11.04.2020
Coronavirus

Pfarrerin Miriam Groß über die Auswirkungen der Pandemie auf New York und das Gemeindeleben

New York leidet besonders unter den Auswirkungen des Coronavirus, die Megametropole hat sich in den letzten Tagen rasant zu einem der größten Krisengebiete entwickelt. Die aus Bayern stammende Pfarrerin Miriam Groß schildert ihre Eindrücke.
Pfarrerin Miriam Groß

Die flinken Hände meiner elfjährigen Tochter falteten routiniert die frisch gelieferten Palmzweige. Mit jeder Bewegung formte sich langsam ein kleines Palmkreuz zwischen ihren Händen. Leise summte sie dazu mit einem verträumten Gesichtsausdruck den Kanon "Meine Hoffnung und meine Freude", der an Jesaja 12, 2 angelehnt ist und in unserer deutschsprachigen New Yorker Gemeinde ein wichtiges liturgisches Element in der Kar- und Osterwoche darstellt.

Plötzlich hielt meine Tochter mitten in der Bewegung inne. "Mama, dieses Jahr können wir nicht mit anderen gemeinsam Ostern feiern." Ihr Gesicht fiel merklich zusammen. Ich verstand ihren Schmerz.

An Palmsonntag war ihr in den letzten Jahren die Aufgabe zugefallen, unseren Gemeindegliedern während der Kaffeestunde beim Falten der kleinen Palmkreuze zu helfen und damit die Karwoche einzuläuten. Mit einem Schlag war ihr diese so lieb gewonnene Tätigkeit genommen worden.

Das gewohnte Leben ist auf den Kopf gestellt

Ob Jung oder Alt: Die Pandemie hat unser gewohntes Leben wie in allen Ländern dieser Welt komplett auf den Kopf gestellt. Doch in New York kommt nun wie in China, Italien und Spanien eine bedrohliche Komponente hinzu: Die Megametropole hat sich in den letzten Tagen rasant zu einem der größten Krisengebiete entwickelt und mit ihr unsere kleine Gemeinde in Chelsea erfasst.

Nachdem viele unserer Mitglieder weit verstreut über die drei Bundesstaaten New York, New Jersey und Connecticut verteilt wohnen, sind wir schon längere Zeit gezwungen, digitale Wege zu gehen: Für Vorbereitungen von Taufen und Trauungen wird schon länger eine digitale Meeting-Plattform genutzt. Auch die Kirchenratssitzungen sind aufgrund der weit voneinander entfernt lebenden Mitglieder oftmals digital.

Digitaler Konfirmandenunterrricht

Die Diaspora-Situation unserer deutschsprachigen Gemeinde hat uns weiterhin zum Angebot eines digital stattfindenden Konfirmandenunterrichts ermutigt. Daher traf uns die doch recht abrupte Umstellung auf eine komplett digitalisierte Gemeindearbeit nicht ganz so hart und führte zu einer Erweiterung um das Angebot eines Online-Gottesdiensts sowie regelmäßiger Abendandachten.

Mit dem Rückzug des gesellschaftlichen Lebens in den digitalen Raum geht eine fast gespenstische Verwandlung der Megametropole einher. Als ich vor fast sechs Jahren an den Big Apple zog, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass die Stadt, die angeblich niemals schläft, fast zum Ruhen kommt. Es ist ein wenig, als ob New York der Lebenspuls genommen wurde, denn diese Stadt lebt von dem bunten und vielfältigen Treiben.

Verunsicherung, Todesfälle und finanzielle Auswirkungen

Der Virus zwingt nicht nur zu einem fast unnatürlichen Innehalten, sondern bringt mit der exponentiell steigenden Anzahl an Erkrankungen und Todesfällen eine noch nie da gewesene Verunsicherung mit sich. Viele Gemeindeglieder äußern inzwischen, dass die Pandemie in ihren Auswirkungen schlimmer sei als der Terroranschlag vom 11. September.

Man habe es hier nicht nur mit einem unsichtbaren Feind, sondern auch mit massiven finanziellen Auswirkungen zu tun. Diese betreffen vor allem die Armen, wie illegale Immigranten, die am unteren Ende der kapitalistischen Pyramide umgehend ihre Arbeitsstelle verloren haben und nun um die bloße Existenz bangen. Aber so langsam breitet sich diese Sorge auch auf die Mittelschicht aus. Laut New York Times (Stand 2. April) haben sich 6,6 Millionen Amerikaner arbeitslos gemeldet. Diese Zahl übersteigt den Rekord von 695 000 im Jahr 1982 um ein Vielfaches.

Soziale Sicherungssysteme fehlen

Alle in den USA sind von den Auswirkungen der Pandemie betroffen, deren Härte durch das vorherrschende kapitalistische System ohne soziale Sicherungssysteme noch verstärkt wird. Noch kann niemand abschätzen, wie sich der Big Apple von dieser Katastrophe erholen wird. Doch wenn der New Yorker eine Stärke hat, dann ist es die Resilienz, das Zusammenstehen in der Not und das Festhalten an der Hoffnung auf bessere Tage.

Ein solches Hoffnungszeichen setzte ich nun mit meiner Tochter, während wir kleine Palmkreuze bastelten und nun für unsere Senioren versandfertig machen. Sie werden dieses Symbol in der Kar- und Osterwoche verstehen. So wie Jesus durch das Tal des Kummers und Todes musste, so müssen wir New Yorker durch dieses dunkle Tal der Pandemie und ihrer Auswirkungen.

Meine Tochter strahlt mich an und hält das letzte kleine Kreuz hoch, während wir den Taizé-Kanon zu Ende singen. Die Kar- und Osterwoche zeigt uns deutlich, dass auf Trauer Freude und Jubel folgen wird. Möge dies uns Trost und Hoffnung zugleich sein.

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Die Pastorin Miriam Groß in New York.
Miriam Groß ist seit zwei Jahren mit Mann und Kindern in New York. Das Besondere daran: Sie ist von der evangelisch-lutherischen Kirche dorthin entsandt, um die deutsche Kirchengemeinde St. Pauls zu leiten. Die Pfarrerin hat sich damit einen Traum erfüllt, dessen Alltag jedoch so anders ist als das bisherige Leben im beschaulichen Bayern, dass sie andere daran teilhaben lässt: Auf ihrem Blog und seit September auch mit einem Buch.
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