen menschenfeindliche Ideologien zu vereinen. Denn gerade solche radikalen Bewegungen, die Muslim*innen wie Nichtmuslim*innen terrorisieren, zeigen, dass die eigentliche Trennlinie keineswegs zwischen dem Islam und dem Westen verläuft, sondern zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Ideologien und Weltanschauungen.

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