Seit wann gibt es bei den diakonischen Trägern der Bezirksstelle München, Weilheim und Bad Tölz das Projekt „Diakonie verbindet – Wege aus der Einsamkeit" und was war der Auslöser?

Das Projekt ist Anfang des Jahres gestartet. Gedanken dazu haben wir uns schon seit einiger Zeit gemacht. Der Auslöser war die Erkenntnis, dass Einsamkeit viel mehr Lebensbereiche betrifft, als lange angenommen wurde. Früher sprach man bei Einsamkeit fast ausschließlich über ältere Menschen. Dabei war das Thema schon lange in vielen unterschiedlichen Einrichtungen präsent.

Corona hat die Situation noch einmal verschärft – war das auch ein Auslöser?

Ja, als Gemeinschaftsangebote wegfielen und Begegnungsräume geschlossen werden mussten, standen wir vor der Herausforderung, neue Wege zu finden, um Kontakte aufrechtzuerhalten. Diese Erfahrungen haben uns gezeigt: Wir müssen uns dem Thema systematisch widmen.

Was sind die gravierendsten Folgen von Einsamkeit?

Einsamkeit bleibt oft lange unbemerkt. Menschen ziehen sich zurück, brechen soziale Kontakte ab – was sich negativ auf psychische und körperliche Gesundheit auswirkt. Wir sehen erhöhte Risiken für Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, aber auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei bestehenden Erkrankungen wie Demenz kann sich der Verlauf deutlich verschlechtern.

Einsamkeit entsteht selten durch einen einzigen Faktor, meist wirken mehrere Belastungen zusammen. Sie geht über das Individuelle hinaus: Studien zeigen, dass Einsamkeit das Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen kann. Menschen, die sich isoliert fühlen, neigen eher zu Entfremdung und demokratiefeindlichen Haltungen.

Manche halten Einsamkeit für kein neues Problem. Brauchen wir wirklich Fachstellen und Forschungsgelder, oder wird das Thema überhöht?

Es wird oft von einer "Einsamkeitsepidemie" gesprochen, alles sei dramatisch schlimmer geworden. Schaut man sich die langfristigen Zahlen an – und blendet Corona aus – stimmt das nicht. Seit Jahren liegt der Anteil der Menschen, die sich einsam fühlen, bei etwa zehn Prozent. Das ist hoch, aber keine neue Entwicklung.

Corona war allerdings ein Verstärker. In der Pandemie stiegen die Werte in allen Altersgruppen, gerade junge Menschen brauchen noch immer länger, um wieder Normalität zu erreichen. Hinzu kommt: Moderne Gesellschaften setzen stark auf Leistung und Individualisierung – Strukturen, die Einsamkeit begünstigen.

Gleichzeitig schützt ein gut ausgebautes Sozialsystem. In Deutschland gibt es vergleichsweise viele Einrichtungen, die Begegnung ermöglichen, unabhängig von Geld oder Status. Internationale Studien zeigen, wie groß der Unterschied ist: In einigen südosteuropäischen Ländern ist Einsamkeit deutlich stärker ausgeprägt.

Neu ist also nicht das Phänomen selbst, sondern die gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Die Bundesregierung hat mit dem Kompetenznetz Einsamkeit eine Basis geschaffen, auf der mehr geforscht wird. Wenn wir sagen: "Jede zehnte Person fühlt sich einsam", sprechen wir von Menschen, die über längere Zeit soziale Isolation erleben – ein gravierendes Problem für sie und die Gesellschaft.

Also ist nicht jede Form von Einsamkeit gefährlich?

Richtig. Vorübergehende Einsamkeit ist völlig normal. Wer in eine neue Stadt zieht, muss zunächst neue Kontakte knüpfen – das Gefühl ist unangenehm, kann aber motvieren. Problematisch wird es, wenn die Isolation langanhaltend ist und Menschen keinen Weg mehr finden, selbst wieder Kontakte aufzubauen.

Würden Sie sagen, dass junge Menschen sich besonders schwer, aus längeren Einsamkeitsphasen herauszukommen?

Ob sich junge Menschen generell schwerer damit tun, aus längeren Einsamkeitsphasen herauszukommen, kann ich nicht pauschal sagen – dazu habe ich keine belastbaren Erkenntnisse. Was bekannt ist, ist dass die Folgen der Corona-Maßnahmen bei jungen Menschen besonders stark waren und länger in der Statistik sichtbar sind (sowie die genannten Gründe). Viele wurden in einer entscheidenden Lebensphase getroffen: Schulschließungen, fehlende soziale Kontakte – das sind einschneidende Erfahrungen. Deshalb dauert es oft länger, bis sich bei ihnen wieder Normalität einstellt. Wir müssen die neuesten Zahlen abwarten, um zu sehen, wie stark die Auswirkungen noch spürbar sind, aber die Tendenz ist eindeutig: Junge Menschen brauchen länger, um wieder Anschluss zu finden.

Und früher? War das Thema Einsamkeit schon in sozialen Einrichtungen präsent, und wenn ja, in welchem Kontext

Ja, aber meist indirekt. Oft stand das Thema hinter gesundheitlichen Problemen oder finanziellen Notlagen: "Es fehlt das Geld, deshalb kann ich nicht…" Solche Sachfragen standen im Vordergrund, doch dahinter verbarg sich häufig Einsamkeit. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Armut und sozialer Isolation: Wer nicht mobil ist oder nicht an Aktivitäten teilnehmen kann, weil sie Geld kosten, erlebt Einsamkeit.

Viele Menschen drücken ihr Problem über gesundheitliche Beschwerden aus. Manche Erstgespräche in Einrichtungen dauern sehr lange, weil sie kaum noch jemanden zum Reden haben – außer dem medizinischen Personal.

Einrichtungen wie die Bahnhofsmission oder die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit (KASA) haben sich schon lange mit Einsamkeit beschäftigt, nur haben wir es nicht so klar benannt. Jetzt ist es uns wichtig, dass Menschen leichter darüber sprechen können – und dass diejenigen, die helfen wollen, konkrete Wege finden

Geflüchtete scheinen besonders von Einsamkeit betroffen zu sein. Welche konkreten Ansätze bietet die Diakonie für diese Menschen?

Für geflüchtete Menschen spielt das Ehrenamt eine zentrale Rolle. In der Beratung sind unsere Aufgaben gesetzlich verankert, aber viele Unterstützungsbedarfe lassen sich darüber nicht abdecken. Ehrenamtliche in den Unterkünften ergänzen diese Arbeit entscheidend: Sie schenken Zeit, vermitteln gesellschaftliche Orientierung, unterstützen beim Spracherwerb und begleiten die Menschen im Alltag und beantworten Fragen wie: "Wie lebt man hier?"

Darüber hinaus gibt es zahlreiche niedrigschwellige Angebote im Stadtgebiet. Ein Beispiel ist das Familienzentrum "Treffpunkt Familie International" (Treffam), das besonders internationale und geflüchtete Familien anspricht. Hier kann man einfach vorbeikommen, sich ins Café setzen und nach und nach an Gruppenangeboten teilnehmen. Auch Einrichtungen anderer Träger wie das Bellevue di Monaco bringen geflüchteten Menschen und nicht-geflüchteten Menschen zusammen. Solche Begegnungsorte verringern Isolation und fördern Teilhabe.

Geht es bei der Unterstützung also nicht nur um Einsamkeit, sondern auch um Integration?

Genau. Einsamkeit hängt oft eng mit Diskriminierungserfahrungen zusammen. Bei geflüchteten Menschen sind Einsamkeitsgefühle besonders stark, nicht nur durch den Fluchtprozess – viele Kontakte bleiben zurück –, sondern auch durch isolierte Unterbringung in Unterkünften und leider oft durch Diskriminierungserfahrungen. Wenn jemand merkt, dass sich jemand freiwillig Zeit für ihn nimmt, kann das sehr hilfreich sein. Sprachliche Unterstützung ist dabei ein zentraler Faktor.

Würden Sie sagen, dass die Diakonie eher auf präventive Arbeit setzt oder auf Akuthilfe?

Wir sind in beiden Bereichen aktiv. In präventiver Form zum Beispiel in der Sozialpsychiatrie. Dort gehen wir auch an Schulen, weil die Erfahrung zeigt: Es ist wichtig, früh Kompetenzen zu entwickeln, um mit anderen verbunden sein zu können und sich Hilfe zu holen, wenn Lebensphasen schwierig werden. Das ist ein klar präventiver Ansatz.

Gleichzeitig ist die präventive Arbeit in Deutschland insgesamt noch ausbaufähig. Viele Angebote erreichen eher Menschen, die bereits unter Einsamkeit oder anderen Belastungen leiden. Mit unserem Projekt wollen wir aber auch das Thema Einsamkeit sichtbarer machen, sodass es für Betroffene leichter wird, sich Unterstützung zu suchen oder den ersten Schritt zu gehen.

Zeigen sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Bezug auf Einsamkeit?

Die Studienlage ist da uneinheitlich. Deutsche Untersuchungen zeigen, dass Frauen häufiger betroffen sind, internationale Studien kommen zu anderen Ergebnissen. Ob es tatsächlich so ist, dass Frauen einsamer sind, ist unklar – es könnte auch daran liegen, dass Frauen eher bereit sind, über Gefühle zu sprechen, oder dass ihre höhere Lebenserwartung dazu führt, dass sie häufiger Partnerverluste erleben und allein bleiben. Das müsste man noch genauer untersuchen.

Welche Maßnahmen sind besonders wichtig, um Betroffene besser zu unterstützen?

Das Wichtigste ist zunächst die Entstigmatisierung: Es muss überall normal werden, über Einsamkeit zu sprechen. Jeder erlebt mal Phasen, in denen er sich isoliert fühlt, und das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist, die eigenen Ressourcen zu kennen und präventiv zu überlegen: Wie bin ich vernetzt? Wie kann ich reagieren, sollte sich eine Situation ändern, etwa durch den Verlust eines Partners?

Wir haben zum Beispiel eine kleine Postkartenaktion gestartet: Die Idee war, sich bewusst zu fragen: Wen habe ich lange nicht mehr gesprochen? Wie geht es dieser Person? Solche Impulse können auf persönlicher Ebene helfen. Auf gesellschaftlicher Ebene braucht es mehr Akzeptanz für Einsamkeit, stärkere Vernetzung und niedrigschwellige Begegnungsmöglichkeiten – sei es für Mütter, ältere Menschen oder alle, die Care-Arbeit leisten.

Die Politik spielt eine zentrale Rolle. Ein gut ausgebautes Sozialsystem, kostenfreie Begegnungsorte, fachliche Beratung und Prävention sind fundamental. Im medizinischen Bereich wäre es hilfreich, wenn Ärztinnen und Ärzte mehr Zeit für Gespräche hätten, da Einsamkeit oft mit gesundheitlichen Problemen einhergeht.

Auch der öffentliche Raum ist entscheidend: sichere Stadtviertel, Begegnungsmöglichkeiten und Mobilität. Einsamkeit ist nicht grundsätzlich auf dem Land höher, aber ohne Infrastruktur steigt das Risiko. Das betrifft nicht nur Sozialpolitik, sondern auch Wohnungsbau, Verkehr und weitere Bereiche.

Und im Arbeitskontext? Können Unternehmen hier etwas tun?

Auf jeden Fall. Unternehmen sollten bewusst den Blick für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schärfen: Wie geht es Menschen, die dauerhaft im Homeoffice arbeiten? Wie geht es Müttern in Elternzeit – können sie Kontakte halten? Gibt es Gruppen, die ausgegrenzt werden? Einsamkeit hängt eng mit Ausgrenzung zusammen. Ansatzpunkte gibt es auf allen Ebenen, vom Einzelnen über Unternehmen bis zur Politik.

Gibt es noch etwas, das Sie gern sagen würden, das ich nicht gefragt habe?

Mir ist wichtig zu betonen, wie stark Armut und Einsamkeit zusammenhängen. Armut schließt stark aus und verstärkt andere Belastungen, die zu Einsamkeit führen. Wer kein Arbeitseinkommen hat, kann vieles nicht tun – das betrifft etwa Alleinerziehende besonders. Daher sind niedrigschwellige, nicht-kommerzielle Angebote entscheidend, damit niemand ausgeschlossen wird.

Einsamkeit ist oft mit Scham verbunden. Glauben Sie, dass ein offener gesellschaftlicher Diskurs diese Scham verringern kann?

Davon bin ich überzeugt. Einsamkeit ist stark schambehaftet. Das erschwert auch Erhebungen: Die Fragen müssen so gestellt werden, dass Menschen bereit sind, ehrlich zu antworten. Es geht darum, Wege zu finden, diese Scham zu verringern – sei es durch indirekte Gesprächsführung, sozialpädagogische Techniken oder Räume, in denen Menschen einfach zusammen sein können, ohne sich bewertet zu fühlen.

Gerade bei Gruppen, bei denen man Einsamkeit zunächst nicht vermutet, ist das besonders wichtig – etwa bei Müttern in der Elternzeit. Hier braucht es Angebote, die Scham abbauen und Begegnung ermöglichen.

Danke Ihnen für das Gespräch.