31.05.2015
Kriegserinnerungen

Sirenen statt Glocken zur Konfirmation

Mitten im Konfirmationsgottesdienst gibt es Alarm. Der Dekan schickt die Gemeinde nach Hause, erst später können sich alle zum Abendmahl wieder versammeln. Der Krieg ist im April 1945 noch nicht zu Ende, als in Regensburg an diesem Sonntag bis zu 50 junge Menschen konfirmiert werden. Unter ihnen ist Helmut Morenz, der jetzt sein 70. Konfirmationsjubiläum in der Neupfarrkirche feierte.
Plakat »Nie wieder Krieg« von Käthe Kollwitz.
»Nie wieder Krieg«, lautet die Aufschrift des Plakats, das Käthe Kollwitz 1924 für die Sozialistische Arbeiterjugend entwarf.

Die Konfirmanden sind soeben gesegnet worden und stehen vor dem Altar. Da kommt der Diakon zum Dekan, flüstert ihm etwas ins Ohr. Dann sagt der Dekan zur Gemeinde: "Schauen Sie, dass Sie alle rechtzeitig noch nach Hause kommen." Der Gottesdienst in der Neupfarrkirche wird unterbrochen.

Es ist der Palmsonntag im April 1945 - kurz vor Kriegsende. Plötzlich gibt es Fliegeralarm. Die Kirche wird sofort geräumt. Bevor vielleicht Bomben fallen über Regensburg, sollen alle Kirchenbesucher zu Hause sein und in ihren Kellern Schutz suchen vor einem möglichen Angriff.

Helmut Morenz ist damals knapp 14 Jahre alt. Heute erinnert er sich noch sehr genau daran, wie seine Konfirmation vor 70 Jahren verlief. Die Kirche war gerammelt voll. "Als der Alarm kam, sollte das Abendmahl ausgeteilt werden. Wir waren ja schon konfirmiert", erzählt er. "Die Sirenen haben da noch nicht geheult." Ausgerufen war ein "Voralarm".

Mit Helmut Lorenz konfirmiert wird 1945 auch Walter Opp. Beide sind Söhne von Pfarrern, deren Väter damals in der Neupfarrkirche bzw. Dreieinigkeitskirche predigen. Es ist klar, dass die beiden Jungen zur Konfirmation gehen.

Helmut, der einen "furchtbaren" Nazi - wie er sagt - als Religionslehrer hatte, wird sogar ein Jahr früher konfirmiert. So hatten sein Vater und seine Mutter entschieden, "weil sie zunächst nicht wussten, ob der Krieg noch länger dauern wird und ob die Familie ihn überleben wird". Seine älteren Geschwister hatte die Wehrmacht "eingezogen", weshalb sie auch nicht zu seiner Konfirmation kommen konnten. Auch große Verwandtschaft war nicht dabei.

Viele Menschen damals hätten sich gefürchtet. "Es herrschte Angst" vor neuen Angriffen, sagt Morenz und berichtet von "bombenerfüllten Kriegsjahren". Es gab lebensbedrohliche Situationen, wie Opp sagt. "Aber wir haben damals nicht immer nur gezittert."

Ein ungeliebter Anzug

Für die beiden Jungen war und bleibt ihre Konfirmation in der Erinnerung dennoch ein Festtag, der für sie bis heute "hohe Bedeutung" hat. "Die Konfirmation war eine Institution", betont Opp.

Sie trugen damals wie die anderen schwarze oder dunkle Anzüge, die Mädchen dunkle Kleider. Alle hätten sich damals "so schön wie möglich angezogen", blicken beide zurück.

Walter mochte seinen Anzug allerdings überhaupt nicht und erinnert sich schauderhaft: "Er war aus Wolle gestrickt", das gefiel ihm nicht. Helmut hatte von einem älteren Bruder den Anzug "geerbt".

Der Gottesdienst sei "ganz normal und doch auch festlich" gefeiert worden, erzählt Helmut Morenz. Die Neupfarrkirche war durch den Krieg nicht zerstört. Die Predigtworte habe er nicht mehr im Ohr, aber es ging ums Leben und Überleben im Krieg. Unter dem Eindruck der Ereignisse habe er auch seinen Konfirmationsspruch ausgewählt: "Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand." (Psalm 73, 23)

Bomben fielen an diesem Palmssonntag 1945 nicht auf Regensburg. In die Neupfarrkirche inmitten der Altstadt kehrten die Konfirmanden nicht zurück, das erste Abendmahl mit der Gemeinde erhielten sie am Nachmittag in einer anderen Kirche, wo der Konfirmationsgottesdienst dann beendet wurde und alle den Segen empfangen konnten.

Dazwischen wurde zu Hause im kleinen Familienkreis gegessen. "Es gab keinen großen Festbraten", erzählt Morenz, aber seine Mutter hatte Kuchen gebacken. Woher sie die Zutaten hatte, wisse er nicht. "Meine Mutter hat immer etwas auf den Tisch gezaubert." Während des Kriegs tauschte er selbst Kohlen gegen Essen, holte Zucker aus der zerbombten Zuckerfabrik.

Kuchen war ein Geschenk

Geschenke für Konfirmanden gab es 1945 nicht. Es gab nicht einmal ein Kreuz - nur eine Urkunde. Einer aus ihren Reihen habe damals gesagt: "Heute war ich das letzte Mal in der Kirche."

Helmut Morenz und Walter Opp drehten der Kirche nicht den Rücken zu. Sie wurden zwar nicht wie ihre Väter Pfarrer, aber die Kirchenmusik hat sie ihr Leben lang begleitet und auch beruflich geprägt.

Opp wurde 1969 zum Kirchenmusikdirektor ernannt, ging später als Landeskirchenmusikdirektor nach Kurhessen-Waldeck und wirkte schließlich in Erlangen als Universitätsmusikdirektor und Leiter des Instituts für Kirchenmusik.

Klassische Musik und Kirchenmusik liebt auch Morenz, der sich zum Musikkaufmann ausbilden ließ. Er arbeitete viele Jahre für eine Plattenfirma und kehrte schließlich von Ulm nach Regensburg zurück, führte hier ein eigenes Musikgeschäft. "Konzertbesuche sind eine Leidenschaft geblieben", sagt er.

In seinem Wohnzimmer steht ein alter Plattenspieler von "Dual". Manchmal kniet sich der heute 83-Jährige davor und holt eine seiner 200 alten Vinylplatten vorsichtig aus dem Schrank, legt sie behutsam auf. Mehr als 1.000 Stück mit Klassikwerken und geistlicher Musik hatte Morenz mal besessen. Sie zu hören ist für ihn ein immer wieder ein Genuss. Diesen Moment zelebriert er und ist dankbar dafür, dass er heute noch lebt.

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