20.08.2017
Kirchengeschichte

Julius Echters Verhältnis zu den Protestanten war ambivalent: Einerseits zwang er seine lutherischen Untertanen, das Hochstift Würzburg zu verlassen, wenn sie nicht katholisch werden wollten. Andererseits griff er jahrzehntelang auf das Wissen protestantischer Experten zurück, um sein Territorium zu modernisieren. Eine Ausstellung in der Neuen Universität Würzburg widmet sich dem Gegenreformator anlässlich seines 400. Todestags.
 Johannes Posthius
Der dichtende Arzt Posthius lebte als Johannes Posth, bevor er seinen Namen mit der bekannten -us-Endung latinisierte.

Zu den von Fürstbischof Julius Echter beschäftigten Fachleuten gehörte auch sein langjähriger calvinistischer Leibarzt Johannes Posthius. 1537 im pfälzischen Germersheim geboren, wurde er bereits in früher Kindheit Vollwaise. An der Universität Heidelberg lernte der Student Petrus Lotichius Secundus kennen, der dort Botanik und Medizin lehrte. Secundus förderte Posthius: Indem er 1560 anlässlich des Todes Philipp Melanchthons eigene Gedichte mit Posthius‘ Texten drucken ließ, machte er den Namen seines Schülers bekannt.

Über Lotichius kam Posthius auch nach Würzburg: In seinem letzten Brief vom 2. November 1560 hatte Lotichius den begabten Schüler an den Würzburger Domherrn Erasmus Neustetter genannt Stürmer empfohlen. Der aus Oberfranken stammende Neustetter, der auch Mitglied des Bamberger Domkapitels und des Ritterstifts Comburg bei Schwäbisch Hall war, ebnete den Weg für Posthius’ Karriere: Die Unterstützung des Adligen ermöglichte dem jungen Medizinstudenten eine von 1563 bis 1565 dauernde Italienreise. Nachdem Posthius 1567 im südfranzösischen Valence zum Doktor der Medizin promoviert worden war, berief der Würzburger Fürstbischof Friedrich von Wirsberg den calvinistischen Experten 1568 zu seinem Leibarzt.

Julius Echter: Bewerbungsunterlagen in Reimform

Als das Würzburger Domkapitel fünf Jahre später Julius Echter zum Nachfolger Wirsbergs gewählt hatte, nutzte Posthius die Gelegenheit, um sich bei seinem potenziellen neuen Dienstherrn in Erinnerung zu bringen: 1573 veröffentlichte er zusammen mit zwei anderen Würzburger Gelegenheitsschriftstellern einen Sammelband mit Glückwunschgedichten. Die Texte huldigen Echter und formulieren die Erwartungen der Verfasser an den Neugewählten – wohl die ersten Wahlgedichte, die sich an einen Würzburger Fürstbischof richten.

Posthius’ »Carmen heroicum« ist im Versmaß des Hexameters verfasst und steht in der Tradition des lateinischen Epos schlechthin, der »Aeneis« des Vergil. Im Zentrum des Gedichts steht die Rede Uranias, der Muse der Astronomie. Sie betreibt Politikberatung – und setzt einen überraschenden Akzent. Ganz im Sinn des überkonfessionell ausgerichteten Späthumanismus soll nicht die religio, die Religion, sondern die ratio, die Vernunft, die Hauptrolle bei der Entscheidungsfindung Echters spielen: »Der beste Teil des Menschen ist die Vernunft«, behauptet die Göttin, und sie betont: »Allein die Vernunft macht den Menschen den unsterblichen Göttern gleich.« Wichtig sei das Maßhalten, da unmäßige Gier nicht selten schon Völker und Städte zerstört habe. Ohne Menschenkenntnis könne Herrschaft nicht gelingen: »Es ist also die größte Tugend des edlen Fürsten, die Seinen zu kennen und die Ohren von dem Gerede der Bösen abzuwenden.«

Auch wenn Posthius seinen fürstlichen Patienten gelegentlich im Scherz als »Jupiter« bezeichnete – das Verhältnis zwischen dem Calvinisten und dem seit Mitte der 1580er-Jahre im Sinne der Gegenreformation vorgehenden Fürsten scheint weitgehend konfliktfrei geblieben zu sein.

Würzburg: Flucht vor Antiprotestantismus

Die internationale Vernetzung des Mediziners und prominenten neulateinischen Dichters dokumentiert die 1580 erstmals in Würzburg publizierte und 1595 in zweiter Auflage erschienene Gedichtsammlung »Parerga Poetica«. In der Abteilung »Francica«, was man mit »Gedichte aus meiner fränkischen Zeit« übersetzen könnte, preist der Dichter beispielsweise im »De mensa principis« betitelten Gedicht die an Echters Hof gepflegte Geselligkeit: »Unser Fürst liebt solche Gastmähler, wie sie das Altertum nach der Art des Sokrates eingerichtet hat.« Typisch für Echters »Symposien«: Wein werde dort nicht im Übermaß konsumiert, und geschmacklose Witze suche man ebenfalls vergebens. Vielmehr unterhielten sich die Gäste über Frömmigkeit, Recht, die Sterne, die Musen, die antiken Geschichtsschreiber und die zeitgenössischen Historiker.

Als Echters antiprotestantischer Kurs sich verschärfte, sah Posthius trotz aller Intellektualität des Fürstbischofs wohl die Zeit gekommen, Würzburg zu verlassen: 1585 kehrte er in seine pfälzische Heimat zurück und wurde Hofarzt des Kurfürsten von der Pfalz. 1596 grassierte in Heidelberg die Pest. So floh Posthius nach Mosbach, wo er am 24. Juni 1597 starb. Auf dem Heidelberger Petersfriedhof fand der Dichter und Mediziner seine letzte Ruhestätte.

»Echters Protestanten. Ein überraschendes Phänomen«: Informationen zur Ausstellung

Mehr über Posthius und seine protestantischen »Kollegen« im Dienst Julius Echters sehen Sie in der Ausstellung »Echters Protestanten« im Mittleren Foyer der Neuen Universität Würzburg. Sie wird noch bis 31. Oktober 2017 gezeigt, Mo-Fr 10-19 Uhr, Sa 10-17 Uhr.

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