12.01.2018
Entwicklungsarbeit

Der Erlanger Martin Aufmuth hat eine Brille erfunden, die nur einen Dollar kostet. Seit gut fünf Jahren schult er mit seinem Verein EinDollarBrille Menschen in Entwicklungsländern, damit sie lernen, die Sehhilfen selber anzufertigen - und damit Geld zu verdienen.
Martin Aufmuth
Martin Aufmuth Gründer und Vorstand des Erlanger Vereins EinDollarBrille

Martin Aufmuth sprüht vor Energie. Der Gründer und Vorstand des Erlanger Vereins EinDollarBrille ist gerade aus Indien zurück. Dort hat er mit einem lokalen Partner eine Schulung für seine Brillen durchgeführt. Handwerklich geschickte einheimische Produzenten wurden trainiert, damit sie ohne Strom und Schrauben mit einem Baukasten eine passgenaue Brille biegen können. Und die angelernten Optiker sollen auf Menschen zugehen und ihre Sehschwäche diagnostizieren können. »Betroffene wissen oft nicht, dass sie schlecht sehen«, erklärt der frühere Erlanger Lehrer.

An der »schnellsten Brille der Welt« hat Aufmuth lange im Keller seines Reihenhauses getüftelt. Nun befindet sich in einer von ihm entwickelten kompakten Holzkiste eine Biegevorrichtung aus robustem Flugzeugstahl, mit der man millimetergenau mit dem Biegedraht für das Gestell arbeiten kann. Zusätzlich passen dort Dekomaterialien und ein Schrumpfschlauch für die Bügel hinein.

EinDollarBrille soll Social Business fördern

Ein geübter Handwerker brauche nicht einmal eine halbe Stunde, um das Gestell individuell zu bauen, die passenden Glasstärken aus einer Vorratskiste aussuchen und einfach einzustecken, erklärt Aufmuth. Von den gerade geschulten indischen Brillenbauern lässt er sich Bilder der fertigen Gestelle zumailen und stellt in Erlangen eine Ferndiagnose. Mit ihrer Arbeit ist er sehr zufrieden.

Als vor fünf Jahren der Verein aus der Taufe gehoben wurde, war für Aufmuth klar: Die Ein-Dollar-Brillen sollen nicht verschenkt, sondern für zwei bis drei Tageslöhne verkauft werden. Das entspricht in Indien etwa vier Euro und in Bolivien gut zehn Euro.

Diese Idee eines »Social Business« soll Menschen in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine neue Möglichkeit geben, selbst für das eigene Leben zu sorgen. In Burkina Faso, wo sie »kein Wort für Brille in der Landessprache hatten«, konnte etwa der Polio-gelähmte Suleman, mit dem sozial begründeten Unternehmertum sein eigenes Geld verdienen. »Sonst wäre er beinahe verhungert«, erzählt Aufmuth.

EinDollarBrillen helfen Menschen auf dem Land

Hintergedanke ist außerdem: Die lokalen Ein-Dollar-Brillen-Unternehmen können besser die Menschen auf dem Land und in abgelegenen Gebieten erreichen. In den Städten der Entwicklungs- und Schwellenländer gebe es kein Brillen-Versorgungsproblem. Studierte Augenärzte lassen sich hier nieder, weil es auch zahlungskräftige Patienten gibt. Doch schon an den Stadträndern, wo sich häufig die Armenviertel und Slums befänden, sei es schwierig an eine Brille zu kommen, weiß Aufmuth.

Dabei geht es nicht nur um den 80-jährigen Simon aus Malawi, der erstmals mit einer Ein-Dollar-Brille die Vögel nicht nur hören, sondern auch sehen konnte. Von diesem Mann erzählt Aufmuth gern. Wer schlecht sieht, kann nur schlecht sein Saatgut auf dem Feld ausbringen und es auch nicht entsprechend pflegen.

Weltweit könnte 700 Millionen Menschen mit einer Brille geholfen werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat einmal den wirtschaftlichen Ausfall von Arbeitsleistungen auf rund 200 Milliarden Dollar jährlich beziffert.

Rund 100.000 EinDollarBrillen verkauft

Der Verein hat in den letzten fünf Jahren 100.000 Ein-Dollar-Brillen verkauft, zählt Aufmuth zusammen. Das ist dem engagierten Familienvater aber noch zu wenig, denn am Bedarf gemessen sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Deshalb wirbt er weiter für Spenden, um mehr Menschen in Indien, Bolivien, Brasilien, Burkina Faso und anderen Ländern mit Brillen-Kisten auszurüsten.

Aber nicht immer klappt alles wie am Schnürchen.  Zum einen muss sich der Erlanger immer mit lokalen Gesetzen arrangieren, um etwa eine gesetzliche Anerkennung von Kurzausbildung und Brillenabgabe zu bekommen. Zum anderen ist auch die Fluktuation seiner Produzenten hoch. Aufmuth nennt es lieber »Fließprinzip« statt Unzuverlässigkeit lokaler Mitarbeiter. Jedenfalls fällt manchmal die Brillenproduktion einfach aus, weil Familienangehörige krank sind, der Produzent selbst Malaria hat oder die Feldarbeit ansteht. »Es funktioniert nie so, wie man es sich denkt«, stellt Aufmuth fest.

In Malawi haben sich einige mit der Ein-Dollar-Brille das Geld für ihr Studium verdient und dann die Arbeit aufgegeben. Rund 300 Menschen sind weltweit für den Verein unterwegs, die Hälfte im Ausland als Bezahlkräfte oder als soziale Unternehmer, die deutsche Hälfte ist neben Aufmuth auch in Sachen Biegetraining ehrenamtlich unterwegs. Für den umtriebigen Erlanger ist das gut, aber zu wenig: »Wir wollen ein funktionierendes System etablieren, das ist der globale Anspruch des Vereins.«

 

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