2.10.2019
Kommentar

Rettungsschiff oder Flüchtlingslager: Worin die EKD ihr Geld investieren sollte

Die Idee, ein eigenes Rettungsschiff zu entsenden, wird innerhalb der evangelischen Kirche seit dem Kirchentag im Juni in Dortmund diskutiert. Eine Resolution der dortigen Teilnehmer hatte die EKD aufgefordert, mit einer eigenen Rettungsmission ein Zeichen zu setzen. Doch ist dies der richtige Weg oder könnte das Geld auf andere Weise effektiver für die Flüchtlinge eingesetzt werden? Ein Kommentar von Timo Lechner.
Die Regensburger Hilfsorganisation "Sea Eye" rettet in Seenot geratene Flüchtlinge im Mittelmeer.

Jesus hatte am Galiläischen Meer den Fischern Simon und Andreas gesagt: "Kommt, folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen." (Matthäus 4, 19) Der Rat der EKD nimmt’s wörtlich und will ein Schiff ins Mittelmeer schicken: zur "Seenotrettung". Ein hehres Ansinnen, hinter dem sich aber oft rein politisch motiviertes Handeln verbirgt, das mit einem Schuss Naivität und Selbstherrlichkeit einhergeht.

Wie im Falle des deutschen TV-Stars Klaas Heufer-Umlauf, der im Juli 2018 zu Spenden aufrief und rund 300.000 Euro für ein NGO-Schiff im Mittelmeer sammelte. Doch ein solches lief niemals aus, da es zu viele bürokratische Hürden zu umschiffen galt, die das Geld versenkten.

Selbstverständlich muss man Menschen, die in nicht hochseetauglichen Booten sitzen, in Sicherheit bringen. Auch wenn sie sich freiwillig in ihre Lage gebracht haben. Jedoch: Indem man sie nicht bei nächster Gelegenheit wieder absetzt, sondern vor der afrikanischen Küste abholt und zu weit entfernten Häfen nach Europa bringt, machen die "Seenotretter" das kriminelle Geschäft der Schleuser mit. Diese gaukeln den Menschen auf den Booten ein besseres Leben vor. Die Mehrzahl dieser Migranten hat in Europa keinen Anspruch auf Asyl. Natürlich stirbt auch deren Hoffnung zuletzt. Meist aber sie selbst auf dem Meer. Ein zu hoher Preis.

Die Ärmsten direkt erreichen

Natürlich sind dies keine Argumente, dem Sterben im Mittelmeer tatenlos zuzusehen. Wir alle müssen uns fragen, was wir dafür tun können, dass Bilder wie das vom kleinen Alan Kurdi, dessen Leichnam im September 2015 nach dem Ertrinken an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt wurde, nicht mehr entstehen. Vor allem die führenden Politiker in Europa, die auf ganzer Linie versagen, wenn es um den Umgang mit Flüchtenden geht.

Das Schiff sei Teil des diakonischen Auftrags der Kirche, sagt die EKD. Vielleicht sollte sie aber, um mit Bertolt Brecht zu sprechen, die "Mühen der Ebenen" auf sich nehmen und im Kleinen ansetzen. Die EKD könnte mit ihrem Geld nachhaltiger in den Ländern wirken, aus denen Menschen flüchten oder in denen sie stranden. Zum Beispiel in den libyschen Flüchtlingslagern mit humanitärer Hilfe dafür sorgen, dass es den Menschen besser geht und sie nicht in die Boote steigen. Oder sich im griechischen Lager Moria auf Lesbos engagieren. 10.000 statt der vorgesehenen 3.000 Menschen leben dort, bei denen Hilfe auf jeden Fall ankäme. Die haben aber kaum eine Lobby in den Medien. Vielleicht geben sie auch nicht so schöne Bilder ab. Aber die Hilfe würde in jedem Fall nachhaltiger sein und den Ärmsten direkt erreichen.

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Sonntagsblatt