Diskriminierung
Werden Frauen, die ein Kopftuch tragen, in Deutschland diskriminiert? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Studie. Und das Forscherteam kam zu einem klaren Ergebnis.
Eine Frau mit Kopftuch am Laptop
Eine Frau mit Kopftuch am Laptop.

Ein Forscherteam von der London School of Economics in Großbritannien sowie der Universitäten Pittsburgh und von Pennsylvania in den USA wollte es genau wissen: Werden Frauen, die ein Kopftuch tragen, in Deutschland diskriminiert? In einem Experiment, das sie in 26 deutschen Großstädten durchführten, versuchten sie sich, dieser Frage anzunähern – und mussten im Ergebnis ihrer Studie feststellen, dass Frauen mit Kopftuch in Deutschland eine systematisch schlechtere Behandlung erfahren.

Experiment sollte klären: Werden Frauen mit Kopftuch diskriminiert?

Dazu dachten sie sich folgendes Szenario aus: Eine Frau telefoniert an einem Bahnhof. Sie spricht gut hörbar für die Umstehenden über eine fiktive Schwester, die nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten möchte. Dann fällt ihr ein Beutel mit Zitronen herunter. Anhand der Reaktion auf dieses vermeintliche Missgeschick und die Hilfsbereitschaft beim Einsammeln der Zitronen maßen die Forschenden, wie die Umwelt auf die Frauen reagiert.

Dabei gab es zunächst drei Gruppen von Frauen: Weiße ohne Kopftuch, Nichtweiße ohne Kopftuch und Frauen mit Kopftuch. Dazu variierten die Aussagen, die die Frauen am Telefon machten. Manchmal äußerten sie Zustimmung zum Wunsch der angeblichen Schwester, wieder arbeiten zu wollen, manchmal Ablehnung. 

Die Ergebnisse der Studie im Einzelnen:

  • Die Hilfsbereitschaft der Umstehenden war bei den Frauen ohne Kopftuch gleich: In etwa drei Viertel der Situationen wurde den Frauen Hilfe beim Einsammeln der Zitronen angeboten.
  • Auch, ob sie weiß waren oder nicht, spielte keine Rolle.
  • Und auch der Inhalt des Gesprächs änderte nichts daran.

Die entscheidende Änderung trat durch das Tragen des Kopftuchs auf den Plan:

  • Die Hilfsbereitschaft sank um 8 Prozentpunkte, wenn die Frauen ein Kopftuch trugen.     

Auch der Inhalt des fiktiven Telefongesprächs spielte plötzlich eine Rolle:

  • Äußerten sich die kopftuchtragenden Frauen positiv über den Wunsch der Schwester, wieder arbeiten zu gehen, war die Hilfsbereitschaft deutlich höher.
  • Bei den Frauen ohne Kopftuch änderte die Haltung zum Arbeitswunsch dagegen nichts.

Problem in der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt

Somit konnten die Forschenden nachweisen, dass Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen, in Deutschland systematisch diskriminiert werden.

In der Öffentlichkeit scheint das Thema jedoch noch nicht wirklich angekommen zu sein: Ist von Kopftüchern die Rede, werden diese meistens als Beleg für angebliche Rückständigkeit angeführt. Der Jahresbericht des Bundesinnenministeriums "Politisch motivierte Kriminalität" zählt für 2020 über tausend islamfeindliche Straftaten – eine große Zahl davon dürfte sich gegen Kopftuchträgerinnen richten. 

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