17.10.2018
KV-Wahlen

Warum ein Geflüchteter in Nürnberg für den Kirchenvorstand kandidiert

Welche Geschichten sich hinter den Bildern der Kandidaten auf den Listen zur Kirchenvorstandswahl am 21. Oktober verbergen, kann man nur erahnen. Die von Anatolij Korschov aus der Gemeinde St.-Leonhard-Schweinau in Nürnberg würde ein spannendes Drehbuch für einen Polit-Thriller hergeben.
Anatolij Korschov aus Odessa kandidiert für den Kirchenvorstand in Nürnberg
Anatolij Korschov aus Odessa kandidiert für den Kirchenvorstand im Nürnberger Stadtteil St.-Leonhardt-Schweinau.

Seine Chancen bei der Kirchenwahl stehen gut, denn 22 Prozent der Gemeindemitglieder sind Russlanddeutsche - und vielen von ihnen erinnern sich noch gut an staatliche Verfolgungen in der ehemaligen Sowjetunion. Aus Angst um sein Leben hat Anatolij Korschov sich mit Frau, zwei Kindern und der Mutter aus seiner ukrainischen Heimat auf die Flucht nach Deutschland gemacht, nachdem er dort unbequem geworden war. In der Nürnberger Gemeinde St.-Leonhard-Schweinau kandidiert der überzeugte Christ am 21. Oktober für den Kirchenvorstand.

Den Schlüssel zum Gemeindezentrum der Kreuzkirche Schweinau hat er immer am Bund. Schließlich ist Korschov hier regelmäßig zu Gast und gestaltet die monatlich stattfindenden evangelisch-lutherischen Gottesdienste in russisch-deutscher Sprache mit. "Nach dem Gottesdienst trifft sich dann immer unser russischer Hauskreis", erklärt er. Dann wird über biblische Themen diskutiert. "Hierher zu kommen, das bedeutet für mich abschalten und zur Ruhe kommen zu können", sagt er.

In seiner ukrainischen Heimat hatte Anatolij Korschov zehn Geschäfte für Haushaltswaren und war stets politisch engagiert. Bereits während seines Wehrdiensts in den 1990er-Jahren sprach er sich öffentlich für die Abspaltung der Ukraine von der Sowjetunion aus. Er wurde Mitglied der pro-europäischen Volkspartei NRU und 2004 Mitglied von Julia Timoschenkos oppositioneller Batkivschina, in deren Büro er mitarbeitete.

Politisch aktiv in Odessa

Während der Wahlkampagne 2012 wurden auch in seiner Heimatstadt Odessa sogenannte Bezirkskommissionen gebildet, an denen auch seine Partei teilnahm. Korschov bemerkte, dass bei den Wahlen keineswegs alles mit rechten Dingen zuging: Unterlagen wurden gefälscht, fiktive Kandidaten in Kommissionen bestellt, echte Kandidaten aus fadenscheinigen Gründen ausgeschlossen. "Nach dem Zerfall der Sowjetunion fand keine Systemänderung statt. Es wurde lediglich ein Oligarchenclan gegen den anderen ausgetauscht", beschreibt Korschov die Ereignisse.

Während andere die Augen vor der Korruption verschlossen haben, wollte Korschov etwas ändern: Er wandte sich sowohl an die russischen Medien als auch an unabhängige Wahlbeobachter und letztlich an die Generalstaatsanwaltschaft. "Weil ich Mitglied der Bezirkswahlkommission war und Beweismaterial vorlegen konnte, musste die Staatsanwaltschaft die Sache verfolgen", erinnert sich der 49-Jährige.

Sein Vorstoß war ein Stich ins Wespennest. Kandidaten und Vertrauensleute verschiedener Parteien und nicht zuletzt Staatsanwälte hätten begonnen, Druck auf ihn auszuüben.

"Meine Geschäfte und das Café meiner Frau wurden geschlossen, mein Hund erstochen und mein Auto mit Benzin übergossen und angezündet, während ich gerade einparken wollte. Ich wurde ebenso wie mein Geschäftspartner von Unbekannten zusammengeschlagen, er kam aus mysteriösen Gründen um. Da verstand ich, dass ich umgebracht werden sollte", schildert Korschov die Lage.

Ausbildung zum Altenpfleger

Noch im selben Jahr machte sich die Familie auf die Flucht, ließ dabei Haus und Grund zurück. Von der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf aus ging der Weg weiter in eine dezentrale Unterkunft in Nürnberg, wo Anatolij Korschov seither mit zwei Kindern und seiner Mutter lebt, der älteste Sohn hat in Erlangen eine Bleibe gefunden. Die Familie unternimmt seither alles, um als Asylbewerber in Deutschland anerkannt zu werden. Dabei hilft ihnen die evangelische SinN-Stiftung, die in Nürnberg seit 2007 Aussiedlerseelsorge betreibt. Frau Anschela hat eine Ausbildung zur Sozialpflegehelferin begonnen und arbeitet in Fürth, Anatoly hat diese bereits absolviert und bildet sich zurzeit im Adolf-Hamburger-Heim in Nürnberg weiter zum Altenpfleger.

Hoffnung und letztlich der Glaube sind es, die Anatolij Korschov nicht verzagen lassen. "Meine Eltern hatten mich christlich erzogen, ich habe mich aber lange als Atheist gefühlt. Erst durch eine Krebserkrankung bin ich zum Glauben gekommen, wie auch zeitgleich meine Frau. In der Gemeinde in Schweinau engagiere ich mich, weil ich bereits in meinem ukrainischen Heimatland erfahren habe, wie wichtig der Glaube im Leben eines Menschen ist", begründet Korschov seine Kandidatur für den Kirchenvorstand. In Schweinau haben auch die Seelen der Korschovs eine neue Heimat gefunden.

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