Diakonie
In den Zeiten der Corona-Pandemie ist die Pflege in Deutschland wieder mehr und mehr in den Vordergrund gerückt. Die Vorständin Constanze Schlecht des Diakonievereins Berlin-Zehlendorf erzählt im Sonntagsblatt-Gespräch unter anderem, wieso sie glaubt, dass die neue Bundesregierung die Pflege nicht zu kurz kommen lässt.
Oberin Constanze Schlecht, Vorstand des Diakonievereins Berlin-Zehlendorf

 Es braucht Akademiker*innen in der Pflege. Davon ist Oberin Constanze Schlecht, Vorstand des Diakonievereins Berlin-Zehlendorf überzeugt. Gesundheits- und Pflegemanagement sei eine unentbehrliche Säule im Gesundheitswesen, sagt die heutige Oberin, die vor etwa 20 Jahren Pflegemanagement an der Evangelischen Hochschule Nürnberg studiert hat. Der Studiengang feiert am Freitag sein 25-jähriges Bestehen und hat Schlecht zu einem Vortrag eingeladen.

Sie sprechen sich für mehr Akademikerinnen und Akademiker in der Pflege aus. Gehen denn die Studierten nicht der direkten Pflege am Menschen verloren?

Constanze Schlecht: Nein, das tun sie nicht. Es muss die verschiedenen Kompetenzstufen geben, damit wir professionell begleiten und pflegen können und damit die Versorgung der Bevölkerung sicher gestellt ist. Die Bevölkerung wird älter und chronische Erkrankungen werden zunehmen. Dafür qualifizieren sich die Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs Bachelor of Nursing. Sie haben gegenüber den Pflegekräften aus den Pflegeschulen zusätzliche Kompetenzen, sie wissen, wie sie Material wissenschaftlich auswerten und wie sie dieses für die direkte Pflege nutzbar machen. Absolventinnen und Absolventen des Pflegemanagements verstehen die Gesundheitswirtschaft, sind daher bestens dafür vorbereitet, in den verschiedenen Einrichtungen des Gesundheitswesens Leitungspositionen zu übernehmen, sind aber auch bei Kranken- und Pflegekassen, in der Industrie, bei Behörden oder auch in Hochschulen tätig.

Inzwischen ist in den Pflegeschulen die generalistische Ausbildung eingeführt, das heißt, die Pflegekräfte können in Krankenhäusern, in Kinderkliniken und in Seniorenheimen arbeiten. Manche befürchten, damit könnten gerade der Altenpflege Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren. Wie sehen Sie das?

Schlecht: Ich war eine starke Verfechterin der generalistischen Ausbildung. Sie bietet die Chance, dass mehr Menschen in die verschiedenen Aufgabenfelder der Pflege hineinschauen. Ein junger Mensch interessiert sich vielleicht zunächst nicht für die Altenpflege, wird die aber im Laufe seiner Ausbildung für sich entdecken, merken, dass das seine Berufung ist.

Nun beginnen die Koalitionsverhandlungen einer neuen Bundesregierung. Haben Sie Bedenken, dass das Thema Pflege zu kurz kommt?

Schlecht: Nein, diese Bedenken habe ich nicht, denn die Pandemie hat die Pflege in den Fokus gerückt. Allerdings müssen wir, die zur Pflege gehören, dranbleiben und deutlich machen, welche Rahmenbedingungen nötig sind, die Bevölkerung zu versorgen. Die Pflegeversicherung braucht eine Reform. Auf Dauer kann es nicht bei unüberschaubaren Zuzahlungen für die Pflegebedürftigen bleiben. Wir dürfen die pflegenden Angehörigen nicht vergessen und der Pflegeberuf und die Pflegeausbildung müssen im Fokus bleiben.

Es gibt auch noch eine zu starke Abgrenzung der Sektoren stationärer, teilstationärer und ambulanter Pflege. Dazwischen haben wir immer noch Brüche, beispielsweise, wenn ein alter Mensch aus dem Krankenhaus in die ambulante Versorgung entlassen wird. Da sind es meist die Angehörigen, die das System aufstellen müssen, damit er zurecht kommt, aber Angehörige, die nicht vor Ort sind, sind da überfordert.

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