13.12.2019
Oikocredit

Trotz Klimaschutzdebatten sind nachhaltige Geldanlagen bei jungen Leuten noch kein Thema

Jugendliche und junge Erwachsene engagieren sich bei "Fridays for Future". Aber nachhaltiges Geldanlegen ist bei ihnen als Thema noch nicht angekommen, sagen Experten.
Eva Bahner
Eva Bahner, Bildungsreferentin der Nichtregierungsorganisation Oikocredit Förderkreis Bayern beim ersten Festival des Guten Geldes im Nürnberger Kulturzentrum Villa Leon.

Über die Wirkung von Geld ist das Wissen gering, klagt Eva Bahner. Die Bildungsreferentin der Nichtregierungsorganisation "Oikocredit Förderkreis Bayern" stellt auch fest, dass es für Jugendliche und junge Erwachsene bislang auch kaum ein Thema ist, Geld in nachhaltige Anlageformen zu investieren. Nur ab und zu, wenn ein junger Mensch eine Erbschaft mache, wolle er mit diesem Geld etwas Gutes tun, erklärt Bahner.

Manchmal legten auch Eltern oder Großeltern für Kinder oder Enkel Geld so an, dass damit im globalen Süden Kleinbauern mit Kleinkrediten unterstützt werden. Doch wenn die Kinder 18 Jahre alt sind, werde das Geld abgehoben und in das erste Auto investiert. "Die eigene Konsumbereitschaft ist ungebrochen", konstatiert die Bildungsreferentin.

In den Familien sei "das Thema Geld tabuisierter als Sex".

An Schulen stößt die Bildungsreferentin kaum auf Resonanz, wenn sie über das "gute Geld" sprechen will, das Projekte für eine bessere Welt gemäß der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung unterstützt. Selbst von der Vielzahl der Klimademonstranten bei "Fridays for Future" merke sie gar nichts. Dabei hätten Spar- und Anlagegelder auch eine politische Dimension. Über Riester-Sparverträge würde Geld unter anderem auch in Streubomben investiert, beklagt sie weiter.

Oikocredit Bayern hatte jüngst zum ersten "Festival des Guten Geldes" nach Nürnberg eingeladen. Mit Workshops, Vorträgen, Talks und einem Markt des Guten Geldes sollten Jung und Alt informiert werden. Aber lange Zeit waren Referenten und Experten an den Infoständen zahlenmäßig allen Besuchern überlegen. Auch zum Expertentalk mit Ludwig Rahlf, dem Münchner Regionalleiter der genossenschaftlichen Alternativbank GLS, fanden sich nur wenige Interessierte ein.

Das hält Rahlf für nicht repräsentativ: Die "Fridays for Future"-Bewegung habe zu einer "erhöhten Anzahl von Kontoeröffnungen" geführt, weil das Thema Klimaschutz und besseres Wirtschaften nun in der Öffentlichkeit stehe, sagt er. Der Prozess sei zwar nicht aufzuhalten, aber nachhaltiges Anlegen und Wirtschaften führe immer noch ein Nischendasein. Sein Rezept ist "Aufklärung und Bildung als A und O".

Bislang lernen Schüler etwa beim "Planspiel Börse" nur, möglichst viel Gewinn zu machen, ohne die Anlageziele oder das Ziel "Wachstum um jeden Preis" zu hinterfragen.

GLS-Banker Rahlf würde lieber über das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie diskutieren und ob Gewinne von Firmen "per se böse" sind. Entsprechend sieht Rahlf beim nachhaltigen Geldanlegen Nachholbedarf - damit könnte nämlich Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt verringert werden.

Dass sich junge Menschen dafür bislang nur selten interessierten, habe mit Trägheit und Unbedachtheit zu tun, bei der Eltern-Generation eher mit blindem Vertrauen in die Hausbank und dem Postulat "alles muss immer billiger sein".

Die 25-jährige Elena Sulzbeck hat in Schule und Studium immer wieder Aspekte der Nachhaltigkeit bei ihren Altersgenossen thematisiert. Auch für das Thema Geldanlage "als großen Hebel" für Investitionen in gerechtere Firmen oder Projekte rund um "Entwicklung, Klimaschutz und Mobilität" konnte sie Interesse wecken. Der letzte Schritt, tatsächlich das eigene Sparen zu verändern, sei aber die Ausnahme gewesen, erzählt sie.

Ethnologin Sulzbeck selbst arbeitet bei der jungen Genossenschaft ver.de für nachhaltige Entwicklung, die sich als "erste nachhaltige Sachversicherung" sieht. Eine regional begrenzte Fahrradabsicherung gegen Diebstahl ist ihr erstes Produkt, die Sparten Haftpflicht, Hausrat und Co. sollen bald folgen. Das Konzept sieht vor, dass die Versicherungsgelder ausnahmslos nach Nachhaltigkeitskriterien angelegt werden und das auch transparent nachgewiesen wird. Das muss Sulzbeck immer wieder ausgiebig erklären. Sie ist aber optimistisch: "Das Interesse wächst."

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