21.02.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Warum sich Einsamkeit manchmal anfühlt wie eine ansteckende Krankheit.

Ich glaube ja nicht, dass es was hilft, aber vielleicht geht es anderen ähnlich: Mein Problem ist, dass ich mich sehr einsam fühle. Ich bin seit fünf Jahren pensioniert. Damals bin ich in eine kleinere Stadt gezogen, weil es dort eine günstige Wohnung gab. Aber hier ist es schwer, Anschluss zu finden. Irgendwie kennen sich alle, keiner fragt, wie es mir geht. Und wenn ich mal mit jemandem ins Gespräch komme, dann ist es oft banal.
Ich habe Schweres durchgemacht, meinen Mann mit 43 Jahren verloren und eine Krebserkrankung überstanden. Aber darüber kann ich mit keinem reden.
Irgendwie denke ich mittlerweile auch, dass Einsamkeit ansteckend ist. Denn wenn ich mich schon mal mit jemandem verabrede, wird das entweder ganz oberflächlich oder der andere sagt dann doch wieder ab. Niemand hat Zeit.

Frau K. (67)

Einsamkeit fühlt sich manchmal an wie eine ansteckende Krankheit. Wer befürchtet, sowieso keinen Kontakt zu finden, der ist ohnehin zurückhaltender in seiner Suche, ist manchmal misstrauischer. Das merken die anderen auch, werden selber vorsichtig – und bestätigen so genau das, was Sie sowieso wussten: Keiner hat Zeit ...

Es kann helfen, dass Sie ihre Erfahrungen eine Zeit lang mit jemandem teilen, der einfach zuhört und nachfragt. Es wäre schade, wenn solche wichtigen Erfahrungen ohne Echo bleiben. Vielleicht gibt es in Ihrer Nähe einen Seelsorger, mit dem Sie ein bisschen Einsamkeitsforschung betreiben können, zwei bis drei Gespräche, vielleicht einmal im Monat. Dabei geht es nicht in erster Linie um Tipps, in welchen Gesprächskreis Sie gehen könnten, sondern darum, Ihre schweren Erfahrungen ernst zu nehmen und Sie zu ermutigen, immer wieder Ihre Fühler auszustrecken und mit anderen in Kontakt zu kommen.

Die Einsamkeitsforschung (die gibt es tatsächlich) hat herausgefunden, dass es schwieriger wird, wenn man an Kontakte mit anderen zu hohe Ansprüche stellt. Sie selbst setzen sich unter den Druck, dass aus einer Verabredung ein richtiges tiefes Gespräch wird. Ich möchte Sie daher ermutigen, immer dann, wenn das Einsamkeitsgefühl sich breitmacht, bewusst nach kleinen Begegnungen Ausschau zu halten: das kurze freundliche Gespräch an der Supermarktkasse oder beim Bäcker. Manchmal reicht eine kleine gemeinsame Aktivität, bei der es nicht um tiefen Austausch geht.

Die Genauigkeit, mit der Sie spüren, wenn ein Gespräch oberflächlich bleibt, ist trotzdem wichtig: Sie kann Ihnen helfen zu unterscheiden zwischen Beziehungen, die Sie vielleicht doch einmal vertiefen wollen, und anderen, die nur der Ablenkung dienen. Das bedeutet nicht, dass man solche Leute aussortiert. Man weiß einfach genauer, was man von wem erwarten kann. Je freundlicher, je interessierter Sie auf andere zugehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Freundlichkeit und Interesse zurückkommen. Und manchmal, so hat ein Einsamkeitsforscher herausgefunden, hilft es, möglichst wenig vom anderen zu erwarten – vor allem aber nur Gutes.

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