17.11.2018
Im Gespräch mit dem "Sea Eye"-Gründer

Tödlicher Abschreckungsfaktor: Jeder fünfte Flüchtende starb 2018 im Mittelmeer

Die private Regensburger Rettungsorganisation "Sea-Eye" sticht wieder mit einem neuen Schiff in See. Nach viermonatiger Zwangspause könne die Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen im Mittelmeer wieder aufgenommen werden, sagte "Sea-Eye"-Gründer Michael Buschheuer im Interview dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Der Regensburger Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer.
Der Regensburger Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer.

Die private Seenotrettungsorganisation sieht sich als Opfer der europäischen Abschottungspolitik. Seit Juni habe "Sea Eye" keine Rettungseinsätze mehr fahren können, weil die Flaggen der Schiffe plötzlich zum Problem wurden, erklärte "Sea Eye"-Gründer Michael Buschheuer. Jetzt soll es unter deutscher Flagge weitergehen. "Sea-Eye" rettete nach eigenen Angaben in den vergangenen drei Jahren mehr als 14.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken.

 

Wann werden die neuen Schiffe einsatzbereit sein?

Buschheuer: Die "Sea-Eye 2" sticht diese Woche noch von Deutschland aus in See, mit deutscher Flagge und deutscher Crew. Das ist uns wichtig, weil wir Probleme mit unseren ausländischen Flaggen hatten. Unser neues Schiff wird in der Lage sein, mit ein paar Menschen an Bord notfalls eine Woche auszuhalten. Dieses professionell geleitete Schiff wird in etwa zwei Wochen das Einsatzgebiet im Mittelmeer erreichen. Das zweite Projekt ist ein Segler, genannt "Bavaria One". Dieses kleine Segelschiff dient der Beobachtung und Dokumentation.

Wir wollen die Öffentlichkeit darüber informieren, was sich derzeit nur noch im Schatten einer tödlichen, europäischen Abschottungspolitik abspielt.

Der Segler wird sich parallel zum großen Schiff in etwa drei Wochen vor der libyschen Küste bewegen.

Inweifern haben Ihre Rettungsaktionen seit Herbst 2017 politischen Gegenwind zu spüren bekommen?

Buschheuer: Jeder Mensch kann verstehen, dass es inhuman und uneuropäisch ist, Menschen an der Grenze sterben zu lassen. Da das Thema aber bewusst vermischt wurde mit den Migrationsbewegungen von Afrika nach Europa, erlauben sich nun viele Menschen die Meinung "Vielleicht hilft es ja, nicht zu retten".

Unsere führenden Politiker haben außer der moralischen Verpflichtung zwar auch noch die Aufgabe des Grenzschutzes und der Stabilität Europas, das verstehe ich sehr gut. Aber sie haben die klare statistische Kenntnis über das Sterben der Flüchtlinge.

Daraus leitet sich eindeutig ab, dass man retten muss. Alle Fachleute, die keinen Nachteil aus der Migration haben, beispielweise die Vereinten Nationen (UN), das UNHCR oder die Internationale Organisation für Migration (IOM), die allesamt unabhängig sind, sagen, dass man dort jetzt Rettungskapazitäten positionieren muss. Die europäischen politischen Kräfte aber ziehen sich einfach zurück - wider jede Vernunft und Menschlichkeit.

Wie viele Menschen sterben derzeit auf dem Mittelmeer?

Buschheuer: Die aktuellen Statistiken stammen von der UNHCR, die die Zahlen sammelt. Dort kann man nachlesen, wie viele Menschen von einem Ort zum anderen fliehen. In absoluten Zahlen sind es über 2.000 Menschen in diesem Jahr, die statistisch erfasst wurden und im Mittelmeer gestorben sind. In Wirklichkeit sind es natürlich wesentlich mehr.

Die Sterblichkeitsrate hat sich entwickelt von eins zu 52 im Jahr 2015, eins zu 27 im folgenden Jahr, zu eins zu 16 im Jahr 2017. In 2018 hat sie einen offiziellen Spitzenwert von eins zu 5 eingenommen. Das heißt: Jeder fünfte Flüchtling, der sich aufs Meer begab, starb.

Im September trat eine leichte Besserung ein, auf eins zu 8. Das sind die aktuellen, mir bekannten Zahlen. Damit sollte der "Abschreckungsfaktor" doch irgendwann als tödlich genug angesehen werden und das Ganze nicht noch weiter auf die Spitze getrieben werden. Wer glaubt, dass man mit eins zu eins Toten noch mehr Menschen abschreckt, als mit eins zu fünf, dem kann man auch nicht mehr helfen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Flüchtlinge

Die private Regensburger Seenotrettungsorganisation Sea-Eye will ihre seit einem Monat ausgesetzte Rettungsmissionen im Mittelmeer fortsetzen. Wie sie mitteilte, sollen die Einsätze der beiden Schiffe Sea-Eye und Seefuchs in einem Bereich von 70 bis 90 Seemeilen vor der libyschen Küste stattfinden. Damit könne der "fortdauernden Bedrohung durch die libysche Küstenwache" Rechnung getragen werden und die Sicherheit der Crew werde nicht gefährdet.