4.08.2018
Rummelsberger Diakon in Singapur

Seemannsmissionar: "Auf Trawlern herrscht moderne Sklaverei"

Billige Waren aus Fernost per Containerschiff, günstiger tiefgekühlter Seefisch aus dem südchinesischen Meer - all das wird von den Häfen in Singapur aus nach Europa geliefert. Die Seeleute und Fischer stehen unter großem Zeitdruck. Die monatelangen Arbeitsphasen an Bord sind komplett durchgetaktet. Gerade bei den Fischern sind die Bedingungen auf den Schiffen oftmals menschenunwürdig, sagt der Rummelsberger Diakon Michael Hofmann (60), der mit seiner Frau seit eineinhalb Jahren in Singapur bei der Seemannsmission arbeitet. Die Verbraucher seien der Schlüssel, unmenschliche Arbeitsbedingungen weltweit zu beenden.

Herr Hofmann, Sie sind Rummelsberger Diakon - wie kommt man da zur Seemannsmission nach Singapur?

Hofmann: Ich bin vor eineinhalb Jahren mit meiner Frau nach Singapur gegangen, davor war ich zeitlebens als Diakon in der Gemeinde- und Jugendarbeit tätig - zuerst in München und dann in zwei fränkischen Landdekanaten. Bei der Seemannsmission bin ich ein Quereinsteiger. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg im Jahr 2013 habe ich die dortige Seemannsmission besucht und war begeistert!

Von begeistert in Hamburg bis seelsorgend in Singapur ist es aber ein großer Schritt.

Hofmann: Ja, das stimmt schon. Wir waren nach dem Kirchentag noch mehrmals in Hamburg, weil mich diese Arbeit der Seemannsmission nicht losgelassen hat. Trotzdem hatte ich niemals daran gedacht, dass ich als mittelfränkische "Landratte" mal in diesem Berufsfeld lande. Als ich dann die Stellenausschreibung für einen Diakon bei der Seemannsmission in Singapur per Zufall entdeckt hatte, musste ich mich einfach bewerben.

Sie sind jetzt seit eineinhalb Jahren mit ihrer Frau in Asien. Was machen Sie dort genau?

Hofmann: Unsere Arbeit unterteilt sich in drei Bereiche. Zum einen bin ich in verschiedenen Gremien unterwegs, um dort für unsere Arbeit zu werben und die Rahmenbedingungen unserer Arbeit zu festigen und zu erweitern. Es ist gar nicht so leicht, Zugang zu den Häfen zu bekommen. Weitere Bereiche unserer Arbeit sind die Seelsorge im Containerhafen, dem zweitgrößten der Welt nach Shanghai, und dem Fischereihafen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in den beiden Häfen voneinander?

Hofmann: Es sind beides Häfen mit Schiffen, das war es aber schon mit den Gemeinsamkeiten. Im Containerhafen suchen wir die Mannschaften auf den Schiffen auf. Die Taktung in der weltweiten Schiffsfracht ist inzwischen so eng, dass die Seemänner kaum Zeit haben, an Land zu gehen - manchmal bis zu einem halben Jahr nicht! Da kommen wir dann ins Spiel, für viele Seeleute sind wir eine Art Brücke zur Außenwelt.

Was heißt das konkret?

Hofmann: Viele Seeleute, vor allem die, zu denen ich schon mal Kontakt hatte, schreiben mir kurz vor ihrer Ankunft in Singapur eine WhatsApp. Manchmal bitten sie darum, dass ich ihnen Waschmittel oder Shampoo besorge, manchmal brauchen sie Telefonkarten oder ich soll für sie Geld einzahlen. Wenn wir an Bord kommen, sind wir schnell mittendrin in der Seelsorge, sprechen über das Zuhause, den Partner, die Kinder.

Dürfen Sie überall problemlos an Bord?

Hofmann: Ich brauche grundsätzlich eine Genehmigung für die Häfen und auch für die Schiffe. In 99 Prozent sind wir an Bord willkommen, ich war seit meinem Dienstantritt auf ungefähr 600 Schiffen, oftmals schon mehrfach. Es hat bislang nur ein Mal ein Kapitän gesagt, er habe keinen Bedarf für die Seemannsmission. Wenn man die Gesichter der Seeleute sieht, wenn wir an Bord kommen, weiß man: Wir werden gebraucht!

Wen betreuen Sie auf diesen Schiffen denn vor allem?

Hofmann: Die einfachen Seeleute kommen heute meist aus China, Indien oder von den Philippinen, bei den Offiziergraden sind es meist Europäer. Auf einem Schiff ist nie nur eine Nationalität, das ist bunt gemischt. Das gilt auch für die Religionen und Konfessionen. Welcher Religion jemand angehört, das fragen wir - wenn überhaupt - erst sehr spät. Es spielt für unsere Arbeit nur eine untergeordnete Rolle.

Aber Sie sind ja nicht nur Seelsorger, sondern auch Missionar...

Hofmann: Mission ist ein großes Wort. Aber natürlich spielen Glauben und Spiritualität in unserer Arbeit eine wichtige Rolle. Wenn wir an Bord sind, laden wir die Seeleute zu einem Gebet oder einer Andacht ein. Die stehen dann im Aufenthaltsraum in ihren ölverschmierten Klamotten und beten mit uns. Darin liegt für diese Menschen eine ungeheure Kraft. Sie haben danach wieder ein Lächeln im Gesicht, schöpfen Mut.

Diakon Hofmann Seemannsmission Singapur

Wie viele Leute stehen für diese Arbeit in Singapur zur Verfügung?

Hofmann: Im Containerhafen gibt es mehrere Seemannsmissionen: eine dänische, eine norwegische, zwei britische, die katholische Stella Maris, und uns, die International Lutheran Seafarers' Mission Singapore ILSM. Bei uns Lutheranern arbeiten meine Frau und ich sowie ein Kollege aus Singapur. Wir von der ILSM sind die einzigen, die nicht nur tagsüber im Container-, sondern auch abends im Fischereihafen unterwegs sind.

Sie sagten, es gebe große Unterschiede zwischen Container- und Fischereihafen - inwiefern, abgesehen von der verschiedenen Fracht?

Hofmann: Die Seeleute auf den Containerschiffen sind durch eine internationales Abkommen von 2006, das von mehr als 70 Staaten ratifiziert wurde, ganz gut abgesichert, was ihre Gehälter und Rechte angeht. Dieses Abkommen gilt aber explizit nicht für Fischer, das haben die mächtigen Fischerei-Lobbyverbände damals verhindert. Auf vielen Fisch-Trawlern herrscht mehr oder weniger moderne Sklaverei.

Wegen der Arbeitsbedingungen dort?

Hofmann: Ja, der ganze Umgang mit den Menschen dort. Die Fischer werden unter falschen Versprechungen auf die Boote geholt. Man sagt ihnen, sie würden gut verdienen, ein Diplom bekommen, eine Ausbildung machen können - und kaum sind sie auf hoher See, gilt nichts davon. Die Kapitäne oder Reeder nehmen ihnen oft die Pässe weg, die Menschen sind dadurch komplett rechtlos, wenn die Schiffe irgendwo anlegen.

Bekommen sie denn wenigstens einen Lohn, um damit ihre Familien Zuhause ernähren zu können?

Hofmann: Nur wenn sie Glück haben. Viele Fischer erhalten einen Zwei-Jahres-Vertrag, Geld gibt es erst am Schluss. Wer die 24 Monate nicht durchhält und vorher aussteigt, bekommt oft gar nichts. Zudem lassen sich die Reeder viele Gemeinheiten einfallen, um das Gehalt mit Strafen zu drücken. Wer zum Beispiel seine Haare mit Süßwasser wäscht oder andere Banalitäten macht, bekommt horrende Summen abgezogen.

Was kann man da als Verbraucher tun? Die Nachhaltigkeitslabels für den Fischfang helfen dabei nicht, oder?

Hofmann: Mir ist zumindest kein Nachhaltigkeitslabel bekannt, das auch die Arbeitsbedingungen auf den Schiffen mit in den Blick nimmt. An sich ist das der größte Hebel der Menschheit, die internationale Politik ist bei diesen Themen oft träge. Weil die Arbeitsbedingungen auf den Schiffen aber am Endprodukt nicht ersichtlich ist, kann man nur schwer ansetzen.

Und welche Konsequenz sollte man daraus dann für sich ziehen?

Hofmann: Ich für mich verzichte inzwischen deshalb weitgehend auf Seefisch. Als Verbraucher haben wir großen Einfluss darauf, wo unser Geld landet. Lasse ich es - um ein paar Cent zu sparen - irgendwelchen Konzernen zukommen, oder versuche ich, Waren zu kaufen, von denen ich weiß: die Menschen, die sie produzieren, können von ihrem Verdienst leben. Wenn sich viele so verhalten, schaffen wir eine bessere Welt!

Sie berichten in ihren Vorträgen auch von Fischerei-Schiffen, auf denen die Zustände noch schlimmer sind.

Hofmann: Ja, allerdings. Das kann man sich als Europäer kaum vorstellen, was dort im asiatischen Raum für Schiffe auf dem Meer unterwegs sind. Die sind so kaputt, die dürften auch dort aus keinem Hafen mehr auslaufen, aber weiterhin Fischfang betreiben. Die werden auf hoher See entladen, bekommen dort wieder Sprit, Frischwasser und Nahrungsmittel. Die Fischer dort sind quasi Leibeigene ihrer Chefs.

Wie lange wollen Sie und ihre Frau in Singapur bleiben?

Hofmann: Wir sind seit eineinhalb Jahren hier, entsendet wurden wir von der bayerischen Landeskirche erst mal für drei Jahre. Ob wir noch länger bleiben, das wollen wir in etwa einem halben Jahr entscheiden. Wir machen unsere Arbeit hier wirklich gerne, weil wir bemerken, dass wir für die Menschen etwas bewegen können - unsere mittelfränkische Heimat vermissen wir aber doch auch ziemlich.

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