Seit einigen Tagen verbreitete sich in den sozialen Medien eine außergewöhnliche Prophezeiung: Jesus Christus werde am 23. oder 24. September auf die Erde zurückkehren und die wahren Gläubigen in den Himmel holen. Der Hashtag #raptureTok wurde zum digitalen Sammelplatz für Weltuntergangs-Vorbereitungen.
Vom Jüngsten Gericht zum raptureTok
Das Szenario ähnelt Peter Paul Rubens' monumentalem Gemälde "Das jüngste Gericht" in der Alten Pinakothek - links die Erlösten, die gen Himmel aufsteigen, rechts die Verdammten, die in die Hölle stürzen. Nur dass diesmal alles auf TikTok dokumentiert werden sollte.
Vermerk der Redaktion: Die Welt existiert noch.
Nach Angaben der New York Times entstanden auf TikTok mehr als 300.000 Videos zu dem Thema – einige aus ernsthaftem Glauben, andere aus Belustigung über die Vorhersage. Für die, die sie ernst nahmen, gab es praktische Ratschläge: keine Wochenendpläne machen, das Handy entsperrt lassen, Passwörter für die Hinterbliebenen zugänglich machen, Haus und Auto offenlassen – die Schlüssel sollten leicht erreichbar sein.
TikTok #raptureTok: Wie die Entrückungsvorhersage viral ging
Warum ausgerechnet der 23. oder 24. September? Das Datum geht zurück auf Joshua Mhlakela, einen südafrikanischen Pastor, der sich selbst als "einfachen Gläubigen, nur einen Menschen ohne Amt" bezeichnet.
Mitte Juni 2025 erzählte er in einem Interview auf dem YouTube-Kanal "CettwinzTV", er habe eine Vision gehabt, in der Jesus ihm erschienen sei und angekündigt habe, am 23. und 24. September 2025 die Gläubigen abzuholen ("Rapture"). Mhlakela berichtete, Jesus habe ihm in einem Traum gesagt:
"Ich komme bald. Am 23. und 24. September 2025 werde ich kommen, um meine Kirche zu holen."
Seither verbreitete sich seine Botschaft viral, vor allem auf TikTok, und wurde international in Nachrichtenmedien aufgegriffen, darunter Newsweek, New York Post und Economic Times. Auch Google-Trends registrierte ab dem 20. September einen deutlichen Anstieg der Suchanfragen nach "Rapture".
Biblische Grundlagen: Entrückung und Jüngstes Gericht erklärt
Zunächst zu den biblischen Grundlagen: Zentrale Passagen finden sich in 1. Thessalonicher 4,16–17 und 1. Korinther 15,51–52. Dort heißt es, dass bei der Wiederkunft Jesu die Toten auferstehen und zusammen mit den Lebenden den Gläubigen in Wolken entgegen entrückt werden. Besonders in baptistischen, charismatischen und konfessionslosen Gemeinden ist dieser Glaube heute verbreitet.
Die Eschatologie jedoch visiert kein konkretes Ende an, sondern oszilliert zwischen 'Schon jetzt' (Gegenwart) und 'Noch nicht' (Zukunft) -, wo Gottes Wirklichkeit und Wille sichtbar und spürbar werden. Sie vermittelt Hoffnung angesichts von Krisen und Ängsten, nicht aber die Vorhersage eines weltweiten Katastrophenereignisses.
Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Theologie. Die Lehre von der Entrückung gehört zur Eschatologie. Die Lehre von der Entrückung gehört in der systematischen Theologie zur Eschatologie – der Lehre von den "letzten Dingen". Sie behandelt Tod, Jüngstes Gericht, Auferstehung, die Wiederkunft Christi und damit verbunden auch die Entrückung. Die populäre Vorstellung einer terminierbaren "geheimen Entrückung"unterscheidet sich jedoch grundlegend von der theologischen Eschatologie.
Geschichte der geheimen Entrückung: Vom 19. Jahrhundert bis heute
Die Lehre von einer geheimen Entrückung entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert in bestimmten evangelikalen Kreisen. Besonders unter John Nelson Darby, einem britischen Prediger und Gründer einer evangelikalen, bibelorientierten Freikirchenbewegung in Irland, prägte maßgeblich diese Vorstellung. Fast zeitgleich, 1844, versammelte der New Yorker Farmer und Baptistenprediger William Miller Tausende Anhänger, indem er das zweite Kommen Christi ankündigte – das ausblieb. Dieses Scheitern ging als die "Große Enttäuschung" in die Geschichtsschreibung ein.
Von dort aus verbreitete sich die Lehre von der "geheimen Entrückung" rasch im angelsächsischen Raum, besonders im amerikanischen evangelikalen Umfeld. Im 20. Jahrhundert trugen populäre Bücher wie die "Left Behind"-Reihe, eine Bestseller-Romanserie von Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins, zur weiteren Verbreitung und Popularisierung bei, wodurch Bekanntheit und mediales Interesse stark zunahmen.
Fazit: Entrückung heute – Glaube, Unsicherheit und virale Panik
Auch heute, gerade in Zeiten multipler Krisen, wächst die Sehnsucht nach Orientierung - jedes Ereignis wird zum möglichen Endzeitzeichen gedeutet. Einige Gläubige gingen sogar so weit, das mutmaßliche Attentat auf Charlie Kirk in ihre Endzeittheologie einzubauen: Auf TikTok spekulierten sie, der rechtskonservative Aktivist könne als neuer Märtyrer während der Entrückung auferstehen.
Theologisch ist das kritisch zu sehen. Die Lehre der Eschatologie sagt nichts über den tatsächlichen Weltuntergang aus. Die Entrückung erzählt weniger von der Welt, die kommen wird, als von der Welt, wie sie die Gläubigen heute erleben. In den endlosen Feeds der sozialen Medien verwandelt sich diese uralte menschliche Sehnsucht nach Erlösung in gefährlichen viralen Content – und offenbart dabei mehr über unsere gegenwärtigen Ängste als über die Zukunft der Welt.