Wer in der Palliativversorgung arbeitet, begegnet nicht "dem normalen Sterben", sondern oft dem Sterben nach langen Krankheiten, harten Therapien, zerbrochenen Hoffnungen. Dazu kommen Familien, die zwischen Trotz, Angst, Wut und Liebe schwanken. Für Außenstehende klingt das nach einer Dauerbelastung, die man nicht aushalten kann, ohne abzustumpfen.
Jörg Cuno, Palliativmediziner und seit vielen Jahren in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) tätig, widerspricht der einfachen Logik. Ja, sagt er, diese Arbeit verändert. Aber nicht nur in eine Richtung. "Zum einen treten die eigenen Probleme, Ängste und Sorgen oft in den Hintergrund", beschreibt er. Gleichzeitig wachse über die Jahre die Sensibilität: für Zwischentöne, für Menschen, für Entscheidungen, die an Betroffenen vorbeigehen.
Gerade in der SAPV, wenn das Team ins Zuhause der Patientinnen und Patienten kommt, sei alles direkter. Kein Klinikflur als Puffer, kein "Wir kommen später wieder". Stattdessen Wohnzimmer, Küche, Familienkonflikte, Überforderung, manchmal Verwahrlosung oder Isolation. Und manchmal auch das Gegenteil: bislang stabile Familien, die plötzlich nicht mehr wissen, wie "Danach" überhaupt funktionieren soll.
Wenn das Richtige nicht möglich ist: "Moral Distress"
In der Fachsprache heißt es "Moral Distress": das Gefühl, nicht so handeln zu können, wie man es für richtig hält. Cuno kennt solche Situationen. Patientinnen und Patienten stünden nicht selten zwischen verschiedenen Behandlern, verschiedenen Therapiewegen, unterschiedlichen Erwartungen. Und sie spürten dabei einen Druck, selbst wenn niemand ihn offen ausspricht.
Ein Beispiel: Wenn weiter Chemotherapien angeboten werden, obwohl Betroffene den Nutzen innerlich längst bezweifeln, aber eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Endlichkeit ausbleibt. Cuno beschreibt das als Zerrissenheit, die sich bis in Familien hineinfrisst. Er formuliert vorsichtig, aber deutlich: Man würde manchmal gern klarer sagen können, hier endet ein Weg. Nicht als Kapitulation, sondern als Wechsel des Ziels: hin zu einem würdevollen, entlastenden Weg. Nur sei ein Konsens im Zusammenspiel mit anderen Fachbereichen nicht immer leicht zu erreichen.
Mitfühlen, aber nicht mitleiden
Ein Wort fällt im Gespräch immer wieder: Abgrenzung. Nicht kalt, nicht zynisch, sondern gesund. Cuno spricht über "Compassion Fatigue", Mitgefühlsmüdigkeit. Das könne passieren, wenn das Mitgefühl nicht mehr im Kontakt bleibt, sondern in die private Gedankenwelt hineinläuft, bis es als Stress erlebt wird.
Sein Leitsatz für neue Mitarbeitende: "Wir sollen mitfühlen, aber nicht mitleiden; mittrauern, aber nicht automatisch mitweinen." Sonst verliere man die eigene Rolle. Wer Halt geben will, darf nicht selbst im emotionalen Sog verschwinden. Der Vergleich, den er wählt, ist drastisch und klar: Ein Rettungssanitäter kann bei einer Katastrophe auch nicht "mitkippen", sonst hilft er niemandem.
Gefährlich wird es, wenn es zu nah kommt
Trotz aller Professionalität gibt es Situationen, die besonders an die eigene Stabilität gehen. Für Cuno sind es Momente, in denen sich das Erlebte an das eigene Leben ankoppelt: wenn Patientenschicksale an die eigene Familie erinnern, an Kinder, Geschwister, Eltern. Dann entstehen "Parallelwelten", sagt er, die eigene Erfahrungen aktivieren.
Gerade bei jungen Menschen oder bei Angehörigen im eigenen Alter könne das sehr intensiv werden. Und zugleich entstehen in solchen Momenten Sätze, die man als Außenstehender vielleicht nie sagen würde, die aber im Ausnahmezustand entlasten: "Sie müssen sich nicht schämen für Ihre Trauer, Ihre Schmerzen oder Ihre Tränen."
Selbstfürsorge ist keine Parole
Selbstfürsorge klingt in Ratgebern oft geschniegelt und glatt gebügelt. In der Realität bleibt nach schweren Einsätzen selten Zeit für hübsche Routinen. Cuno gibt zu, dass auch er Achtsamkeit "predigt" und sich selbst dann manchmal vergisst. Entscheidend sei etwas sehr Unromantisches: zu wissen, was einem persönlich hilft.
Für die einen ist es Sport, für andere ein Spaziergang, für manche schlicht Ablenkung durch Lesen oder Fernsehen. Er selbst findet Entlastung in Gesprächen in der Familie, bei seiner Frau, oder auf dem Laufband. Körperlich auspowern, Mindset gerade richten, runterregulierend. Keine große Erleuchtung, aber wirksam.
Team als Schutzraum und Warnsystem
Studien nennen Teamkohäsion und Sinnhaftigkeit als Schutzfaktoren. Cuno bestätigt das aus der Praxis: Der Zusammenhalt im Team sei zentral. Besonders in gemeinsamen Besprechungen, wenn man sich bewusst macht, warum man diese Arbeit macht, und wenn man Erlebnisse teilt, die zeigen, dass die Versorgung etwas verändert hat.
Dazu gehören auch Rückmeldungen von Angehörigen: Viele sagen später, sie wären früher gekommen, wenn sie gewusst hätten, wie viel Hilfe möglich ist. Für Cuno ist das doppelt bedeutsam: als Motivation, aber auch als Hinweis, wie viel Aufklärung noch fehlt, damit Menschen sich nicht zu lange allein durch den "Kampfmodus" quälen.
Teams können aber auch kippen. Wenn Einzelne stark persönlich betroffen sind oder sich verschließen, kann das die Gruppe belasten. Dann, sagt Cuno, braucht es Gespräche, die nicht wie ein offizieller Termin wirken. Lieber beiläufig, im Auto auf dem Weg zum Hausbesuch. Ein Rahmen ohne Druck, in dem man eher "hineinspüren" kann, bevor sich Rückzug, Gereiztheit oder dauerhafte Niedergeschlagenheit festsetzen.
Burnout: schleichend, nicht spektakulär
Burnout, so Cuno, komme selten mit Knall. Und wenn es da ist, geht es nicht einfach wieder weg. Er beschreibt das Bild einer traurigen Verstimmtheit, die bleibt, manchmal schläft, manchmal zuckt. Frühwarnzeichen erkennt er oft an Sprache und Verhalten: ungewohnter Rückzug, Gereiztheit, anhaltende Niedergeschlagenheit. Als Kollege, als Vorgesetzter, "vor allem als Mensch" müsse man solche Veränderungen ernst nehmen.
Ergänzend zum Team nennt er Unterstützung von außen: Supervision, seelsorgerische Begleitung, Teamentwicklung, gemeinsame Aktivitäten jenseits des Arbeitskontextes. Nicht als "Wellness", sondern damit neben der permanent präsenten Endlichkeit auch Leichtigkeit und normales Leben Platz haben.
Nähe, Grenzen und ein Satz gegen jede Überhöhung
Wie schafft man Nähe, ohne Grenzen zu verlieren? Cuno spricht von einem schnell einsetzenden Bauchgefühl: zu merken, wo Verbindungen sind, wo Störfaktoren liegen, wann man etwas ansprechen sollte und wann nicht.
Um Vertrauen zu ermöglichen, gibt er manchmal auch etwas von sich preis, bewusst dosiert. Damit werde der Arzt weniger "abstrakt" und mehr Mensch. Und dann kommt ein Satz, der hängen bleibt, weil er die Hierarchie in einem Moment zusammenfaltet: "Wir haben nur gerade das Glück, auf der besseren Seite des Bettes zu stehen." Kein Pathos, eher Erdung.
"Palliativmedizin ist Lebensmedizin"
Am Ende geht es um Sinn. Cuno nennt inneren Frieden, Dankbarkeit, Demut. Das Gefühl, im Chaos ein bisschen Ordnung zu ermöglichen. Eine Schulter zu sein, Ohren zu leihen, ohne daran zu zerbrechen. Und er sagt etwas, das die Perspektive verschiebt: Palliativversorgung sei nicht automatisch "Sterbemedizin". Für ihn ist sie "Lebensmedizin".
Vielleicht ist das die härteste Wahrheit dieser Arbeit: Wer täglich Endlichkeit sieht, lernt, wie kostbar das ist, was noch da ist. Und genau deshalb braucht es Resilienz. Nicht als Panzer, sondern als Fähigkeit, bei Menschen zu bleiben, ohne sich selbst zu verlieren.