30.06.2019
Gnomonik

"Spur der Zeit": Was es auf dem Sonnenuhrenweg in Röttingen zu entdecken gibt

In der unterfränkischen Kleinstadt Röttingen bei Würzburg im Taubertal lädt ein Sonnenuhrenweg mit 30 Exponaten zum Flanieren und Informieren ein. Nicht nur für Radtouristen ein lohnendes Ziel.
Helmut Cerdini mit Sonnenuhr
Die "Gnomonik" – also die Lehre von den Sonnenuhren – fasziniert die Menschen von der Antike bis heute. Die weltweit meisten Sonnenuhren stehen im 1.700-Einwohner-Städtchen Röttingen.

Auf den ersten Blick denkt man an ein Kunstwerk. Eine stilisierte Harfe vielleicht? Oder eine Art Zange? Helmut Cerdini schmunzelt in sich hinein. Wenn er nämlich an diesem Objekt eine seiner Führungen beginnt, staunen die Zuhörer nicht schlecht. Denn die "Harfenzange" ist nichts von dem, sondern eine Sonnenuhr. Nur eben keine mit flachem Ziffernblatt und Zeitstab, sondern komplexer.

Sie ist eines von 30 Exponaten auf dem Sonnenuhrenweg im unterfränkischen Röttingen. Entwickelt und gebaut hat die 30 Sonnenuhren der inzwischen verstorbene Schlossermeister Kurt Fuchslocher aus dem benachbarten württembergischen Kurstädtchen Bad Mergentheim. Bis zur Pensionierung mit knapp 50 Jahren arbeitete er als Kompenseur – er wartete und entmagnetisierte die Kompasse in den Bundeswehr-Helikoptern am Heeresflugplatz Niederstetten. In seiner freien Zeit bastelte er Sonnenuhren. Seine Frau sagte mal, sie sei mit einer Sonnenuhr verheiratet.

Wie Sonnenuhren genauer geworden sind

Sonnenuhren gibt es seit Menschengedenken. Schon die Mayas, die alten Ägypter, die Chinesen oder die Griechen haben mithilfe des Sonnenstandes den Tag vermessen. Während Sonnenuhren damals immer nur die jeweilige Ortszeit mehr oder weniger genau angezeigt haben, können die modernen Sonnenuhren viel mehr. Sie können bis auf fünf Minuten genau auch die seit dem Jahr 1892 künstlich festgelegten Stunden anzeigen, also etwa die Mitteleuropäische Normal- oder Sommerzeit.

Sonnenuhrenexperte Helmut Cerdini kommt richtig ins Schwärmen, wenn er Besuchergruppen durch die kleine mittelalterliche Stadt führt, von Sonnenuhr zu Sonnenuhr. "Zuerst erzähle ich ein bisschen was über die Geschichte und Funktionsweisen, dann ziehen wir los", sagt er.

Sonnenuhr hinter gelben Blumen Helmut Cerdini
"Lass keinen Tag ohne Freude vergehen" – heißt es auf dieser Sonnenuhr am Mühlbachgrund.
Schweinhirtenturm Röttingen
Blick auf den Schweinehirtenturm in Röttingen
Sonnenuhr in Röttingen
Eins von 30 Exponaten auf dem Sonnenuhrenweg im unterfränkischen Röttingen.
Blick auf Röttingen
Die Kleinstadt Röttingen in Unterfranken lockt mit Gauvolksfest, Frankenfestspielen und dem Freilichttheater Burg Brattenstein.
Helmut Cerdini erläutert Sonnenuhr
Zeit-Spezialist Helmut Cerdini erklärt Funktionsweise und Besonderheiten der zahlreichen Sonnenuhren in der beschaulichen Stadt Röttingen südlich von Würzburg. Cerdini verwaltet das Erbe des bekannten Bad Mergentheimer Sonnenuhrenbauers Kurt Fuchslocher, der in Röttingen einen Rundweg mit 30 Sonnenuhren hinterlassen hat.
Helmut Cerdini Sonnenuhr
Die von Helmut Cerdini geschaffenen Zeitmesser bestehen aus alten Wagenrädern, aus Metallschrott oder Fliesen, kaum eine Uhr gleicht der anderen.

Ausgewählte Exemplare bei Führung erläutert

Sich alle 30 Exemplare anzusehen, das ist für eine Tour zu viel – er sucht sich immer ein paar Zeitanzeiger aus, zu denen er seine Gäste führt. Manche Lieblings-Uhren sind allerdings fast jedes Mal dabei, erzählt Cerdini. Zum Beispiel die Sonnenuhr unterhalb der Burg Brattenstein, die wie ein kleiner Globus aussieht, bestückt mit kleinen runden Fliesen, umgeben von Metallbügeln mit vielen Strichen und Zahlen. "Das ist eine sogenannte äquatoriale Sonnenuhr", sagt Cerdini. Die Uhrzeit zeigt sie an, indem man einen doppelwandigen Schattenzeiger so einstellt, dass ein dünner Lichtspalt auf das Ziffernband fällt. Das Exemplar zeigt nicht nur die Zeit an, sondern auch, wo weltweit die Sonne auf- oder untergeht.

Dass durch den veränderten Sonnenstand zu den verschiedenen Jahreszeiten die Sonnenuhren mal mehr oder weniger genau die Zeit anzeigen, das stimmt, sagt Cerdini bei seiner Führung durch das malerische Städtchen und den naturnahen Stadtpark an der Tauber: "Aber dafür gibt es Hilfsmittel." Eine Tabelle mit dem "Jahreszeitausgleich", um den Unterschied zur künstlichen Uhrzeit abzuziehen oder dazuzuzählen – bis zu 16 Minuten plus im November und 16 Minuten minus im Februar.

Dass Fuchslocher ein findiger Tüftler war, sieht jeder, der sich auf den Sonnenuhrenweg begibt. Die von ihm geschaffenen Zeitmesser bestehenaus alten Wagenrädern, aus Metallschrott oder Fliesen, kaum eine Uhr gleich der anderen. Und an jeder hat er auch einen kleinen Spruch als Motto angebracht – oft berühmte Zitate zur Zeit oder Sonne. Wer sich auf die "Spur der Zeit" begibt, wird sich jedenfalls nicht langweilen. "Ich entdecke heute noch neue Details an den Uhren", sagt Cerdini.

Urlaubermagazin "Grüß Gott"

Dieser Artikel wurde erstmals veröffentlicht im Urlaubermagazin "Grüß Gott" 2019 der bayerischen Landeskirche. Das gesamte Heft kann hier als PDF auf den ELKB-Seiten heruntergeladen werden.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Kulturprojekt statt Verwahrlosung

Festival Sommer im Nussbaumpark.
Seit Jahren kämpft die Bischofskirche St. Matthäus am Sendlinger Tor gegen ungebetene Schlafgäste in den Eingängen, gegen Müll, Fäkalien und Gestank. Um das Problem in den Griff zu bekommen, hatte sich der Kirchenvorstand entschlossen, Gitter an den Eingängen anzubringen. Jetzt wird der Beschluss erst mal ausgesetzt: Denn am 11. Juni startet der "Sommer im Nussbaumpark", eine Aktion der Kreativtruppe von "Urban League", die aus dem verödeten Park wieder ein lebendiges Zentrum machen will. Und die Matthäuskirche? Ist mittendrin.