4.12.2016
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Ruhe für die unruhige Seele

Frau N. wurde Zeugin eines Suizids und bekommt die Bilder davon nicht mehr aus dem Sinn.

Ich bin immer noch sehr aufgewühlt. Vor ein paar Tagen habe ich einen Menschen gesehen, der sich gerade das Leben genommen hatte. Ich habe dann erfahren, dass es eine Frau war, die ich flüchtig kannte: Sie hat in der Nachbarschaft gelebt. Seitdem verfolgt mich das Bild. Ich kann nachts nur noch schlecht schlafen, und manchmal möchte ich gar nicht mehr an dem Ort vorbeigehen, an dem das passiert ist.

Ich wünsche mir so sehr, dass diese Frau Ruhe findet - aber ich selbst fühle mich sehr unruhig. Ich lebe alleine, und als ich meine Mutter gefragt habe, ob ich mal ein paar Tage bei ihr übernachten kann, hat sie gesagt, ich soll mich nicht so anstellen, sondern einfach mit meinem normalen Leben weitermachen. Mich hat das verletzt, aber seitdem traue ich mich nicht mehr, jemandem davon zu erzählen, weil das ja vielleicht alles nicht normal ist, was ich zurzeit empfinde.

Frau N. (42)

Das, was Sie da erlebt haben, ist eine traumatische Erfahrung. Solche Erfahrungen sind mit den normalen, alltäglichen Mitteln nicht zu bewältigen. Ihre Seele spürt, dass etwas Außergewöhnliches passiert ist. So gesehen, ist gerade das, was Sie jetzt erleben "ganz normal". Es wäre viel beunruhigender, würden Sie angesichts solch eines aufwühlenden Erlebnisses so tun, als wäre gar nichts.

Wenn Sie auf sich hören, spüren Sie, was Sie brauchen: Sicherheit, Schutz, Beruhigung. Die Seele sucht Sicherheit dort, wo es früher Sicherheit gab: bei den Eltern. Insofern ist Ihr Wunsch, bei Ihrer Mutter zu übernachten, nachvollziehbar. Ihre Mutter allerdings scheint damit überfordert zu sein. Gibt es eine Freundin, die Sie fragen könnten? Einen Ort, an dem Sie gerne sind, der Ihrer Seele guttut und wohin Sie sich ein paar Tage zurückziehen können?

Das Zweite, was jetzt wichtig ist: Bleiben Sie mit dem, was in Ihnen aufgewühlt wurde, nicht alleine. Auch hier können Sie sich vielleicht an eine verständnisvolle Freundin wenden; es gibt aber in Ihrer Stadt auch Beratungsstellen, die für solche Gespräche zur Verfügung stehen.

Manchmal wird ja durch so ein Ereignis noch mehr innerlich aufgewühlt. Suchen Sie sich einen sicheren Ort, an dem Sie in Ruhe über all das reden können. Lassen Sie sich dabei zu nichts drängen. Reden hilft genau in dem Maß, in dem Sie das Gefühl haben, dass Sie etwas erzählen wollen. Und erlauben Sie sich, so oft davon zu erzählen, wie es für Sie passt; immer wieder zu erzählen, kann mit der Zeit beruhigen.

Und dann ist da noch die Bekannte, die sich das Leben genommen hat und der Sie Ruhe wünschen. Auch das kann ich sehr gut verstehen. Als Pfarrerin kann ich Menschen, die nur noch diesen Ausweg sehen, in meiner Trauer und Ratlosigkeit nur in Gottes Hand legen und ihn bitten, zu tragen, was für uns und für den, der nun nicht mehr bei uns ist, nicht mehr tragbar erschien.

Mir hilft es, wenn ich für diesen Menschen (und für die, die um ihn trauern) in einer Kirche eine Kerze anzünde. Diese brennende Kerze ist ein Bild, das mich beruhigt und mich wieder ein wenig Licht im Dunkeln sehen lässt. Vielleicht ist das ja auch eine Möglichkeit für Sie?

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