5.02.2020
Kommentar

Warum der Klimaschutz sozialer werden muss

Klimahysterie ist das Unwort des Jahres. Zu Recht: Denn Hysterie ist derzeit überall - und klebt den Menschen Etiketten auf. Statt sachlichem Austausch und Dialog auf Augenhöhe herrscht Daueralarm in den Meinungsblasen. Ein Kommentar von Timo Lechner.
Klimahysterie

Als die Sprach-Jury für das "Unwort des Jahres" kürzlich das Wort "Klimahysterie" kürte, hieß es: Der Begriff "pathologisiert pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als Art kollektiver Psychose". Mein erster Gedanke: Da hat jemand den Nagel auf den Kopf getroffen.

Um auf den Klimawandel und menschlichen Handlungsbedarf hinzuweisen, marschieren seit Monaten Jugendliche im Bildungs-Hungerstreik, fordern "CO2-Steuer" und schrecken teils vor Sachbeschädigung nicht zurück. Das alles in einem Land, in dem dank einer nicht zu Ende gedachten Energiewende "saubere" Atomkraftwerke abgeschaltet und Strom von "dreckigen" Kraftwerken der europäischen Nachbarn importiert wird und das gerade seine Automobilindustrie an die Wand fährt, weil man meint, Deutschland müsse mit bestem Beispiel vorangehen. Das Phänomen ist kein neues: Das von Emanuel Geibel ersonnene Wort "Am deutschen Wesen mag die Welt genesen" bemühte bereits Kaiser Wilhelm II. Schon lange ein Unwort.

Ein Fall für die "Unwort-Kürer" wären da doch mal die Wortschöpfungen rund um den Begriff "Klima": Das meint laut Duden einen "für ein bestimmtes geografisches Gebiet typischen jährlichen Ablauf der Witterung". Mittlerweile hören wir aber von "Klimaneutralität", vom "Klimaleugner" und der "Klimakatastrophe" – Wortbildungen, die ebenso Nonsens sind wie "Klimahysterie".

"Hysterie": eine zutreffende Beschreibung unserer Gegenwart

Vielmehr ist "Hysterie" eine zutreffende Beschreibung unserer Gegenwart. Da steuern wütende Landwirte im Traktorkorso in die Städte, es gründen sich neue "Fridays-Bewegungen", wie die gegen "Altersarmut". Wer sich nicht nach "links" oder "rechts", sondern zur Mitte bekennt, mit dem wird nicht argumentiert. Er wird gleich etikettiert. Zum Beispiel als "Hysteriker". Subtil sagt die Sprach-Jury in ihrer Unwortwahl: Wer Unwörter verwendet oder auch nur denkt, der ist ein "Unmensch". In George Orwells "1984" (erschienen 1949) heißen diese "Gedankenverbrecher".

Solche Maulkörbe können zur Hysterie und gar zu Morddrohungen führen – wie kürzlich gegen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm wegen seines Engagements für die Seenotrettung oder gegen den Theologen Ralf Frisch, weil er den "Kult" um Greta Thunberg kritisiert hat.

Die Hysterie-Spirale muss ein Ende haben. Bevor der Dialog auf Augenhöhe ganz schwindet, bevor in den Städten SUVs respektive Döner-Buden brennen – und um politisch motivierte Morde wie die an Walter Lübcke oder Fritz von Weizsäcker zu vermeiden. Treten wir daher also ein für sozialen Klimaschutz. Und sprechen die Probleme sachlich an.

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