Einsamkeit – ein unterschätztes Männerproblem?

Einsamkeit betrifft immer mehr Menschen – doch Männer erleben sie oft anders als Frauen. "Gerade alleinlebende Männer definieren sich häufig stark über den Beruf", erklärt Günter Kusch, Referent für das forum männer der bayerischen Landeskirche.

"Wenn sie in Rente gehen, merken viele: Ich habe keine Freunde, nur Kollegen – und die sind plötzlich weg."

Anders als Frauen, die soziale Kontakte meist intensiver pflegten, hätten Männer oft weniger stabile Freundschaften. "Es fehlt nicht nur an Zeit – sondern auch an Übung", sagt Kusch. Besonders deutlich sei das in der Pandemie geworden. Dort habe sich gezeigt, wie verletzlich viele Männer in ihrer sozialen Struktur seien.

Was Rollenbilder mit Emotionen zu tun haben

Doch woran liegt das? Sind klassische Rollenbilder schuld? "Nicht unbedingt", sagt Kusch. "Die ungleiche Verteilung von Erwerbsarbeit spielt eine große Rolle. Wer viel arbeitet, hat wenig Zeit für Freundschaften – das betrifft nicht nur Männer, aber bei ihnen ist es besonders ausgeprägt."

Entscheidend sei auch der emotionale Umgang mit sich selbst. "Viele Männer haben nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Es fehlen männliche Vorbilder – im Elternhaus, in der Schule, in der Kirche." Gespräche unter Männern drehen sich deshalb oft um Technik, Sport oder Autos – weniger um Persönliches.

Dass es auch anders geht, zeigt die kirchliche Männerarbeit: "In unseren Gruppen öffnen sich Männer sehr wohl – wenn der Rahmen stimmt", betont Kusch. "Ein gemeinsames Essen, ein Thema wie Trennung oder Krankheit – dann sind die Gespräche plötzlich sehr tief."

Kirche als Raum für Austausch und Vertrauen

Die Kirche könne hier viel leisten, sagt Kusch. "Wir haben Räume – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Wir können Orte schaffen, wo Männer sich begegnen, wo Vertrauen wächst." Dabei müsse nicht immer eine Pfarrperson anwesend sein.

"Oft reicht ein Impuls – den Rest machen die Männer selbst."

Ein Erfolgsmodell sei das Projekt "Man(n) trifft sich", bei dem sich Männer regelmäßig zu Themenabenden treffen oder gemeinsame Ausflüge unternehmen. Auch das Online-Format "Singles und Kirche" bringe Menschen aus ganz Deutschland zusammen – in ungezwungener Atmosphäre, aber mit Tiefgang. "Wenn Männer merken, dass sie ernst genommen werden, reden sie auch über Schmerz, Hoffnung oder Glauben."

Zur Person: Günter Kusch

Günter Kusch, Jahrgang 1964, ist Pfarrer und Referent im forum männer der bayerischen Landeskirche. Als Redakteur und Erwachsenenbildner bringt er vielfältige Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit und Bildungsarbeit mit. Nach einem zweijährigen Volontariat arbeitete er in der Lokal- und Kulturredaktion der Regionalzeitung "Der neue Tag".

Seine thematischen Schwerpunkte sind Vater-Kind-Arbeit, Oasentage für Männer, Pilgern, Biografiearbeit, Sport, Erlebnispädagogik und Spiritualität. Ein Fernstudienkurs bei der AEEB in Erwachsenenbildung sowie zahlreiche Fortbildungen – etwa zu Pilgern und Biografiearbeit – ergänzen sein Profil.

Junge Väter: Eine unterschätzte Zielgruppe

Trotz guter Ansätze sieht Kusch Nachholbedarf – vor allem bei jüngeren Männern. "Die meisten unserer Teilnehmer sind über 50. Aber was ist mit den Vätern zwischen 20 und 40? Für sie gibt es kaum Angebote." Dabei liege hier eine große Chance.

Er selbst habe das als junger Vater erlebt: "Müttertreffs gibt es viele, aber Papa-Talks? Kaum." In Nürnberg etwa gebe es einen Erlebnispädagogen mit einem Viertel-Deputat, der Vater-Kind-Angebote organisiert – mit durchschlagendem Erfolg. "Solche Modelle müsste es viel öfter geben", fordert Kusch.

Männer über Stärken ansprechen – nicht über Defizite

Ein zentraler Punkt: die richtige Ansprache. "Wenn wir ein Seminar ,Raus aus dem Burnout‘ nennen, kommt niemand. Aber ,Mit Power den Alltag bewältigen‘ – da ist der Raum voll." Männer wollten sich nicht als Problemgruppe sehen.

"Sie wollen ihre Stärken einbringen – beim Kochen, Werkeln oder Mountainbiken. Und genau darüber entsteht Gemeinschaft."

Auch die Sprache sei entscheidend. Begriffe wie "Therapie" wirkten abschreckend. "Dabei geht es gar nicht um Krankheit, sondern darum, gut für sich zu sorgen. Das zeigt auch die Bibel – denken Sie an Mose, der mit seiner Aufgabe völlig überfordert ist und von Gott Hilfe bekommt. Solche biblischen Vorbilder erreichen Männer oft besser als man denkt."

Zuhören, statt vorschnell Angebote zu machen

Was braucht es also, damit Kirche Männer besser erreicht? "Zuhören", sagt Kusch entschieden. "Nicht gleich ein fertiges Programm präsentieren, sondern fragen: Was bewegt euch? Was könnt ihr – und was wollt ihr einbringen?" Angebote, die gemeinsam mit den Männern entwickelt würden, funktionierten besser.

So habe man etwa jemanden angesprochen, der Fahrräder reparieren kann – und daraus entstand ein Repaircafé.

"Die Männer kommen nicht, weil sie einsam sind, sondern weil sie etwas beitragen können. Und dabei entsteht trotzdem Nähe."

Kirche hat einen spirituellen Mehrwert

Kirche sei mehr als eine Selbsthilfegruppe oder ein Coaching-Angebot, ist Kusch überzeugt. "Wir schenken spirituelle Tiefe, die andere Institutionen nicht bieten können. Wir bieten Männern Räume, in denen sie mit ihren Themen vorkommen."

Und im forum männer packt man das ganz praktisch an, mit Oasentagen zum Auftanken, Pilgereinheiten, sportlichen Aktionen, Bibel-Yoga  oder beim Männersonntag im Oktober: "Hier sind die Männer einmal unter sich und ganz bei sich, kommen miteinander in den Dialog und erleben: Du bist nicht allein – weder mit deinem Leben noch mit deinem Glauben." Was will Mann mehr?