Wie auch wir bereits berichtet haben, sind Männer häufig einsam. Nicht nur, aber auch deshalb entstand der Trend, über eine Male Loneliness Epidemic in den sozialen Medien zu sprechen.
Gemeint ist damit: Männer vereinsamen – im Sinne, dass sie keine Frauen mehr für intime, körperliche oder emotionale Beziehungen erreichen können. Darüber sind sich die meisten, die diesen Begriff verwenden, einig. Uneinigkeit herrscht hingegen bei der Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung.
Ist der Feminismus schuld an männlicher Einsamkeit
Ein Punkt wird dabei jedoch immer wieder benannt: der Feminismus. Wenn Frauen selbstbestimmter, unabhängiger und freier leben können, sind sie nicht länger auf Männer angewiesen. Das bedeutet nicht, dass Frauen keine Beziehungen mehr wollen, aber sie sind nicht mehr gezwungen, eine Partnerschaft einzugehen, nur um finanziell abgesichert zu sein oder gesellschaftlich anerkannt zu werden.
Heute entscheiden sich viele Frauen nur dann für eine Beziehung, wenn diese ihr Leben bereichert – durch emotionale Nähe, gemeinsame Erlebnisse, gegenseitige Unterstützung und echtes Zuhören. Und selbstverständlich gelten diese Erwartungen auch umgekehrt. Wer also von anderen Nähe, Aufmerksamkeit und Respekt erwartet, sollte auch bereit sein, dasselbe zu geben.
Ansprüche an Beziehungen: Warum das "Bare Minimum" nicht mehr reicht
Doch genau hier liegt das Problem: Das "Bare Minimum", also das Allernötigste, reicht in vielen Fällen nicht mehr aus, um eine Frau für sich zu gewinnen oder eine Beziehung aufrechtzuerhalten. Frauen haben Ansprüche – nicht aus Arroganz, sondern aus einem selbstbewussten, feministischen Selbstverständnis heraus.
Das mag für manche Männer unbequem sein. Früher mussten Ehemänner sich oft wenig Mühe geben – ihre Frauen waren wirtschaftlich und gesellschaftlich von ihnen abhängig. Dass diese Zeiten vorbei sind, ist eine Errungenschaft und kein Verlust.
Feminismus als Fortschritt – nicht als Feindbild
Wenn also gesagt wird, der Feminismus sei schuld an der männlichen Einsamkeit, dann liegt darin durchaus ein Funken Wahrheit – aber "Verdienst" wäre ein passenderes Wort als "Schuld". Schließlich haben Generationen von Frauen für diese Errungenschaften gekämpft. Danke dafür! Heißt das, dass Männer einsam sind und Frauen die Verantwortung dafür tragen? Nein.
Denn Männer haben nach wie vor Optionen. Sie müssen nicht allein sein, aber sie müssen bereit sein, sich ernsthaft um Beziehungen zu bemühen. Während viele Frauen von "Princess Treatment", also davon, wie eine Königin behandelt zu werden, träumen, würde es manchen schon reichen, wenn ein Mann keinen unterschwelligen Frauenhass mitbringt, während er unbedingt eine Partnerin sucht.
4B-Bewegung und neue Beziehungskulturen
In Korea, den USA und inzwischen wohl auch in Deutschland gibt es Bewegungen wie die "4B-Aktivistinnen". Diese Frauen entscheiden sich bewusst gegen Partnerschaften mit Männern, weil sie sich von misogynem Verhalten distanzieren möchten. "4B" steht dabei für vier koreanische Begriffe, die alle mit "Bi-" (Nicht, Ohne) beginnen und die vier Grundprinzipien der Bewegung zusammenfassen: Bi-chulsan (keine Kinder), Bi-hon (keine Ehe), Bi-seks (kein Sex) und Bi-yeonae (keine Beziehung) mit Männern.
Die Frauen leben also selbstbestimmt ohne Ehe, Sex, Beziehung oder Kinder – aus freier Entscheidung. Männer erleben Einsamkeit dagegen häufig als etwas, das ihnen widerfährt, ohne dass sie selbst Verantwortung tragen.
Patriarchale Strukturen und emotionale Sprachlosigkeit
Dabei sind viele dieser Entwicklungen in patriarchalen Strukturen verwurzelt. Männer wurden lange dazu erzogen, keine Schwäche zu zeigen, nicht über Gefühle zu sprechen und emotionale Abhängigkeit zu vermeiden. Gleichzeitig wurde Frauen die Selbstbestimmung abgesprochen.
Die Folge: Männern fällt es oft schwer, tiefere Freundschaften zu führen oder ihre Gefühle auszudrücken. Wenn sie keine Partnerschaft finden, schlägt die Einsamkeit oft in Frust und mitunter auch in Frauenhass um. Im schlimmsten Fall mündet das in toxischen Männlichkeitskulturen wie der "Incel"-Bewegung. Auch dazu haben wir bereits im Zusammenhang mit der Serie "Adolescence" berichtet.
Und das, obwohl Bundeskanzler Merz erst kürzlich meinte, Männer könnten sich so gut vernetzen, und Frauen sollten sich daran ein Beispiel nehmen?
Offensichtlich funktionieren diese Netzwerke nur im Business-Kontext – emotionale Vernetzung ist ein ganz anderes Thema. Auch ein gut vernetzter Mann kann einsam sein.
Keine Abrechnung mit Männern – aber ein Appell
All das soll keine pauschale Abrechnung mit Männern sein. Vielmehr geht es darum, eines klarzustellen: Frauen sind nicht verantwortlich dafür, dass Männer allein sind. Ein Mann hat kein Recht auf eine Frau – und umgekehrt genauso wenig.
Anstatt Schuldige zu suchen, sollten wir anfangen, Strukturen zu hinterfragen. Glücklicherweise leben wir in einer Gesellschaft, in der niemand mehr heiraten oder Kinder bekommen muss, um anerkannt zu sein. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen Nähe, Liebe und Verbindlichkeit. Auch das darf sein – aber es braucht die Bereitschaft, daran zu arbeiten.
Ein Patentrezept für gelingende Beziehungen gibt es nicht. Ein paar Grundvoraussetzungen helfen jedoch: Den anderen auf Augenhöhe sehen. Respekt. Offenheit. Gegenseitige Freude. Keine Erwartungen stellen, die man selbst nicht erfüllen möchte. Emotionale Nähe zulassen. Und: sich ehrlich bemühen – nicht um zu gefallen, sondern weil man wirklich Verbindung sucht.
Weniger toxische Männlichkeit, mehr echtes Miteinander
Was wir brauchen, ist weniger toxische Männlichkeit und mehr echtes Miteinander. Denn in einer gleichberechtigten Welt ist Platz für uns alle – auch für die Liebe.