Wenn der Ex-Scorpions-Gitarrist Uli Jon Roth (71) im Jahr 2026 das Album "Virgin Killer" in voller Länge auf die Bühne bringt, führt ihn die Reise am 11. Mai nach Nürnberg in den Club Der Hirsch. 

Uli Jon Roth hat international Musiker beeinflusst und war immer mehr als ein Gitarrist einer großen Band: Er ist ein Suchender geblieben, der Musik als Brücke zwischen Mensch, Geist und etwas Übergeordnetem versteht. Über Zeit, Spiritualität, Glauben und das Vermächtnis der Gitarre spricht er im Interview. 

Herr Roth, wenn man auf die Diskografie der Scorpions blickt, gibt es Meilensteine wie "In Trance" oder "Fly To The Rainbow". Warum haben Sie sich entschieden, ausgerechnet das 50. Jubiläum von "Virgin Killer" so groß zu feiern?

Uli Jon Roth: Für mich persönlich war "Virgin Killer" schon während meiner Zeit bei den Scorpions das wichtigste Album. Es war der erste Moment, in dem wir international wirklich gepunktet haben – unser erstes goldenes Album in Japan, was uns letztlich auch dorthin geführt hat. Ich habe das Gefühl, dass wir damals einen neuen Meilenstein gesetzt haben; wir haben uns musikalisch ziemlich weit rausgewagt, und es hat funktioniert. Es war für uns zum damaligen Zeitpunkt einfach die Scheibe. Die Idee zur Jubiläums-Tour kam zwar von einem Freund, aber ich fand sie sofort gut, besonders um das Album auch auf großen Festivalbühnen wie in Wacken zu zelebrieren.

Wie fühlt es sich an, diese alten Songs heute wieder zu spielen? Ist es eine bloße Erinnerung oder fühlst du eine zeitlose Verbindung zu diesen Werken?

Es ist beides. Einerseits ist es wie ein Zeitdokument, fast so, als würde ich in meine alten Tagebücher schauen. Andererseits hat die Musik etwas Zeitloses. Interessanterweise eignet sich dieses Album hervorragend dafür, alle Songs live aufzuführen, was wir früher nie gemacht haben. Doch ich muss sagen: Mein Kopf ist heute, nach 50 Jahren, ganz anders drauf. Damals war ich noch ein Jungblut. Heute schreibe ich große Sinfonien mit Orchester und fühle mich in dieser Welt pudelwohl. Damals hatte ich zwar den Drang dazu und stand schon mit einem Bein in der Klassik – was man an meinen Soli auf "Virgin Killer" merkt, die keine Standard-Rock-Gitarre waren. Aber mir fehlte noch das volle musikalische Rüstzeug.

Der Titel "Virgin Killer" und das ursprüngliche Cover, das ein nacktes Mädchen hinter einer gesprungenen Glasscheibe zeigt, sorgten damals für Kontroversen. Sie haben aber eine sehr tiefgründige, fast spirituelle Interpretation für diesen Titel gefunden. Was steckt für Sie hinter diesem Begriff?

Der Titel kam eigentlich durch eine Begegnung mit der Band Kiss zustande, die wir in Deutschland als Vorband begleiteten. Ich spielte im Übungsraum aus Spaß ein Riff, das diese ganze Sache ein bisschen auf die Schippe nahm, und sang spontan "Virgin Killer". Klaus Meine fand den Titel gut, aber ich stand vor der Herausforderung, daraus etwas mit Tiefgang zu machen. Ich interpretierte den "Virgin Killer" – den Unschuldstöter – als den Dämon unserer Zeit. Menschen werden unbefleckt geboren, aber im Laufe der Zeit bringt die Welt viel Gift in die Menschen, und sie verlieren rein geistig und spirituell ihre Unschuld. Der Song thematisiert die Albträume durch brutale Filme, Umweltverschmutzung und die Bedrohung durch Atomkriege – alles Dinge, die dazu führen, dass wir Teil einer verkehrten Realität werden und unsere Reinheit verlieren.

Das bringt uns zu einem zentralen Punkt Ihres Lebens: der Spiritualität. Sie sind kein Musiker, der einfach nur Riffs runterrattert, sondern für den Musik eine tiefere Erkenntnis darstellt. Wie definieren Sie die Rolle des Geistes in Ihrer Kunst?

Das Wichtigste für mich ist das Geistige und Spirituelle. Schon damals in der Rockmusik war es mein Leitbild, dass Lieder eine positive Message haben müssen; sie sollen etwas Positives beitragen. Alles Geistige braucht für mich ein Fundament, das auf Gottesglauben oder, wie ich es nenne, Gotteswissen beruht. Das ist für mich völlig selbstverständlich: Ich habe schon als kleines Kind an Jesus geglaubt. Meine Eltern waren gar nicht gläubig, aber bei mir war dieses Wissen einfach da und ist nie weggegangen. Es ist wie ein innerer Kompass, der dir sagt, was richtig und falsch ist.

In der Rockgeschichte gibt es viele Bands, die eher mit dunkler Symbolik spielen. Sie haben sich davon immer distanziert. Warum war Ihnen dieser lichtorientierte Weg so wichtig?

Das war für mich nie eine Frage, das kommt von innen. Ich würde niemals, auch nicht zum Spaß, mit umgedrehten Kreuzen oder ähnlichem hantieren, wie es manche Bands tun. Ich glaube, dass hinter dem Vorhang viel tiefere Dinge vorgehen, als man sich träumen lässt, und damit spaßt man nicht. Musik hat für mich – selbst wenn es Rockmusik ist – immer etwas Heiliges, etwas, das an ein Sanktum grenzt. Deshalb zieht es mich auch so zur klassischen Musik, weil ich dort diese Frequenz viel stärker finde als im oft derben Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll, der mich zu Tode langweilt.

Ein Name, der oft fällt, wenn man über Ihre Einflüsse spricht, ist Jimi Hendrix. Er galt als jemand, der die Gitarre fast als kosmisches Instrument begriff. Inwieweit inspiriert Sie sein Ansatz heute noch, mehr als 50 Jahre nach dessen Tod?

Lange Zeit war Hendrix mein wichtigstes künstlerisches Vorbild. Er war spirituell und mental extrem frühreif, ein Suchender, der auf dem besten Weg zu wirklich großen Dingen war, bevor sein Leben mit nur 27 Jahren leider verquer lief. Obwohl ich heute seltener seine Musik höre, weiß ich bei jedem Mal sofort wieder, warum ich ihn früher so bewundert habe. Es gibt Parallelen zwischen uns, aber auch große Unterschiede: Ich kam aus einem behüteten Umfeld mit Gymnasium und stabilen Elternhaus, während er teilweise auf der Straße lebte. Das hat seine Entscheidungen beeinflusst. Aber sein Tiefgang und seine innere kreative Stärke, aus der Tiefe heraus Neues zu schöpfen, bleiben für mich das Maß der Dinge.

Sie werden oft als "Gitarrenheld" bezeichnet. Viele junge Musiker glauben, man müsse nur genug üben, um diese Stufe zu erreichen. Was sagen Sie dazu? Kommt musikalische Tiefe aus der Fingerfertigkeit?

Überhaupt nicht. Mit Üben hat das überhaupt nichts zu tun. Du kannst üben, bis der Arzt kommt, und wirst niemals eine Tiefe durch Üben erreichen. Üben bringt dir Sicherheit und Fingerfertigkeit, aber die Tiefe kommt von innen. Es ist das Bedürfnis, die Dinge zu hinterfragen und sich nicht mit oberflächlichen Antworten oder "Bildzeitungswissen" zufriedenzugeben. Die meisten Musiker bleiben auf einem reinen Handwerkerniveau stehen. Das Handwerk muss man beherrschen, aber die Kunst ist die "höhere Oktave" des Handwerks. Ein echter Künstler schafft Neues aus dem Alten und geht dabei auch Risiken ein.

Die aktuelle Tour führt Sie auch nach Nürnberg. Was denken Sie über diese Stadt?

Wenn ich an Nürnberg denke, denke ich sofort an Albrecht Dürer. Ich schätze das geschichtliche Bewusstsein der Stadt. Ich bin ein Nachkriegskind und habe als Kind noch auf Trümmerfeldern gespielt. Dieses Bewusstsein, dass wir so etwas nie wieder zulassen dürfen, habe ich mit aufgesaugt. Unsere Welt ist in einem katastrophalen Zustand, und das Rad dreht sich immer schneller. Umso wichtiger ist ein Anker wie ein fester Gottesglaube; er nimmt die Angst vor dem Tod und gibt innere Festigung. Trotz aller Düsternis verfalle ich nicht in Trübsal. Ich halte es da mit dem Spruch von Martin Luther: "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen".

 

Karten gibt es hier.