11.12.2016
Resozialisierung

Fair Play für alle: Was der "Fall Hoeneß" bewirken muss

In Kampagnen gegen Rassismus und für Fair Play halten sie ihre Gesichter in die Kameras und machen sich zu Zugpferden für Werte, die die Gesellschaft zusammenhalten. Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und viele andere Fußballmillionäre werden so zu Vorbildern des Anstands. Ein Kommentar von Susanne Schröder.
Uli Hoeneß 2005 im Münchner Rathaus bei einer Meisterfeier des FC Bayern.
Uli Hoeneß 2005 im Münchner Rathaus bei einer Meisterfeier des FC Bayern.

Doch hinter der Hochglanz-Fassade ist von Fair Play nichts zu sehen: Seit einer Woche ist bekannt, dass diese Lichtgestalten auch nur ordinäre Steuerflüchtlinge sind, die ihre Millionen zwischen den Virgin Islands und anderen Steuerparadiesen umherschieben. Millionen, verdient am Geldbeutel der Fans, die ihren Idolen um die halbe Welt nachreisen, überteuerte Tickets kaufen, dazu die passenden Fanartikel vom Pyjama bis zum Parfüm.

Es nimmt kein Ende mit der Gier, die bei den Superreichen besonders obszön wirkt. Und nach all den letzten Skandalen - von Olympia bis FIFA - ist es kaum zu glauben, dass immer noch Menschen Sportsendungen anschauen. Nur der Radsport hat nach jahrelangen Dopingskandalen so an Ansehen verloren, dass sich kaum einer als Fan outet. Dem Fußball wird das, FIFA hin, Ronaldo her, nicht passieren: Der Sport hat den Status einer Ersatzreligion.

Deswegen verzeihen die Fans fast alles. Nach dem Fall der aktuellen machte vor zwei Wochen die Wiederauferstehung eines alten Steuersünders Schlagzeilen: Uli Hoeneß ist Präsident des FC Bayern.

Schon als sein Vergehen 2013 ans Licht kam, hielten sich Entrüstung und Mitgefühl die Waage. Jetzt wurde Hoeneß ohne Gegenkandidat wiedergewählt. Die spannende Frage ist, ob er auch wieder die mächtige Position als Aufsichtsratschef erhält. Bei einem normalen Wirtschaftsunternehmen wäre das undenkbar. Beim FC Hollywood ist alles möglich.

Man kann das als Resozialisierungsmaßnahme auf höchstem Niveau betrachten. Schließlich schreibt der Gesetzgeber "die Wiedereingliederung des Straftäters in die Gesellschaft" als "herausragendes Ziel" vor. Bei Hoeneß ist das vorbildlich gelungen: Er hat seine Schuld bekannt, Reue gezeigt, die Strafe verbüßt und darf nun da weitermachen, wo er aufgehört hat. Knastvergangenheit? Vergeben und vergessen. So soll es sein.

So ist es aber nicht für andere Ex-Knackis. Die meisten von ihnen fallen nicht so weich wie ein FC-Bayern-Chef. Sie haben keine oder eine schlechte Ausbildung, oft ein fragwürdiges soziales Umfeld und kämpfen nicht selten mit Suchtproblemen. Wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden, ist ein Großteil erst mal wohnungslos - von Arbeit ganz zu schweigen.

Wenn der Fall Hoeneß für eins gut sein könnte, dann dafür: als Präzedenzfall zu dienen für den Umgang mit Strafentlassenen. Fair Play für alle.

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteurin Susanne Schröder, sschroeder@epv.de

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt