15.02.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Wie kann man sich Gott vorstellen?

Herr N. ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen und im Sinne des Sozialismus atheistisch erzogen worden. Nun hat er den Glauben für sich entdeckt. Wie aber kann er sich Gott vorstellen?
Weisse Blumen auf der Wiese und Sonnenschein

Ich bin in den neuen Ländern groß geworden und habe den Sozialismus mit der Muttermilch aufgesogen. Zu meiner Muttermilch gehörte auch der Atheismus, damals als "wissenschaftliches Weltbild" verkauft. Doch an dieser Stelle ist für mich vieles in Fluss geraten. So interessiere ich mich sehr für das Christentum. In mir ist eine große Sehnsucht nach etwas Größerem, Umfassenderen. Die Sehnsucht nach Gott ist geradezu zu meinem Lebensthema geworden. Ich lese viel darüber, spreche mit allen möglichen Leuten und vertiefe mich auch immer wieder in die Bibel.

Schwierigkeiten kommen vor allem vom Denken, aber auch vom Fühlen her. Ich kann mir Gott einfach nicht als himmlisches Wesen vorstellen, womöglich auch noch auf einem Thron, allmächtig und allwissend. Dieser Gott ist mir zu weit weg, zu abgehoben, zu gefühllos, zu lebensfern, und mein Eindruck ist, dass es vielen Menschen ähnlich geht, auch ohne sozialistische Vergangenheit.

Gibt es nicht andere Vorstellungen? Vorstellungen, die von der Liebe zum Leben reden, von einer anderen, besseren Welt und von Gott, der darin beheimatet ist und nicht irgendwo über den Wolken thront?

Herr N.

Schön, wie Sie mir Ihr Lebensthema anvertrauen. Mir fallen dazu Verse von Nelly Sachs ein: "Alles beginnt mit der Sehnsucht, / immer ist im Herzen Raum für mehr, / für Schöneres, für Größeres ...". Ich ermutige Sie sehr, in dieser Sehnsucht zu bleiben und sich von ihr führen zu lassen, auch wenn Sie keine schnelle Antwort finden. Auch im Unterwegssein liegt Sinn – wie es das Gedicht in den letzten Zeilen erbittet: "So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, / Dich zu suchen, / und lass sie damit enden, / Dich gefunden zu haben."

Dabei haben Sie sicher recht. Es gibt so viele, die mit dem traditionellen Himmelswesen nichts mehr anfangen können. Es gehört zum Reichtum des Christentums, dass es auch ganz andere Gottesvorstellungen entworfen hat. Sicher ist es kein Zufall, dass gerade die Symbole der Mystik heute so viele Menschen ansprechen.

Ich denke etwa an Hildegard von Bingen, die große Lehrerin des Hochmittelalters. Sie zeichnet ein ganz nahes Bild: "Gott atmet in allem, was lebt." Ein Bild, das uns zur Achtsamkeit und Wertschätzung einlädt. Das uns für alles Lebendige empfindsam und wertschätzend macht. In unseren Mitmenschen, in allen Lebewesen, in Pflanzen und Tieren, in allem. Auch in uns selbst. Deswegen auch die Bitte "Atme in mir, Gott."

Gott atmet in allem, was lebt. Ein Bild, das ohne jede Machtdimension auskommt. Geschwisterlich, fürsorglich, mitfühlend lässt es uns sein. So wie es in einem Kirchenlied aus unseren Tagen heißt: "Einsam bist du klein, aber gemeinsam können wir Anwalt des Lebendigen sein." Anwalt Gottes sein. Atme doch in mir, Gott.

Zum Schluss: Unmittelbar bevor ich Ihren Brief öffnete, hatte ich in meinem Losungsbüchlein das Bibelwort für den Tag gelesen: "Die Gott suchen, denen wird das Herz leben ..." (Psalm 69, 33). Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie die Suche nach Gott nicht nur als mühsam erleben, sondern immer wieder auch als Herz erwärmend und belebend.

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