16.02.2020
Kommentar

Warum das Thema Vereinsamung gesamtgesellschaftlich behandelt werden muss

Rund 55 Millionen Menschen in Europa leben laut Statistik sozial isoliert und mindestens 30 Millionen fühlen sich erklärtermaßen einsam. Vereinsamung ist daher ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht allein den Familien, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Vereinen oder ehrenamtlichen Organisationen überlassen werden darf. Das Thema muss auch politisch und vor allem ressortübergreifend behandelt werden. Ein Kommentar von Ralf Schick.
Einsamkeit

Diakonie-Chef Ulrich Lilie hat die Bundesregierung vor einem Wortbruch des im Koalitionsvertrag vereinbarten Kampfes gegen gesellschaftliche Vereinsamung gewarnt. "Bisher ist zu wenig passiert und das muss sich nun ändern", sagte Lilie vor Kurzem in einem Interview. Wenn man im Kampf gegen die Einsamkeit nicht vorankomme, werde man erleben, "wie sich die Kliniken und Psychiatrien mit kranken Menschen füllen", warnte der evangelische Theologe.

Nach Ansicht von Lilie solle man sich an der britischen Regierung ein Vorbild nehmen, wo das Vorgehen gegen das Problem der Einsamkeit dem Verantwortungsbereich des Ministeriums für Sport und Zivilgesellschaft zugewachsen sei. Doch nur einen politisch Verantwortlichen zu bestellen, reicht bei diesem Thema nicht aus.

Damit legt der deutschlandweite Diakonie-Chef den Finger in eine offene Wunde. Rund 55 Millionen Menschen in Europa leben laut Statistik sozial isoliert und mindestens 30 Millionen fühlen sich erklärtermaßen einsam. Alarmierend ist zudem, dass das Problem nicht nur viele ältere Menschen betrifft, auch die Zahl der Jugendlichen steigt, die sich einsam fühlen.

Ein gesamtgesellschaftliches Problem

Vereinsamung ist daher ein gesamtgesellschaftliches Problem, das nicht allein den Familien, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden, Vereinen oder ehrenamtlichen Initiativen und Organisationen überlassen werden darf. Das Thema muss auch politisch und vor allem ressortübergreifend behandelt werden. Da sind Wirtschaft, Politik und Gesundheit genauso gefragt wie Stadtplaner oder Architekten. Perspektivische Visionen sind genauso nötig wie schnelle, konkrete Pläne.

Um die drohende soziale Isolation zu vermeiden, braucht es dringend eine gesamtgesellschaftliche Debatte aller Akteure, es braucht aber auch klare politische Strategien und koordinierte Maßnahmen.

Vonnöten sind außerdem wissenschaftliche Begleitungen und daraus resultierende Handlungsempfehlungen. Eine Vielfalt von einzelnen Angeboten und Projekten, um die Vereinsamung von Alt und Jung in den Griff zu bekommen, reicht nicht aus.

Auch Freiwilligenzentralen müssten ausgebaut werden, zumal es ja etliche Menschen gibt, die sich einbringen möchten und auch Zeit dafür investieren wollen. Der soziale Wohnungsbau muss sich genauso Gedanken darüber machen wie die Zivilgesellschaft. Am Geld und an entsprechenden Investitionen darf es da nicht mangeln. Aber es liegt auch an jedem Einzelnen von uns, wie viel uns das Thema wert ist.

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